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Versiegende Goldadern

Im Osten entstanden nach 1990 ungewöhnlich viele Spielkasinos. Nun sind sie in der Krise

  • Von Harald Lachmann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Spielbanken zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen sind von der bundesweiten Kasinokrise besonders betroffen. Auch ein »Las Vegas des Ostens«, das ausländische Investoren in Vockerode nahe Dessau (Sachsen-Anhalt) planten, bleibt wohl Wunschdenken.
Sollte zum »Las Vegas des Ostens« werden: das frühere Braunkohlekraftwerk Vockerode nahe Dessau
Sollte zum »Las Vegas des Ostens« werden: das frühere Braunkohlekraftwerk Vockerode nahe Dessau

Das Geschäftshaus am Magdeburger Ulrichplatz 1 ließ schon vorher in seinem Gewerbemix aus Konditorei, Jobvermittlung, Friseursalon und Krankenkasse nicht eben auf eine Goldader schließen. Und im Grunde war die Spielbank Magdeburg, die hier zwischen Brustkrebsvorsorgepraxis und Kinderwunschzentrum ihre Salons für Roulette, Black Jack und Automatenspiel platziert hatte, auch längst keine mehr. Die Umsätze der Spielbanken Sachsen-Anhalt GmbH, die auch Kasinos in Halle und Wernigerode betreibt, sanken zuletzt von 10,8 Millionen Euro im Jahr 2002 auf deutlich unter die Hälfte.

Nur Pokerturniere schienen noch zu lohnen. Doch auch damit ist nun Schluss. Die Sybil-Group, eine israelische Betreibergesellschaft, die ihren Sitz auf Zypern hat, strich unlängst endgültig die Segel. Dicht gemacht wurden kurz darauf auch die Spielbanken in Halle und Wernigerode. Die Betreiber kamen damit einem drohenden Lizenzentzug durch das Land zuvor (ND berichtete). Denn schon eine Weile hatten sie sich außerstande gesehen, fällige Steuern abzuführen.

Geld für die Landeskasse

Schon Silvester 2009 wäre fast das Aus für das konzessionierte Glücksspiel in Sachsen-Anhalt gekommen. Quasi erst fünf vor zwölf einigte sich seinerzeit Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) mit den Privatinvestoren. Für eine Million Euro erwarb die Sybil-Group die drei Spielbanken – ein Trinkgeld. Dennoch man war glücklich darüber, denn eine Abwicklung der Landesgesellschaft wäre 7,5 Millionen Euro teuer gekommen. So aber übernahmen die neuen Besitzer auch die Verbindlichkeiten. Und sie versprachen damals, von den erhofften Einnahmen bis 70 Prozent an die Landeskasse abzuführen.

Sachsen-Anhalt ist kein Sonderfall im Osten. Sachsen machte 2010 mangels Masse zwei seiner fünf Spielbanken dicht, konkret Görlitz und Plauen. Aber auch bei den Spielbanken in Leipzig, Dresden und Chemnitz, wo es seit Langem ohnehin nur noch Automatensalons gibt, sieht es mau aus. 2010 ging der Gesamtumsatz auf 8,5 Millionen Euro zurück; 2008 waren es noch 17 Millionen Euro. Gerade noch 90 000 Spieler kamen in die Kasinos.

Übermütige Planer

Peinliches bietet gar Thüringen. 43 Kommunen bewarben sich einst, als das Land in den 1990er Jahren eine einzige Kasinokonzession ausschrieb. Nicht unerwartet bekam Erfurt den Zuschlag – und seither erhält die Stadt auch Zuschüsse ohne Ende dafür. Das Land trägt die Mietkosten für die Spielbank, die sich in einem Luxushotel einquartierte, alimentiert aus Steuertöpfen deren Unterhalt und stundet zugleich dem Betreiber, der Duisburger Westspiel GmbH, überfällige Steuern. Im Gegenzug erhält es nur einen Bruchteil der kalkulierten Spielbankabgaben.

Lange Zeit galt der Spruch: »Die Bank gewinnt immer«. Die Kasinos wurden zu Goldeseln der öffentlichen Hand, denn zwischen 20 und 80 Prozent der Einnahmen – abhängig von Bundesland und Umsatzhöhe – sind abzuführen. Auch in Sachsen-Anhalt, wo die erste Spielbank ihre Roulettekugeln noch auf einem Elbdampfer kreisen ließ, spielte das Gewerbe seit 1993 über 70 Millionen Euro in den ewig klammen Landesetat ein.

So entstanden gerade in den neuen Bundesländern alsbald ungewöhnlich viele Kasinos. Rechnet man die beiden in Berlin hinzu – je eins in West und in Ost – sind es zwanzig. Aber manche Planung basierte wohl auf Übermut oder Selbstüberschätzung. Während sich Baden-Württemberg drei Spielbanken leistet (Baden-Baden, Konstanz, Stuttgart), auch Nordrhein-Westfalen lediglich vier, sind es auch in Brandenburg drei (Cottbus, Frankfurt (Oder), Potsdam). An der ostdeutschen Küste betreiben sogar zwei Gesellschaften insgesamt sechs Salons – in Bad Doberan, Heringsdorf, Rostock-Warnemünde, Schwerin, Stralsund und Waren (Müritz).

Bundesweit an der Spitze rangieren indes Niedersachsen und Bayern mit zehn beziehungsweise neun Kasinos, vornehmlich in Ferienregionen. Dabei kranken inzwischen fast alle 92 Spielhöllen zwischen Kiel und Konstanz an der Umsatzflaute. Bei der Deutschen Spielbanken Interessen- und Arbeitsgemeinschaft (DeSIA) führt man dies auf das Rauchverbot sowie auf die Ausbreitung des Automatenspiels zurück. Überdies lässt sich im Internet an über 2000 Glücksspielportalen zocken. So schrumpfte der Umsatz der deutschen Spielbanken von rund einer Milliarde Euro 2004 auf unter 600 Millionen Euro.

Der gesamte deutsche Glücksspielmarkt »erspielt« dagegen – samt Lotto und Toto – etwa 27 Milliarden Euro jährlich. Allein die 220 000 einarmigen Banditen erbringen das 4,5-fache des Bruttospielertrages der Spielbanken. Zudem droht nun noch politischer Ärger. Denn der Staatsvertrag, der das Glücksspiel regelt, steht beim EU-Gerichtshof in Kritik, weil er gerade für die Droge Automatenspiel unklare Regeln enthält. Derzeit basteln die Länder an einer Neufassung.

Rien ne va plus …

Auch bei der Sybil-Group ist man sicher, dass »der traditionelle Kasino-Markt stirbt«. Für das Unternehmen war der Einstieg in Sachsen-Anhalts Kasinos eigentlich auch nur als Zwischenschritt vorgesehen: Sie planten ursprünglich im einstigen Braunkohlekraftwerk Vockerode nahe Dessau ein »Las Vegas des Ostens«. Für 300 Millionen Euro sollten in der backsteinernen Industriebrache an der Elbe Hotels, Theater, Wellness sowie ein opulentes Event- und Kasinozentrum nebst Yachthafen entstehen. Doch trotz vollmundiger Ankündigungen tat sich hier nie wirklich etwas. Rien ne va plus …

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