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Propagandafeldzug um Gaza-Flotte

Israel unterstellt Aktivisten Gewaltbereitschaft / Organisatoren: Gezielte Diskreditierung

  • Von Martin Lejeune, Korfu
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Medienkampagne der israelischen Armee gegen die Gaza-Flotte, die noch in dieser Woche auslaufen soll, ist auf Hochtouren. »Die Armee wertet die Gaza-Flotte als militärischen Angriff auf Israel«, sagte die Oberste Armeesprecherin, Avital Leibovich, am Dienstagabend gegenüber Journalisten in einer Telefonkonferenz.
Warten auf die Abfahrt: Teilnehmergruppe des europäischen Schiffes auf Korfu
Warten auf die Abfahrt: Teilnehmergruppe des europäischen Schiffes auf Korfu

Leibovich behauptete, die israelische Armee habe die US-amerikanische Gruppe der Flotte mit einer geheimdienstlichen Quelle infiltriert. Von dieser Quelle habe Israel die Information erhalten, dass während des Treffens der Gruppe am Montag in Athen Mitglieder die Absicht geäußert hätten, gezielt israelische Soldaten töten zu wollen.

»Das sind absurde Vorwürfe. Es gibt keinen Spion in unseren Reihen und wir haben auch nicht vor, Gewalt anzuwenden«, bestritt gegenüber ND ein Mitglied der US-Gruppe, das an besagtem Treffen teilgenommen hatte, die Äußerungen Leibovichs. »Die Israelis haben eine lange Tradition im Lügen, um ihre Unterdrückungspolitik der Palästinenser zu rechtfertigen. Hätten sie auch nur einen Beweis für ihre Anschuldigungen, hätten sie diesen längst der Weltöffentlichkeit unter die Nase gerieben.«

Leibovich wies gegenüber ND den Vorwurf zurück, Israels Armee betreibe mit dem Verweis auf die Quelle und angeblich geplante Gewalttaten Desinformation: »Ich habe Beweise, die wir aus Sicherheitsgründen, um unsere Quelle zu schützen, nicht herausgeben können. Ich stehe aber mit meinem Namen hinter dieser Information. Sie ist absolut zutreffend.«

Leibovich behauptete weiterhin, dass Teilnehmer an Bord der Flotte Chemikalien gegen Armeeangehörige anwenden wollten, sollten die Schiffe geentert werden. Dazu gehörten Säuren, die sehr gefährlich wären, wenn sie mit menschlicher Haut in Verbindung kämen: »Diese Chemikalien werden erst an Bord aus Dünger hergestellt. Dünger darf legal nach Gaza eingeführt werden. Es gibt keinen anderen Grund, Dünger zu laden, als diesen als Waffe gegen die Soldaten zu missbrauchen.«

Khalid Tarrani, Sprecher der Europäischen Kampagne zur Beendigung der Blockade des Gaza-Streifens und einer der Initiatoren der Flotte, entgegnete in Korfu auf die Vorwürfe: »Wenn Teilnehmer tatsächlich geäußert hätten, dass sie vorhaben, Chemikalien als Waffen einzusetzen, hätten wir diese sofort aus der Flotte entfernt. Denn wir sind eine friedliche Gruppe, die keine chemischen Waffen gegen Menschen einsetzen wird. Israel lügt, um die friedfertigen Teilnehmer an der Aktion gezielt zu diskreditieren.«

Die israelische Armee werde bei einer Kaperung der Schiffe nicht zwischen Teilnehmern und Journalisten differenzieren, so Leibovich. Journalisten würden wie alle anderen Passagiere auch verhaftet, verhört, ihnen würde die Ausrüstung zum Zwecke der Zensur abgenommen. Ausdrücklich wurde der ND-Autor von israelischer Seite wie auch vom Auswärtigen Amt in Berlin vor der Mitfahrt an Bord eines Schiffes der Gaza-Flotte gewarnt.

Leibovich wies darauf hin, dass Israels Armee zwölf Journalisten an Bord eines Marineschiffes zu der möglichen Kaperung mitnehmen werde. Diese dürften den Einsatz beobachten. Daher sei es nicht nötig, als Journalist auf einem der Schiffe der Flotte mitzufahren. »Wir möchten, dass unser Einsatz transparent verläuft für die Weltöffentlichkeit. Wir werden Livebilder per Satellit von dem Einsatz streamen, weil wir nichts zu verheimlichen haben.«

Nach mehreren Teilnehmern hat nun auch einer der Kapitäne seine Sorge über die Militanz einiger Aktivisten geäußert. Vor allem Frauen würden sich als »Einpeitscher für die Gaza-Sache« hervor tun. »Bisher glaubte ich an eine friedliche Aktion, wie es auf den haufenweise ausliegenden Pamphleten zu lesen ist«, erklärte der Mann, der anonym bleiben will. Einige der Frauen hätten zum Widerstand gegen Aktionen des israelischen Militärs aufgerufen. »Nun wird mir klar, was beim Kapitänsmeeting gemeint war, als gesagt wurde, wir sollten die Aktivisten im Auge behalten und sie zur Räson rufen, falls die Schiffe gestürmt würden.«

Noch in dieser Woche sollen sich nach Angaben der Organisatoren rund zehn Schiffe vor der Küste der griechischen Mittelmeerinsel Kreta treffen, um die von Israel verhängte Seeblockade um den Gaza-Streifen zu durchbrechen und Hilfsgüter in das Palästinensergebiet zu bringen.

Es wird erwartet, dass rund 350 Aktivisten aus insgesamt 22 Ländern an der Passage teilnehmen, unter anderem aus Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien und Spanien. Israels Regierung hatte die Marine des Landes am Montag angewiesen, eine Ankunft der Hilfsflottille im Gaza-Streifen zu unterbinden.

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