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»Hoffentlich hält sich die Bräune«

Museum für Kommunikation Berlin: Ansichten über die Ansichtskarte

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Grüße aus der Ferne an die Heimat lassen sich auf den ungewöhnlichsten Postkarten verschicken: Aus Tonga wurde diese beschriftete Kokosnuss nach Düsseldorf geschickt.
Grüße aus der Ferne an die Heimat lassen sich auf den ungewöhnlichsten Postkarten verschicken: Aus Tonga wurde diese beschriftete Kokosnuss nach Düsseldorf geschickt.

Noch bis August läuft im Museum für Kommunikation (10117 Berlin, Leipziger Str. 16) eine kleine Ausstellung zu einem recht jungen Zivilisationsgewinn, der es dennoch schon auf die Rote Liste der bedrohten Arten geschafft hat: die Ansichtskarte. Das Landschaftsmotiv, die Veranstaltungs-, Kondolenz- und Glückwunsch-, die Erinnerungs- und Propagandakarte.

Einen Raum beansprucht sie in dem Museum, das 1872 auf Anregung des preußischen Generalpostmeisters Heinrich von Stephan als erstes Postmuseum der Welt gegründet wurde. Es gibt keine sensationellen, bisher nie gesichteten Exponate; bloß die Facetten einer Ansichtskartensammlung des Museums, dessen Fundus zu dieser kleinen Form 250 000 Stück umfasst. Studenten des Instituts für Europäische Ethnologie der Humboldt-Uni hatten, vielleicht nach aufsteigender Ahnung von den zweischneidigen Segnungen »sozialer Netzwerke« wie Facebook und Twitter und vertrauter Nervensägen wie Handy (»Nur Lakaien sind immer erreichbar«) herausfinden wollen, worin heute der Reiz liegt, Postkarten zu schreiben.

Das Ergebnis ist nicht ganz überraschend, wie die Projektteilnehmer in einer Umfrage im Freundes- und Bekanntenkreis herausfanden. Etwa hundert Personen hatten die Bögen ausgefüllt. Die »überwiegende Mehrheit« sieht in einer Ansichtskarte heute den »Ausdruck entgegengebrachter Wertschätzung«. Gerade weil dies immer seltener geschieht – 98 Prozent der Briefkasteneingänge sind Rechnungen, Mahnungen und andere Drohungen –, lösen solche Empfängnisse »Freude aus«. Die meisten Befragten sehen in handgeschriebenen Karten ein Zeichen besonderer Aufmerksamkeit. Wer eine bekomme, »freut sich heute mehr über die geschenkte Zuwendung als über die Nachricht an sich«. Auch dies letztlich ein Kommentar zu den schnellen, vielfach praktischen Kommunikationsformen unseres Jahrhunderts: Ich wünschte Zuwendung – und erhielt eine Mail.

Die für die meisten Zeitgenossen rasch sinkende Wahrscheinlichkeit, heute noch regelmäßig sehenswerte, persönliche und insofern einmalige Postkarten zu empfangen und selbst zu schreiben, hat zwei Folgen: Erhält man doch mal eine bemerkenswerte Ansichtskarte, ist die Überraschung perfekt, die Freude ungeteilt und die Bereitschaft groß, diese Ansichtssache zum Sammlerstück zu machen – in der Schublade, als Lesezeichen, an der Pinwand oder unter einem Magneten am Kühlschrank. Zweite Folge: Namentlich in kleineren Städten und Gemeinden wird es immer schwerer, überhaupt noch eine Karte zu erwerben. Wer einmal versucht hat, in einer Tankstelle in Niederbayern, einem Papiergeschäft in Dinslaken oder einem Laden in der Uckermark aus einem noch so kleinen Angebot von Ansichtskarten wählen zu können, weiß, wovon die Rede ist. Die Frage nach einer Ansichtskarte macht Sie zum Exoten. »Können Sie etwa noch mit der Hand schreiben?«

Seit Post- und Ansichtskarten im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts gegen anfangs erheblichen Widerstand (»unmoralisch und beleidigend«, weil offene Sendungen gegen das Postgeheimnis verstießen) Allgemeingut wurden, eroberten sie sich ein weites Feld. Sie waren billiger als Briefe und bedienten bald auch die uralte Erkenntnis: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Die Postkarte war eine Mehrfacherfindung. Sie tauchte in den 1860er-Jahren zeitlich nahe in den USA und Frankreich, England, Preußen und Österreich auf. Nachdem sie zunächst lediglich auf der Basis bilateraler Abkommen verschickt werden durften, konnten sie ab 1878 in die meisten Länder der Erde versandt werden. Aus dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 ging nicht nur die nationale Einheit in Blut und Eisen hervor, sondern als Gewinner des Tages auch die Postkarte. Sie erlebte ihre Feuertaufe im Pulverdampf beidseitigen Chauvinismus’. Die mobilen Truppen erhielten im Juli 1870 Portofreiheit. Daraufhin fanden bis Dezember rund zehn Millionen »Feldpost-Correspondenzkarten« den Weg aus den Schützengräben in die Heimat.

Anfang vorigen Jahrhunderts erlebten Du-du-liegst-mir-am-Herzen-Karten, Postkarten mit sehnsuchtsvollen Darstellungen ihre Hochzeit. Mit dem Beginn des Massentourismus eroberte sich die Erinnerungs- und Protzkarte vom Schlag »Ich bin hier gewesen« ihren Platz. In der DDR gewann die Renommierkarte aus Nessebar (»Hoffentlich hält sich die Bräune«) ihren Stellenwert. Und wer – wenn er sich dort schon nicht selbst nasse Füße holen konnte – eine Ansichtskarte von den Niagara-Fällen in seiner Sammlung hatte, war ein fast so gemachter Mann wie der Besitzer einer Dylan-Scheibe.

Geheimdienste haben Postkarten stets geliebt. Sie erleichterten ihnen Umständlichkeiten, die mit Briefen einherging. Ernsthaft behindert hat sie das Eine wie das Andere nicht. Wer mit seiner stillen Post ihre Argwohn weckte, hatte immer schlechte Karten, ob sie nun offen oder im Umschlag daherkamen. Dass die Karte, die die Welt veränderte, ganz das Zeitliche segnen oder aber durch die kalauernde Gratiskarte (»Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein«) ersetzt werden könnte, ist weder ausgemacht noch ausgeschlossen. Umso glücklicher darf sich schätzen, wer im Bekanntenkreis jemanden hat, der statt SMS, Emails oder Computerbriefe Karten im Dutzend von Hand mit Füllfeder geschrieben verschickt und so Freude in Potenz verbreitet. Auf diese rare Kategorie geht die Ausstellung im Museum gar nicht ein. Aber es gibt sie.

Bis 14. August, Dienstag bis Freitag 9-17, Samstag, Sonntag, Feiertag 10-18 Uhr.

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