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Die bitteren Kosten der Ananas

In Costa Rica fordert der massive Anbau der billigen Südfrucht Tribut von Land und Leuten

  • Von Laura Zierke, San José
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Ananasanbau für den Export boomt in Costa Rica Die Exporterlöse sind in den letzten zehn Jahren auf 461 Millionen Euro steil angestiegen. Die Kosten durch Abholzung und Grundwasserverschmutzung trägt die ansässige Bevölkerung, die sich zu wehren beginnt.
Der Ananasexport Costa Ricas boomt, viele Arbeiter leiden derweil an den Folgen des Herbizideinsatzes.
Der Ananasexport Costa Ricas boomt, viele Arbeiter leiden derweil an den Folgen des Herbizideinsatzes.

Ein nicht enden wollender Zug von Trucks zerschneidet die Landschaft. Tag und Nacht fahren die mit Ananas und Bananen beladenden Fahrzeuge mit den Aufschriften Del Monte, Chiquita und Dole an die Atlantikhäfen und zurück. Monokulturen prägen das Bild des Karibikkantons Limón im Nordwesten des Landes. Costa Rica ist zum Exportland Nummer Eins für Ananas aufgestiegen. Die steigende Nachfrage verschafft Arbeit und löst gleichzeitig große Besorgnis in der Bevölkerung aus.

Die Plantagenarbeiter, die inmitten der Felder in ihren Ortschaften leben, sind durch den massiven Einsatz von Herbiziden starken Umweltbelastungen ausgesetzt. In vier Gemeinden ist das Leitungswasser durch den Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln derart kontaminiert, dass seit dem Jahr 2007 insgesamt 6000 Familien mit Trinkwasser aus Tanklastern beliefert werden müssen, so auch in El Cairo.

Aide besitzt dort einen Gemischtwarenladen. »6000 Menschen leben hier«, erklärt sie, während sie uns in ihre Küche führt. Die Tränen lassen sie vorerst stocken, doch dann beginnt Aide zu erzählen: »Wir kämpfen hier seit vier Jahren für sauberes Trinkwasser aus der Leitung. Wir wussten ja zunächst nicht, dass das Wasser verseucht ist und die Unternehmen der Ananasplantagen Herbizide wie Bromacil sprühen. Die beiden Brunnen, aus denen wir unser Trinkwasser geholt haben, sind kontaminiert.«

In der Küche stehen Töpfe und Plastikkanister gefüllt mit Wasser. Es sind sieben Personen in der Familie, kein normaler Kühlschrank kann so viel Wasser über Tage frisch halten. »Der Wassertanklaster kommt unregelmäßig vorbei, mal an aufeinanderfolgenden Tagen, manchmal kommt er die ganze Woche nicht«, erzählt Aide. Trinken, Kochen, Körperpflege, das Gemüse im Garten gießen, die Tiere versorgen, Wäsche waschen, all diese Vorgänge können nicht mit diesem zugeteilten Wasser bestritten werden. Und nicht immer können die Menschen zu Hause sein, wenn die Lieferung kommt. Sie greifen dann doch auf das Leitungswasser zurück, da das knappe Plantagenarbeitergehalt nicht ausreicht.

Die Anwohner zweifeln an der costaricanischen rechts-liberalen Regierung, die in den letzten drei Jahren für den Wassertransport 316 Millionen Colones (etwa 430 000 Euro) ausgab. »Pläne für eine Leitung, die das Wasser aus den Bergen in die betroffenen Gemeinden brächte, existieren und die Umsetzung würde nur 80 Millionen Colones (etwa 101 000 Euro) kosten«, so die Vorsitzende der Assoziation Ländliche Aquädukte (ASADA) Xinia Briceño.

Der Kontakt mit den eingesetzten Herbiziden macht Anwohner und Plantagenarbeiter krank. Die Menschen leiden unter Hautpilzen, Sehschwächen, Kopf- und Bauchschmerzen, Krebskrankheiten und Unfruchtbarkeit, Kinder kommen mit Missbildungen zur Welt. Die Sprühflugzeuge machen vor den Ortschaften, die inmitten der Plantagen liegen, nicht Halt. Aide erklärt, dass die tropischen Regengüsse ihr Übriges tun: »Wir wohnen direkt neben der Ananasplantage, das heißt also, dass die giftigen Sprühflüssigkeiten uns direkt erreichen, sie schwemmen durch unsere Gärten, Kinder, Tiere, alle sind betroffen. Ich weiß nicht, wie das in anderen Ländern ist, aber ich bin entsetzt, wie wenig Sicherheit es in Costa Rica gibt. Wie ist es möglich, dass an diese Unternehmen Lizenzen vergeben werden? Sie sprühen hier nachts um zwei Uhr, damit es keiner mitbekommt und wir bekommen das direkt ab.«

Für das Anlegen der Plantagen werden die Wälder abgeholzt, die Böden sind nach der mehrjährigen Nutzung für Monokulturen ausgelaugt. Die verwendeten Chemikalien gelangen in die Gewässer und sickern ins Grundwasser. Die Anwohner beklagen sich, dass es kaum noch Fische in den Flüssen gibt.

Auf den Monokultur-Plantagen gibt es Ananaspflanzen so weit das Auge reicht, kein schattiges Plätzchen in Sicht. Brütende Hitze begleitet die Arbeiter Tag für Tag auf dem Feld. 23 000 direkt Beschäftige zählen die 31 zumeist transnationalen Ananasunternehmen im Land zusammen. Das Gehalt der Arbeiter beläuft sich zumeist auf den Mindestlohn. Teilweise wird jedoch weniger bezahlt. Neben den Gehältern werden auch die fehlende Sozialversicherung und die Arbeitsbedingungen kritisiert. Die meisten Arbeiter trauen sich jedoch nicht, gegen ihre Arbeitgeber vorzugehen.

Bislang zeigte sich die costaricanische Regierung wenig bereit, auf die Forderungen der Betroffenen einzugehen und beispielsweise ein von den Regionalregierungen vorgeschlagenes landesweites Moratorium für Ananaspflanzungen zu erklären. Die Verantwortlichkeit blieb vorerst an der Bevölkerung kleben. Aida aus El Cairo nimmt die Sache ernst: »Wir müssen das hier öffentlich machen! Wir kämpfen weiter für ein besseres Costa Rica, ja sogar für eine bessere Welt. Wir können uns doch keine Zukunft vorstellen, in der alle Wasser verschmutzt sind, denn wenn wir die Quellen, Flüsse und Meer nicht schützen, was wird passieren?«

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