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Mit Abai nach Astana

Heute vor 20 Jahren erklärte die einstige Sowjetrepublik Kasachstan ihre Unabhängigkeit

  • Von Roland Etzel, Astana
  • Lesedauer: 6 Min.

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Der Zerfall der Sowjetunion vor 20 Jahren machte aus 15 Unionsrepubliken unabhängige Staaten. Für manche von ihnen ein Experiment, dem man bis heute keinen positiven Ausgang bescheinigen kann. Nicht so Kasachstan. Die nach Russland zweitgrößte einstige Sowjetrepublik, die heute den 20. Jahrestag ihrer Eigenstaatlichkeit feiert, strotzt geradezu vor Erfolg und Moderne, Wohlstand und Selbstbewusstsein.

Von einem großen Platz im Zentrum der Hauptstadt blickt Abai, der Dichter, vom hohen Sockel herab auf sein Volk. Es ist nicht seine Stadt, dieses Astana, kann sie auch nicht sein. Was heute als Hauptstadt gilt, ist nicht gewachsen in Jahrhunderten, sondern unübersehbar nach Computer-Design aus der Steppe gestampft in wenigen Jahren; verstörend logisch geordnet, gigantisch wie Schanghai und dennoch bemüht, die Millionen Tonnen Beton, Glas und Stahl ein bisschen ins Kasachische zu übersetzen.

Astana entgeht so zwar nicht dem Schicksal der Uniformität mit anderen neuzeitlich erdachten Ersatzmetropolen wie Brasilia oder Yamoussoukro in der Elfenbeinküste, versucht aber, sein mittelasiatisches Gesicht mittels verblüffender baulicher Ideen zu wahren. Die berühmtesten Architekten der Neuzeit waren Nursultan Nasarbajew, Präsident seit Bestehen seines Staates, dafür gerade gut genug. Sir Norman Foster, Schöpfer der Berliner Reichstagskuppel, ist im Zentrum Astanas gleich zweimal vertreten.

Öffnung für Ideen und auch für Kapital

Als Abai 1904 mit 58 Jahren starb, war aus der knapp 100 Jahre zuvor gegründeten Zarenfestung Akmolinsk gerade so etwas wie eine Stadt geworden. Sie ist großenteils noch da, nördlich des Flusses Ischim, der Astana durchzieht. Abais steinernes Abbild – für die Kasachen lautet sein voller Name Ibrahim Qunanbajuly, für die Russen Kunanbajew – residiert im hypermodernen Astana, und da gehört er auch hin. Denn »Abai« – der »Einsichtige« – war nicht allein Dichter, sondern tat etwas für einen Absolventen einer mittelasiatischen Koranschule geradezu Unerhörtes: Er beschäftigte sich mit den Dichtergrößen der christlichen Welt seiner Zeit, übersetzte als erster Lord Byron, Goethe und Lermontow in seine Sprache.

Kasachstan dem Geist der Welt zu öffnen, ist auch als Credo der heutigen Staatsführung unübersehbar, und nicht allein dem Geist. Ist es Zufall, dass Abai neben einem Bankgebäude steht? Wie auch immer – Rubel-, Euro-, Dollar-, Dirham- und Dinar-gestütztes Kapital tummeln sich nach Herzenslust im Land. Die Großbaustellen wachsen immer noch, die Supermärkte ebenso. So ist der Handelskonzern Metro lange vor der ersten U-Bahn in Astana angekommen. Solange Kasachstans Gas- und Ölquellen sprudeln, wird sein Markt für Verbrauchsgüter weiter wachsen.

Westeuropas Tand ist auch für kasachische Tenge erhältlich. Begehrlichkeiten nicht nur nach der Glitzerwelt von Dior und Lancome, sondern nach handfestem Zuwachs an Lebensstandard, sind bei jährlichen wirtschaftlichen Wachstumsraten von acht bis neun Prozent erklärlich. Arbeiter des Erdölsektors, durchaus im oberen Bereich der Verdiensttabelle, sind seit mehreren Wochen im Ausstand für mehr Lohn. Nun heißt es, wenige Tage vorm Jubiläum habe es Übergriffe der Polizei gegen Streikende gegeben. In Astana war davon für den Besucher nichts zu erfahren. Dennoch, der britische Musiker Sting, auf Dutzenden Großplakaten in der ganzen Stadt angekündigt, sagte am Montag sein für den selben Tag geplantes Konzert deswegen ab. Schade, »Fields of Gold«, einer seiner Erfolgstitel, hätte zu Astana gepasst.

Was immer geschehen sein mag, ein sozialer Brennpunkt ist Kasachstan sowohl im ex-sowjetischen als auch im asiatischen Kontext auf keinen Fall. Chevron und Exxon aus den USA, ENI aus Italien und Total aus Frankreich, die hauptsächlich Kasachstans Gas und Öl fördern, haben dem Staat keine so unvorteilhaften Verträge wie etwa Irak oder Nigeria überhelfen können. Astana partizipiert, und von – freundlich ausgedrückt – schlechter Regierungsführung, Korruption und Staatskriminalität wie in den südlichen Nachbarrepubliken kann keine Rede sein. Kasachstan sei »in unserer Region geradezu die Musterdemokratie, wie die EU in Europa«, scherzte Außenminister Jershan Kasychanow gegenüber unserer Journalistengruppe.

In der Tat hat Kasachstan keine blutigen Machtkämpfe durchlitten wie Tadshikistan, keine bürgerkriegsähnlichen Zusammenstöße zwischen verschiedenen Ethnien wie Kirgistan, keinen ausufernden Personenkult wie Turkmenistan.

Auf das zu Beginn der 90er Jahre recht gespannte Verhältnis der Kasachen zu den Russen, der größten Minderheit im Lande, möchte heute offenbar keine der beiden Seiten mehr angesprochen werden. Viele Russen verließen damals Kasachstan oder wurden dazu genötigt, geschuldet einem emanzipativen Bedürfnis der Einheimischen nach wohl häufig erlebten »großrussischen« Allüren. Die Abwanderung schadete am Ende wohl beiden, Kasachen wie Russen.

Das scheint vorbei zu sein. Etwaige Animositäten haben längst Pragmatismus Platz gemacht; erleichtert natürlich dadurch, dass keine Mangelwirtschaft verwaltet werden muss. Nicht weniger als 120 ethnische Gruppen bevölkern die 2,725 Millionen Quadratkilometer Kasachstans, das ist mehr als das Siebenfache der Fläche Deutschlands.

Der Minister für Handel und wirtschaftliche Entwickung, Kairat Kelimbetow, macht im Gespräch mit uns Journalisten aber auch darauf aufmerksam, dass Astana heute seinen Blick genauso nach Süden und Osten richtet. China, mit dem Kasachstan eine 2000 Kilometer lange Grenze verbindet, wird schon heute als ein mit Russland gleichrangiger strategischer Partner angesehen.

Und da sind ja auch noch jene Staaten, mit denen Kasachstan seine dominierende Religion, den Islam, gemeinsam hat. Die Emirate am Persischen Golf haben ebenso wie die Türkei die Einladung zum Export von Geist, Kultur und Ideologie nach Kasachstan mit Begeisterung angenommen. Aus Ankara das Schulbuch, aus Abu Dhabi ganze Moscheen. Nicht weniger als 30 Moscheen davon sind in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten allein mit finanzieller Unterstützung der Vereinigten Arabischen Emirate in Kasachstan (wieder)aufgebaut worden.

Freizügigkeit im Schatten der Moscheen

Stolz zeigt man uns die in neuem Glanz mit goldener Kuppel erstrahlende Nur-Astana-Moschee mit angeschlossenem muslimischen Zentrum. Imam Kalishan Sankojew erzählt in lockerem Russisch, dass der Emir von Katar das Bauwerk persönlich mit mehr als sechs Millionen Dollar unterstützt habe. Auf seinen Vorschlag hin seien die vorher 40 Meter hohen Minarette auf 63 Meter aufgestockt worden. Der Prophet Mohammed ist 63 Jahre alt geworden.

Der vielleicht naheliegende Gedanke, auch Kasachstan wandle nun etwa am Rande irgendeines Fundamentalismus, scheint aber fehlzugehen. Der Freizügigkeit des Lebens zumindest in Astana hat die Re-Islamisierung keinen Abbruch getan. Ganz selbstverständlich sitzen Frauen und Männer in Restaurants, trinken Bier und Wein, zusammen und auch allein. Frauen müssen sich in puncto Mode keinerlei religiösen Restriktionen unterwerfen. Selbst vorige Woche, während der Astana Gastgeber der Tagung der Islamischen Konferenz war und Hunderte Gäste auch aus den Hochburgen äußerst rigoroser Auslegungen der Religion Mohammeds beherbergte, zeigte sich die Hauptstadt liberal.

Außenminister Kasychanow hat nichts dagegen, dies als Ausweis religiöser Toleranz zu sehen. Als monumentales Zeichen dessen steht im Zentrum nahe des Präsidentenpalastes eine Pyramide aus Glas. Sie sei nicht das Symbol eine bestimmten Religion und könne folglich sinnbildlich für die Koexistenz verschiedener Religionen an einem Ort stehen. Diese Erkenntnis ist noch kein Allgemeingut in der Region.

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