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Wer will die Korporierten?

Wiener »Teutonia« übernimmt Vorsitz im rechten Burschen-Flügel

Sie wollen die »Ostgebiete« jenseits der Oder und Neiße wiederhaben, und manche wollen nur »Volksdeutsche« in ihren Reihen. Aber wer will die Deutschen Burschenschafter, wenn selbst die Münchner Sudetendeutsche Landsmannschaft sie nicht will?

Das haben sich die Aktivas und Alten Herren von der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) sicher anders vorgestellt. Am kommenden Samstag wollten sie ihr 50-jähriges Bestehen mit einem Kommers feiern – der offiziellen Form des verbindungsstudentischen Kneipenabends. Dort wird feierlichen Reden gelauscht und nach genauen Tischregeln und althergebrachten Riten gesoffen, was das Vaterland hergibt.

Abgehalten werden sollte die Festivität in den Räumlichkeiten der sudetendeutschen Landsmannschaft in München. Doch deren Haus bleibt den Korporierten verschlossen: Der Vertriebenenverband kündigte den Mietvertrag, da die BG den Vertriebenen schlicht zu rechts sein dürfte und sie um ihre staatliche Finanzierung fürchten. Das geht aus internen Papieren hervor, die ND vorliegen. Die Sache ins Rollen gebracht hatten die bayrischen Grünen mit einer kleinen Anfrage im Landtag. Diese hätten als »verlängertes Sprachrohr von a.i.d.a. fungiert, einer linksextremen Münchener Antifa-Organisation« agiert, heißt es bei der BG. Tatsächlich hatte die »Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München«, kurz a.i.d.a., bereits Mitte Juni mit einer aufklärenden Artikelserie über die BG begonnen.

Ganz schön rechts

Gegründet wurde die Burschenschaftliche Gemeinschaft im Juni 1961 von rund 40 Burschenschaften aus Deutschland und Österreich. Die Gründung war eine Reaktion auf den Burschentag in jenem Jahr, auf dem es der extrem rechte Flügel nicht geschafft hatte, für Anträge zur Vereinigung der deutschen und österreichischen Burschenschaftsverbände die erforderliche Mehrheit zu bekommen. Auf der Website der BG heißt es unter »Standpunkte«: »Grundlegend für die Burschenschaftliche Gemeinschaft ist dabei, dass keine freiwillige Abtretung der Ostgebiete stattgefunden hat und somit eine einseitige Verletzung des Völkerrechts vorliegt.« ... »Weiterhin unterstützt die Burschenschaftliche Gemeinschaft den volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff ohne Rücksicht auf staatliche Gebilde und deren Grenzen.« Konkret verbirgt sich dahinter ein völkischer Deutschtumsbegriff, der sich in seinen geografischen Ausprägungen von Maas bis Memel und Etsch bis Belt erstrecken würde. Von daher ging es beim Streit im Dachverband DB 1961 wohl auch darum, dass die späteren BG-Mitglieder nicht nur die »Ostmark« heim ins Reich holen wollten.

Umso ärgerlicher dürfte für die BG die erneute Aufregung um ihr Treffen sein. Neben der 50-Jahr-Feier soll am 16. Juli auch der BG-Vorsitz übergeben werden – nach ND-Informationen an die Wiener Burschenschaft Teutonia. Diese ist sattsam bekannt. In den 80er und 90er Jahren waren bekannte und teils militante österreichische Neonazis Mitglieder der Teutonia. Im Jahr 1993 durchsuchte die Polizei das Verbindungshaus in Zusammenhang mit einer Serie von Briefbombenattentaten. Zuletzt machte die Teutonia von sich reden, als sie einem gefeuerten Mitarbeiter der rechtspopulistischen FPÖ in seinem Verhalten »Einklang mit der Bundlinie« bescheinigte: Der gemeinte Bundesbruder Jan Ackermeier hatte sich in der »Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland« engagiert, die den jährlichen Naziaufmarsch in Dresden organisiert.

Der Dachverband der Burschen in Uniform, mit bunter Mütze, Tüddelband und scharfer Hiebwaffe, die Deutsche Burschenschaft (DB), zählt in seiner Gesamtheit zu den am weitesten rechts orientierten Studentenverbindungen. Im Unterschied beispielsweise zu den Landsmannschaften agieren die Burschenschaften aktiv politisch. Der letzte Burschentag der DB Mitte Juni hatte für Wirbel gesorgt, weil die Verbindung der »Raczeks zu Bonn« einen Antrag eingebracht hatte, dass künftig nur Männer »volksdeutscher« Abstammung aufgenommen werden dürften.

Gemäßigte Alte Herren?

Der gemäßigtere konservative Flügel stellt zwar schon länger die Minderheit in der DB, dennoch wurde mit der Rostocker Redaria eine Verbindung an den Vorsitz gewählt, die zu dieser Minderheit gehört. Die Konservativen lehnen allzu direkte Kontakte zu bekennenden Nazis ab, sind aber in der Frage der »Ostgebiete« oft gleicher Meinung. In internen Stellungnahmen der Redarier zum DB-Vorsitz äußern »Alte Herren« teils deutlich ihre Meinung. Sie begrüßen die Übernahme und äußern noch allerhand an Meinung. Einer spricht sich dafür aus, »auf keine Gebiete zu verzichten« und sich zudem notfalls »mit gerichtlicher« Hilfe gegen die zu wehren, die versuchen, »uns in die rechtsextreme Ecke zu drängen«. Ein anderer entschuldigt sich für sein Fernbleiben vom Bundesconvent. Der Grund: Er habe zu der Zeit mit anderen Bundesbrüdern »unser ehemaliges Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika« bereist.

Für den Kommers der Burschenschaftlichen Gemeinschaft am 16. Juli scheint unterdessen ein neuer Ort »im Großraum München« gefunden, schrieb jetzt die bisherige BG-Vorsitzende »Raczeks zu Bonn«. Sie erachtet es »aufgrund des medialen Drucks als wichtig, weiterhin in München zu feiern und nicht dem antifaschistischen Druck zu weichen«.

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