Von Fabian Lambeck

Die vergessene Generation

Wendekinder der DDR entdecken sich selbst

Die Kindheit in der DDR verbracht und die Jugend in der Bundesrepublik: Am Wochenende trafen sich die Wendekinder der Jahrgänge 1975 bis 1985 auf der Konferenz »3te Generation Ostdeutschland«. Gemeinsam suchten die 130 Teilnehmer nach so etwas wie einer Identität.
Spielten bislang in der Forschung keine Rolle: Jene Jungen Pioniere, die die Wende als Kinder erlebten und sich oft ohne Hilfe ihrer verunsicherten Eltern im neuen System zurechtfinden mussten.
Spielten bislang in der Forschung keine Rolle: Jene Jungen Pioniere, die die Wende als Kinder erlebten und sich oft ohne Hilfe ihrer verunsicherten Eltern im neuen System zurechtfinden mussten.

Was tun, wenn das Land, in dem man seine Kindheit verbracht hat, nicht mehr existiert? Was tun, wenn man Kindheit und Jugend in zwei grundverschiedenen Systemen verbracht hat und sich weder Historiker noch Soziologen dafür interessieren? Ganz einfach: Man organisiert einen Kongress und lädt Betroffene zum Erfahrungsaustausch ein. Auch um zu sehen, was geblieben ist von jener DDR, der man seine frühkindliche Sozialisation verdankt. Am Wochenende kamen in Berlin erstmals Angehörige jener »3ten Generation Ostdeutschland« zusammen. Die dritte Generation – das sind die DDR-Jahrgänge 1975 bis 1985. Die ältesten waren beim Mauerfall 14, die jüngsten gerade einmal 4 Jahre alt.

Den passenden Rahmen für das Treffen bot das ungarische Kulturzentrum »Collegium Hungaricum« im Herzen Berlins. Waren es doch die Ungarn, die im Sommer 1989 ihre Grenze gen Westen öffneten und damit jene Ereigniskette in Gang setzten, die zur größten Zäsur im Leben der Wendekinder werden sollte. Doch wer organisiert ein Treffen dieser Generation, die bislang in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle spielte? Wenn man so will, war die Konferenz so etwas wie Hilfe zur Selbsthilfe. Angeschoben wurde das Projekt von der 31-jährigen Politikwissenschaftlerin Adriana Lettrari. Das nötige Geld kam von der Bundesstiftung Aufarbeitung. Die Initialzündung jedoch war eine Sendung der TV-Talkerin Anne Will zum 20. jährigen Einheitsjubiläum 2009. »Da wurde über Ostdeutsche diskutiert – und zwar fast nur von Westdeutschen«, betont Lettrari am Freitag während der Vorstellung der Projektgeschichte. Schnell fand sie damals Gleichgesinnte wie die gebürtige Marzahnerin Katarina Günther. »Wir haben erstmals am Kindertag 2010 zusammengefunden und wir alle hatten dieses wahnsinnige Bedürfnis, uns auszutauschen«, erinnert sich die Juristin. Bereits das erste Treffen wirkte für viele wie eine kleine Befreiung: »Endlich konnte ich einmal darüber reden«, so Katarina Günther. Am Anfang sei da nur dieses »diffuse Gefühl« gewesen, doch schließlich habe man entdeckt, dass »hinter diesem Gefühl etwas steckt, das uns alle verbindet«, erläutert die junge, hochgewachsene Frau, die derzeit an ihrer Doktorarbeit schreibt..

Mandy Schulze, die ebenfalls zu den Organisatoren des Berliner Meetings gehört, betont: »Die Konferenz ist ein Versuch, diesem Gefühl ein Forum zu geben«. Schnell fügt die im sächsischen Löbau geborene Pädagogin hinzu: »Wir betreiben hier keine Ostalgie. Es geht uns auch nicht darum, die DDR als Diktatur zu verteufeln. Wir wollen nicht verklären und nicht kriminalisieren. Es geht hier um unsere eigene, persönliche Geschichte«.

Schlüsselerlebnis Wende

Eine persönliche Geschichte, die offenbar viele teilen. Der Panoramasaal des ungarischen Kulturzentrums ist an allen drei Konferenztagen gut gefüllt. »Wir hatten über 130 Anmeldungen«, freut sich Katarina Günther. Und so saßen sie da, die Vertreter der »3ten Generation«. Gleichsam auch die letzte, denn eine vierte DDR-Generation sollte es nie geben. Doch es ging den Organisatoren nicht nur um reine Vergangenheitsbewältigung. Deshalb stand jeder der drei Tage unter einem anderen Motto: Vergangenheit reflektieren, Gegenwart analysieren und am dritten Tag sollte Zukunft gestaltet werden. Der Freitag stand jedoch ganz im Zeichen der Erinnerung an die Zeit des Umbruchs. Eine Zeit, in der die eigenen Eltern keine echte Hilfe waren. War ihre bis dahin gesammelte Lebenserfahrung doch wertlos geworden im neuen System. Und so mussten auch die Eltern von Null anfangen – zusammen mit ihren Kindern.

Beim ersten Erfahrungsaustausch in kleinen Runden wird schnell deutlich, was die Kinder damals am meisten beschäftigte. »Die Arbeitslosigkeit meiner Eltern war schlimm. Sie saßen den ganzen Tag zu Hause rum und wussten nichts mit sich anzufangen«, berichtet eine Teilnehmerin. »Unsere Lehrer waren total verunsichert, wir konnten uns fast alles erlauben und haben das auch ausgenutzt«, erklärt ein verschmitzt lächelnder Sachse. »Ich habe bis heute das Gefühl, dass mir meine Heimat abhanden gekommen ist«, sagt eine andere Teilnehmerin ganz leise. Doch was verbinden die Wendekinder mit ihrer Heimat, die nicht mehr existiert? Ist die Heimat zur Utopie in ihrer ureigensten Bedeutung geworden? Zu einem U-Topos – einem Nicht-Ort, der nur in Erinnerungen fortlebt?

Die Heimat als Nicht-Ort

In wenigen Worten sollten die Teilnehmer am Freitag niederschreiben, was für sie der Osten, die DDR war und ist. »Keine abgeschlossenen Haustüren«, schrieb da einer. »Verstanden werden«, ein anderer. Oder einfach: »Menschen, die mir näherstehen als Westdeutsche«. Die eigenen Wendeerfahrungen hätten für »einen anderen Blick auf die heutige Gesellschaft« gesorgt. Wer als Kind gesehen hat, wie ein System einfach so zusammenbricht, der traut auch dem heutigen nicht so recht über den Weg.

Für viele Wenderkinder bot die Konferenz zum ersten Mal die Möglichkeit, sich im größeren Kreis über die eigenen Erfahrungen auszutauschen. »Du darfst im Westen nicht den Mund aufmachen«, berichtet eine leicht sächselnde Frau, die in Bayern ihres Dialekts wegen angefeindet wurde. Ein anderer beschwerte sich, dass man seine persönliche Sicht auf die DDR nicht akzeptiere. Alles, was über Schießbefehl, Stasi und Mangelwirtschaft hinausgehe, so der Berliner, werde »als Ostalgie abgetan«.

Die Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Miethe erklärt den Wenderkindern am Sonnabend das dahintersteckende Prinzip »Dominanzkultur«. Sie sei im Westen erst zum Ossi gemacht worden, berichtet Miethe, die jeglicher Ostalgie unverdächtig ist. Verwehrte man ihr in der DDR doch das Studium.

Zu den Strategien der Dominanzkultur, so Miethe, gehöre das Leugnen von Ungleichheit nach dem Muster: »Es gibt doch keine Unterschiede mehr zwischen Ost und West«. Dazu komme die Individualisierung des Problems: »Du mit deiner Ostalgie. Da bist du aber ganz alleine«. Ebenso wie die Problemverschiebung, also die Ossis für ihre prekäre Lage selbst verantwortlich zu machen. Die Dominanzkultur wirkt: Im Anschluss an den Vortrag beschwert sich eine Zuhörerin: »Ich habe den Großteil meines Lebens damit verbracht, mein Ossi-Sein loszuwerden«. Miether hatte das Phänomen zuvor bereits benannt: »Imitation: Die Ossis versuchen westdeutscher zu sein als die Westdeutschen«.

Kreativer durch Umbruchserfahrungen

Doch offenbar wachen die Eliten in der Dominanzkultur darüber, dass nur die eigenen Sprösslinge Führungspositionen übernehmen. Der Magdeburger Soziologe Raj Kollmorgen meint, die dritte Generation besitze wegen ihrer DDR-Abkunft »relativ geringe Chancen, in Elitepositionen aufzusteigen«. Diese bleiben vor allem ihren westdeutschen Altersgenossen vorbehalten. Eine verlorene Generation also? Wohl kaum. Die meisten der Konferenzteilnehmer stehen mitten im Leben. Wie eine interne Erhebung ergab, lag selbst die Arbeitslosenquote bei den Gästen mit fünf Prozent weit unter dem Bundesdurchschnitt.

Sind sie vielleicht sogar innovativer? Kollmorgen vermutet, dass »die Heterogenität der Erfahrungen die eigene Kreativität fördert«. Allerdings sieht der Wissenschaftler bei den Wendekindern die Chancen eher als Außenseiter, also jenseits des Systems. Sind sie also jene kreativen Köpfe, die den sich langsam leerenden Osten wieder mit Leben füllen können? Am Sonntag präsentierten sich ebenso ungewöhnliche wie speziell ostdeutsche Projekte. Etwa die Leipziger Stiftung »Elemente der Begeisterung«, die sich der Förderung von Toleranz und Internationalität verschrieben hat. Die einzige deutsche Stiftung übrigens, die nur von Studierenden getragen wird. »Wir haben echte Pionierarbeit geleistet, aber ich war ja auch bei den Jungen Pionieren«, erklärt einer der Stiftungsgründer schmunzelnd. Sie nehmen sich, die Gesellschaft und ihre Autoritäten eben nicht so ernst, jene Vertreter der dritten Generation, die – wie Ingrid Miether meint –, »auf der ganzen Welt zu Hause sind, nur nicht in der eigenen Heimat«.

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