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Die großen Friedhöfe unter dem Mond

Vor 75 Jahren putschen Spaniens Generale – Mallorca im Krieg (Teil 1)

  • Von Werner Abel und Peter Fisch
  • Lesedauer: 6 Min.
Der Klerus marschiert vereint mit Putschisten und Guardia Civil durch Palma
Der Klerus marschiert vereint mit Putschisten und Guardia Civil durch Palma

Hunderttausende Deutsche und Touristen aus aller Welt verbringen ihren Urlaub auf Mallorca. Die Meisten werden nicht wissen, dass diese landschaftlich reizvolle Insel vor 75 Jahren der Schauplatz einer Orgie gnadenlosen Terrors war. Schon nach der Ausrufung der Zweiten Republik in Spanien am 14. April 1931 waren auf der Insel die Republikaner in der Minderheit geblieben. Selbst der Sieg der Volksfront am 16. Februar 1936 konnte daran kaum etwas ändern. Die Mallorquiner, in der Regel sehr religiös und politisch desinteressiert, hatten ohnehin ein gespanntes Verhältnis zu dem, was auf dem Festland geschah. Die Zentralregierung hatte es schwer, die amtlichen Stellen auf der Insel mit ihren Anhängern zu besetzen, denn auch die Linken Republikaner der Balearen, deren spanisches Pendant Mitglied der Volksfront-Regierung war, arbeiteten mit an einem Autonomie-Statut für die Region.

Sonneninsel unter Kriegsrecht

Ein Schlächter hoch zu Ross: »Conde Rossi«.
Ein Schlächter hoch zu Ross: »Conde Rossi«.

Angesichts der strategischen Bedeutung Mallorcas für die von Nordafrika aus gegen die Republik operierenden Putschisten kam es schon am Tag nach dem Beginn des Staatsstreiches am 18. Juli 1936 auf der Insel zur Machtübernahme durch franquistische Militärs. An deren Spitze stand der noch von der Republik ernannte Kommandierende General der Balearen Manuel Goded Llopis. Der Berufsmilitär hatte Franco im Oktober 1934 bei der Niederwerfung des Aufstands der asturischen Bergarbeiter geholfen; die Entscheidung, dass er die Belange der Putschisten auf Mallorca durchsetzen sollte, war also kein Zufall. Am Abend des 18. Juli verhängte Goded über die Insel das Kriegsrecht. Artikel 3 der am folgenden Tag veröffentlichten Ausnahmeverfassung drohte an, dass »auch die geringste Form von Widerstand in Wort und Tat sowie der Besitz von Waffen mit unnachgiebiger Härte verfolgt wird«. Führende linke Persönlichkeiten, so auch der beliebte Bürgermeister von Palma de Mallorca Emilio Darder, wurden sofort verhaftet und in neu geschaffene Gefängnisse gebracht. Im Februar 1937 wurden Darder und vier weiteren exponierten Republikanern der Prozess gemacht, der mit ihrer Hinrichtung endete.

Goded sollte sich indes der ihm zugedachten Rolle, einer der führenden Persönlichkeiten des Putsches auch in ganz Spanien zu sein, nicht lange erfreuen. Am frühen Morgen des 19. Juli war er mit Getreuen nach Barcelona geflogen, um dort die Leitung des Umsturzes zu übernehmen. Die Stadt brodelte vor Erregung, die Linke war hier sehr stark, vor allem die CNT, die anarchistische Gewerkschaft. Goded musste sich nach seiner Landung in das Gebäude des Generalkapitanats flüchten, das dann von der erregten Menge gestürmt wurde. Um ein Haar wäre er gelyncht worden, hätte ihn nicht eine beherzte Kommunistin davor bewahrt. Ihr Name war Caridad Mercader; ihr Sohn Ramón wird exakt vier Jahre später Leo Trotzki in Mexiko ermorden.

Goded wurde vom Präsidenten der katalanischen Generalitat Lluis Companys aufgefordert, sich über die Regierungssender gegen den Putsch auszusprechen, was er auch bereitwillig tat: »Ich, General Goded, spreche hier zu Ihnen nicht als Gefangener, sondern als Spanier und fordere Sie dringend auf, die Waffen niederzulegen!« In einigen Städten, so auch in Valencia, dem späteren Sitz der republikanischen Regierung, bliesen daraufhin die Militärs die »nationale Erhebung« ab. Die Regierung aber wusste, dass man Goded nicht trauen könne. Deshalb wurden er und drei seiner Offizieren zum Tod verurteilt und am 11. August 1936 auf dem Berg Montjuïc, auf dem auch der deutsche Kommunist Hans Beimler später sein Grab finden sollte, hingerichtet.

Die Rechte auf Mallorca raste. Der entsprechend der Weisung Godeds losgetretene Terror wurde immer ungezügelter. Zunächst zielte er noch auf diejenigen, die den Franquisten Widerstand geleistet hatten. Ins Visier gerieten außer Linken auch Gewerkschafter, Freimaurer und Lehrer sowie Menschen, die an Alphabetisierungskursen teilgenommen oder nicht regelmäßig die katholische Messe besucht hatten. Ende August erreichte der Terror seinen Höhepunkt. Der Faschismus kündigte auf der kleinen, 300 000 Einwohner zählenden Insel an, was wenige Jahre später über Europa hereinbrechen sollte.

Die Drachen des Todes

Am 26. August war der von Mussolini entsandte »militärische Berater«, der entschiedene Faschist und Katholik Arconovaldo Bonacorsi, der sich selbst in den Grafenstand erhoben hatte und als »Conde Rossi« traurige Berühmtheit erlangen sollte, auf Mallorca eingetroffen. Meist mit Stahlhelm, aber immer im schwarzen Hemd mit einem überdimensionierten Abzeichen der italienischen Faschisten und riesigem weißen Kreuz, ritt er mit dem Pferd durch Palma oder fuhr in einem Sportwagen über die Insel, eine Blutspur hinter sich lassend. Die von ihm gegründete Schwadron »Drachen des Todes« war aber nur eine der Mordabteilungen, auch die Falangisten zogen unter seinem Befehl mit paramilitärischen Gruppierungen mordend durch die Ortschaften. Die Opfer wurden in Massengräbern verscharrt oder einfach in Brunnen geworfen.

Die Gefängnisse der Insel waren schnell überfüllt; deshalb wurden in aller Eile fünf neue geschaffen, indem alte Festungen, Lagerhallen und ein Schiff zur Einkerkerung genutzt wurden. Das Gefängnis bewahrte nicht vor dem Tod: Im Casa Mir wurden monatelang jeden zweiten Tag zehn Gefangene erschossen Auf der Insel gab es überdies zehn Konzentrationslager, deren Insassen unter entsetzlichen Bedingungen auch als billige Arbeitskräfte eingesetzt wurden.

Verfolgt wurden auch die auf Mallorca lebenden antifaschistischen oder vor dem Antisemitismus geflohenen Emigranten. Berühmt geworden war die sich auf Cala Ratjada konzentrierende Kolonie von Exilanten. Zu ihnen gehörten Harry Graf Kessler (der »rote Graf«) mit seinem Sekretär Albert Vigoleis Thelen, der Pazifist Heinz Kraschutzki, der frühere Ullstein-Journalist Conrad Liesegang mit seinem Kollegen Arthur Seehof, die Schriftsteller Karl Otten, Klaus Mann, Herbert Schlüter, Erich Arendt, Franz Blei und Martha Brill und die Maler Heinrich Davringhausen, Arthur Segal sowie Hugo Baruch alias Jack Bilbo. Das Morden wurde von der Fotografin Lore Krüger festgehalten.

Aber nicht nur Antifaschisten lebten auf der Baleareninsel, sie war auch ein Dorado der Nazis, die die antifaschistischen und jüdischen Emigranten denunzierten. Zusammen mit dem Gestapo-Mann Kurt von Behr erstellten sie Schwarze Listen. Es ist fast ein Wunder, dass es den meisten deutschen Emigranten gelang, die Insel noch unbehelligt zu verlassen.

Schamlose Geistliche

Ihre Erlebnisse während der Schreckenszeit verarbeiteten Thelen und Otten in ihren Büchern »Die Insel des zweiten Gesichts« und »Torquemadas Schatten«, die durch die Wirren der Zeit nicht die Aufmerksamkeit erhielten, die sie verdient hätten. Ganz anders das 1938 erschienene Buch »Die großen Friedhöfe unter dem Mond«, verfasst vom erzkonservativen katholischen Schriftsteller, erklärten Gegner der Republik und zeitweiligem Franco-Anhänger Georges Bernanos. Er wusste, wovon er schrieb, denn er hielt sich im Haus des Falange-Führers de Zayas auf, sein Sohn Ives gehörte als Leutnant der Todesschwadron an. Besonders angewidert war Bernanos davon, dass der Klerus, vorneweg der Erzbischof von Mallorca Don Josè Miralles, ohne jede Scham die Mörder feierte und segnete.

Bernanos schrieb von 3000 Ermordeten. Andere Schätzungen liegen weit höher, es ist auch von bis zu 7000 die Rede. Die Zeit des Terrors blieb bis zum Tode Francos Tabu, die Angehörigen durften weder Trauer zeigen noch tragen. Erst in den letzten Jahren begann man mit der Exhumierung der Ermordeten. Die »Mallorca-Zeitung« berichtete am 24. März 2011, dass bisher 1188 Leichen ausgegraben wurden, davon konnten 522 noch nicht identifiziert werden. Unter der Regierung des Sozialisten José Luis Zapatero, dessen Grossvater väterlicherseits als republikanischer Offizier schon 1936 von den Putschisten hingerichtet worden war, hat sich in Spanien also einiges bewegt.

Lesen Sie am 23./24. Juli Teil 2, »Bayos Warnung«.
Von Dr. Werner Abel erschien kürzlich im Karl Dietz Verlag »Die Kommunistische Internationale und der Spanische Bürgerkrieg: Dokumente« (150 S., br., 14,90 €).

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