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Lebenswerk eines Außenseiters

DVD-Tipp: Peter Pewas: Filme 1932–1967

Auf zwei DVD-Scheiben bietet die Cinefest-Edition bei absolutMedien ein erstaunliches filmisches Lebenswerk, schmal, aber eindrucksvoll wie selten: die Filme, Plakate, Gemälde und Selbstaussagen des deutschen Filmregisseurs Peter Pewas (1904-1984). Eine gelungene Zusammenstellung, weil sie alles Ansehens- und Wissenswerte dieses außergewöhnlichen Künstlers so kombiniert, das die Einladung zum intermedialen Durchblättern und Durchsehen herausfordert.

Der gelernte Schlosser und Werbegrafiker Pewas kam auf pragmatischem Weg zum Film: nach Studien beim Bauhaus in Weimar gelangte er zur linken Kulturszene vor 1933, gestaltete für sie Plakate, schlug sich mehr oder weniger rechtschaffen durch die NS-Zeit und erhielt doch gerade hier die Chance, Filme zu machen. Er drehte allerlei Kurz- und Probefilme, dann ein glanzvolles Debüt: den abendfüllenden Spielfilm »Der verzauberte Tag« (1943/44), eine melancholisch-heitere Liebesgeschichte mit der jungen Winnie Markus. Der Film geriet in die Verbotsmaschinerie des NS-Regimes, weil er so gar nicht zur Kriegsstimmung, zur Militarisierung des Alltags, zu Not und Angst der NS-Endzeit passen wollte.

Bei der DEFA drehte Pewas den Spielfilm »Straßenbekanntschaften« (1948), eine nüchterne Heimkehrer-Nachkriegsgeschichte im zerstörten Berlin, die die DEFA als Auftragswerk zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten verstand. Und dann 1956 sein dritter (und letzter) Spielfilm »Viele kamen vorbei«, ein scharfer, stimmungsvoller Krimi mit dem Hauptschauplatz unter einer Autobahnbrücke. (Leider ist dieser Film nicht auf den DVDs enthalten, weil die Rechteinhaber ihn nicht freigaben, unbegreiflich und ein Skandal.) Alle diese Filme erzählen kleine, alltägliche, unsensationelle Geschichten – mit großer Wärme und Zuneigung, sehr genau und nachvollziehbar gestaltet, ein enormer, seltener Reichtum.

Später konnte Pewas nirgendwo mehr in der Filmbranche so recht Fuß fassen, weil er eigenwillige Bildlösungen anstrebte, die seinerzeit auf Unverständnis stießen. Er war auch nicht clever genug und hemdsärmelig, zu wenig mainstream-willig, um sich durchzusetzen. Der Außenseiter und wohl sanft-geduldige Querkopf hat auch Pech gehabt. Und er ist ein Beispiel dafür, wie eine große Begabung verkümmert, wenn sie nicht genutzt, benutzt, gefordert wird. Da bleibt eine Schuld des ost- und westdeutschen Nachkriegskinos.

Wer es schnell und besonders schlüssig haben will, kann Pewas’ künstlerische Charakteristika, seine Besonderheiten und sein Außenseitertum rasch in seinen frühen Plakaten erfassen (sechs von den insgesamt 36 sind auf der DVD abgebildet). Dort sind alle gestalterischen Eigenheiten dieses Bild-Mannes vorgebildet: Faszination durch Bilder – seien es Schnappschüsse aus Filmen oder ein gezeichneter Kopf, stilisierte Dekors und immer wieder Porträts, Atmosphärisches durch Blickwinkel und optische Achsen gesetzt. Die spannungsreichen Kombinationen der Bildelemente schaffen strikte Konzentration aufs Wesentliche. Und sie beweisen das große Vertrauen des Künstlers in die Wirkungskraft von Bildern. Alle diese Gütezeichen findet man überreich in seinen Filmen wieder, und man begreift, dass ein Künstler solchen Anspruchs und solchen Könnens buchstäblich neben allem »Gängigen« lag.

Gegen Ende seines Lebens lebte Pewas von Sozialhilfe in einer Hamburger Souterrainwohnung, malte geheimnisvoll-verrätselte großformatige Ölbilder (auch die zeigt die Ausgabe). Die Entdeckung der Farbe war für den Künstler gegenüber seinen Schwarz-Weiß-Filmen eine enorme Bereicherung, obwohl er sie nicht mehr in Filme umsetzen konnte. Er war nicht verbittert, eher abgeklärt und genügsam, und reflektierte intelligent, voller Melancholie und Witz seine Arbeiten. Mit Genuss und Genugtuung erlebte er seine Wiederentdeckung im Kino anfangs der 1980er Jahre, die freilich nur kurz anhielt. Er war lange vergessen, und auch jetzt droht wieder Vergessen. Dabei gehört er unbedingt zu dem, was wir nationales Filmerbe – oder Erbe überhaupt – nennen. Die Doppel-DVD bietet dem Interessierten einen gut aufgemachten Ausgleich an.

Günter Agde

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