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Traumland mit Totschlägern

Vidar Sundstøl erlebt skandinavische Siedler in Nordamerika

Uwe Stolzmann

Ein junger Mann wird erschlagen, an einem großen See, am Rand eines Nationalparks. Ringsum nur Wälder, hoher Himmel, Straßen ins Nichts. Der Tote – ein Tourist, unterwegs mit einem Freund, mit Kanu und Zelt – kommt aus Norwegen, genau wie der Freund, der bei der Bluttat in der Nähe war; der Ranger, der die beiden findet, hat norwegische Wurzeln, und aufgeschrieben hat die Geschichte natürlich ein Norweger: Vidar Sundstøl, Jahrgang 1963. Ja, dies ist ein Skandinavien-Krimi, allerdings kein gewöhnlicher. Er spielt in den USA, am Lake Superior, dem größten der fünf Großen Seen, dicht an der kanadischen Grenze.

Hauptfigur ist der Ranger Lance Hansen, Polizist des US Forest Service; ein schwerer Mann, 46, geschieden. Mit dem Fall hat Hansen nichts zu tun, das FBI und ein Experte aus Norwegen ermitteln. Der Ranger aber forscht auf eigene Faust – schließlich geschah das Verbrechen in seinem Revier –, und Sundstøl lässt uns teilhaben an Hansens Funden, am Hin und Her seiner Gedanken. Hat der eine Norweger den anderen erschlagen, der Freund den Freund? Waren die Paddler schwul, geschah die Tat aus Eifersucht? Der Ranger sah am Mordtag einen Mann am See: den eigenen Bruder. Nun kämpfen Wissen und Gewissen in ihm miteinander ...

Lance Hansen ist Hobbyhistoriker. Keiner kennt die Geheimnisse des Landes so gut wie er. Um sich abzulenken, stöbert der Ranger in seinem Archiv mit den vergilbten Fotos, Akten, Artikeln. Nie zuvor soll es einen Mord in der Gegend gegeben haben, stimmt das? Hansen stößt auf einen ungeklärten Todesfall, und je tiefer er gräbt, desto bedrängender wird die Sache: In einer Märznacht 1892 verschwand ein angesehener indianischer Medizinmann; zur selben Zeit irrte ein junger Norweger durch die Wälder. Als er herauskam, war er verletzt, ein Mann aus Hansens Familie. »Aus diesem Holz sind wir geschnitzt«, so hatte Hansens Vater gern geprahlt. »Nun bekamen diese Worte eine durchaus ironische Bedeutung.«

Autor Vidar Sundstøl hat bislang fünf Bücher verfasst, »Traumland« ist sein erster Kriminalroman. 2008 wurde das Werk in Norwegen als bester Krimi des Jahres ausgezeichnet. Gekonnt verknüpft Sundstøl den Kriminalfall von 1892 mit dem aus der Gegenwart. Schön ist die mal freie, mal bedrohliche Atmosphäre im Text, Schön ist die Melancholie in Orten die Finland heißen oder Lutsen, benannt nach dem Ort Lützen. »Traumland« ist anspruchsvolle wie unterhaltsame Thrillerkost, flott und spannend, ein Buch mit großem Bogen, jähen Wendungen und glaubhaften Ausflügen in die Psyche des Protagonisten.

Zu etwas Besonderem wird der Roman, weil Sundstøl nicht beim Krimistoff bleibt; zu Teilen ist sein Buch ein historisches Sachbuch. Der Autor hat selbst in Minnesota am Oberen See gelebt. Auf faszinierende Weise erzählt er von den zwei Wellen europäischer Besiedlung. Ab dem 17. Jahrhundert kamen französische Pelzjäger in die Region, ab 1880 dann die Skandinavier. Lance Hansen vergleicht die Vorfahren mit einem Schwarm Heuschrecken. »Und noch immer fressen wir dieses Land kahl.« Unter den Legenden von der friedlichen, entsagungsreichen Landnahme der Norweger entdeckt der Hobbyhistoriker blutige und schmutzige Geschichten, Lügen, Fälschungen.

Die Verhandlungsführer der Ureinwohner unterschrieben Verträge, die sie nicht verstanden. Die Siedler usurpierten indianisches Land, als wäre es Niemandsland: »Flüsse, Berge und Täler bekamen neue Namen. Auch die Blumen. Die Vögel und Fische. Alles bekam neue Namen, und die neuen Namen wurden in Bücher geschrieben ...« Eine Nebenfigur im Buch wird zur Metapher für das verdrängte Wissen um die verdrängten Ureinwohner: ein alter Indio in schäbiger Kleidung, vielleicht der Geist des verschwundenen Medizinmannes; mal sieht Hansen ihn den Highway entlanggehen, mal erblickt er ihn im Kanu weit draußen auf dem See.

»Traumland« ist ein Buch mit offenem Ende. Ranger Hansen weiß zu viel, er kommt mit seinen Erkenntnissen nicht zurecht. Vidar Sundstøl hat die Story ausgeweitet zu einer »Minnesota-Trilogie«. Der zweite Teil erschien 2009 in Norwegen, wir freuen uns auf die Übersetzung.

Vidar Sundstøl: Traumland. Roman. Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg. Hoffmann und Campe. 384 S., geb., 19,99 €.

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