Werbung

Was uns im Leben hält

Roy Jacobsen über Geheimnisse und Verlässlichkeit

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

Ist es nun eine traurige Geschichte oder eine, die glücklich macht? Vielleicht beides, denn über Bedrückendes wird so erzählt, dass man atemlos dabei ist, verstehen will, Ungeheuerliches ahnt und doch nicht niedergedrückt wird. Und das, obwohl der Ich-Erzähler mitunter kocht vor Schmerz und Zorn. Aber davon wird in der Rückschau berichtet, durch einen erwachsenen, lebensreifen Mann, der sich indes mit dem Bericht im Präteritum begnügt, ohne von heute aus irgendetwas zu kommentieren. Schlicht und kunstvoll zugleich ist dieses Buch des Norwegers Roy Jacobsen, das Gabriele Haefs mit Sinn fürs Untergründige und in poetischer Sprache ins Deutsche brachte. Kann man so eine Geschichte erfinden. Immer wieder denkt man, der Autor spreche von eigenem Erleben. Aber er ist 1954 geboren, drei Jahre später als sein Ich-Erzähler Finn. Und es macht schon einen Unterschied, ob jemand 1961, als Gagarin in den Weltraum flog und die Berliner Mauer gebaut wurde, sieben oder zehn ist.

Wobei dem zehnjährigen Finn noch dazu viel mehr abverlangt ist als Gleichaltrigen sonst. »Du weißt, ich bin nicht mehr so stark«, sagt die Mutter, was er auf ihre Scheidung und den späteren Unfalltod seines Vater bezieht. Dessen Fotos hat sie in einem Kasten verschlossen, wie sie wohl überhaupt manches verbirgt. Aber das beginnen wir erst nach und nach zusammen mit Finn zu ahnen, und es wird beim Ahnen bleiben, weil der Abstand der Achtung vor einem fremden Menschen für den Autor etwas Kostbares ist.

Es ist etwas Verhaltenes in der Art, wie Roy Jacobsen erzählt. Der deutsche Titel des Romans passt sogar besser dazu als der im Original, der »Vidunderbarn« (Wunderkind) heißt. »Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte« – von großen Schwimmübungen ist kaum die Rede – bedeutete für Finn, aus Kinderunschuld herausgerissen zu werden, sich selbst als Anderen zu begreifen und eine Tapferkeit zu beweisen, die er gar nicht als solche erkennt. Aber mit »Wunderkind« ist wahrscheinlich sogar eher die sechsjährige Linda gemeint, die Finn als Tochter des toten Vaters mit einer Drogensüchtigen vorgestellt wird. Der Untermieter Kristian nennt sie in einem unbedachten Moment »geistesschwach«, und Finn wird für immer für sich behalten, warum er nach einem gemeinsamen Skiausflug mit zwei gebrochenen Rippen nach Hause kam.

Wir müssen zwischen den Zeilen lesen, was dieser Kristian für ein Mensch ist und wie Finns Mutter zu ihm steht. Es wird uns nicht erklärt werden, was es für Tabletten waren, die Linda – so die Mitteilung ihrer leiblichen Mutter – wegen eines angeblichen Defekts im Knie nehmen soll. Ein Arzt stellt fest, dass es keine Knieverletzung gab. Zu welchem Zweck sollte das Kind ruhiggestellt werden? Und was folgte daraus? Drogenentzug? Finn bemerkt nur, dass Linda nach diesen qualvollen Tagen und Nächten zu neuer Aufmerksamkeit und Lebensfreude findet. Er beginnt, die Schwester zu beschützen.

Die Handlung spielt – bis auf die Sommertage im Zelt – in einem Vorort von Oslo, einer Arbeitersiedlung. Man lebt bescheiden dort, weiß kaum, was hinter geschlossenen Wohnungstüren vor sich geht. Es gibt einige Kinder, die wie Finn ohne Väter aufwachsen. Und von den anwesenden Männern kamen dem Jungen die meisten wie »Comicfiguren« vor. Vielleicht wünscht sich die Mutter manchmal, in einer »richtigen Familie« zu leben, wohingegen der Sohn da ziemlich illusionslos ist. Aber eigentlich, eigentlich ist sie viel tiefer resigniert, als sie zeigt. »Du begreifst ohnehin nicht sonderlich viel, wenn du ehrlich bist, und es ist nur ein Glück, wie Mutter sagt, dass es in der Regel nur stückweise kommt.«

Das können wir als Kernsatz nehmen. »Wir haben die Kunst, um nicht an der Wahrheit zugrunde zu gehen«, wie es bei Nietzsche heißt. Und wer die Kunst noch nicht hat, den schützt vielleicht der kindliche Blick. »Linda war nicht von dieser Welt, irgendwann würde auch ich das begreifen ... Sie war Schicksal, Schönheit und Katastrophe ... Vermutlich hatte Gott etwas mit ihr vor, einen geheimen Plan, aber welchen?«

Sagen wir es so: Linda ist eine Herausforderung, sich so oder so zu verhalten. Durch sie wird sichtbar, was unter den Teppich gekehrt war. Finn erkennt sich selbst, ahnt, dass auch in ihm etwas Gewaltsames sein könnte, und man überlegt, ob nicht viel Unausgesprochenes im Roman mit Gewalt verbunden ist. Die Erwachsenen sind in einem Pakt des Verschweigens befangen, in den auch Finn hineingezogen wird. In gewisser Weise sogar auch der Autor selbst, der uns indes für die winzigen Signale sensibel macht, die von Menschen in Not ausgesandt werden. Wir sehen, wie Vertrauen abhanden kommt, wie bei Finn aus immerwährenden Zweifeln an der Mutter Zorn erwächst. Und dennoch Mitgefühl. Und dennoch Verlässlichkeit. Nichts ist eindeutig so oder so. Alles ist im Fließen. Manchmal ist es notwendig, sich voneinander abzugrenzen, dann aber muss man versuchen, wieder aufeinander zuzugehen. Weil nicht aufgegeben werden darf, was uns im Leben hält.

Roy Jacobsen: Der Sommer in dem Linda schwimmen lernte. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Osburg Verlag. 270 S., geb., 19,95 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln