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Anklage wegen dreifachen Kindermords

Ehemaliger Pädagoge verschleppte Jungen aus Schullandheimen, Internaten und Zeltlagern

  • Von Vera Jansen, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

Es sind grausige Vorstellungen: Nachts dringt ein Mann in Kinderzimmer ein und vergeht sich an schlafenden Jungs. Aus Schullandheimen, Internaten und Zeltlagern verschwinden Kinder. Ihre Leichen werden Wochen später gefunden. Betroffene Kinder sprechen vom großen »Schwarzen Mann«. Knapp 20 Jahre sucht die Polizei nach dem unheimlichen Mörder und Kinderschänder. Im April 2011 wird er endlich gefasst. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den 40 Jahre alten Pädagogen Martin N. aus Hamburg erhoben. Ihm werden dreifacher Kindermord und 20 Fälle von sexuellem Missbrauch vorgeworfen.

Dass es sich bei den Fällen in den 90er Jahren bis in die ersten Jahre dieses Jahrtausends um einen Serientäter handelt, ahnen die Ermittler erst mit dem Mord am neunjährigen Dennis K. aus Osterholz-Scharmbeck. Anfang September 2001 wird der Junge nachts aus einem Schullandheim in Wulsbüttel verschleppt. Seine Leiche entdecken Pilzsammler zwei Wochen später.

Die Vorgehensweise des Täters ähnelt drei anderen ungeklärten Kindermorden in Norddeutschland, Frankreich und den Niederlanden. Trotz tausender Hinweise kommt die Soko »Dennis« dem Pädagogen, der als Jugendbetreuer auf zahlreichen Ferienfreizeiten war, nicht auf die Spur. Erst als sich nach einem TV-Bericht im August 2010 über ungelöste Mordfälle ein Zeuge meldet, kommt die Soko weiter. Ein Mann aus Nordrhein-Westfalen erinnert sich: 2001 ist er als Soldat im Kreis Osterholz stationiert. Beim Joggen sieht er auf einem Waldweg ein Auto, in dem ein bulliger Mann sitzt und auf dem Rücksitz ein kleiner Junge.

Im Februar geht die Soko an die Öffentlichkeit: Es ist der entscheidende Durchbruch. Ein Missbrauchsopfer von 1995 meldet sich und erzählt von Gesprächen mit N. in einem Landschulheim. »Genau dieser Hinweis war der Schlüssel, um die Gesamtserie zu lösen«, sagt der Leiter der Soko, Martin Erftenbeck, Mitte April bei der Festnahme des mutmaßlichen Täters.

Mit Glück hätten die Ermittler früher auf N. stoßen können. Die Staatsanwaltschaft Hamburg führt drei Verfahren gegen ihn. Wegen Verdachts des Missbrauchs von zwei sechs und acht Jahre alten Kindern wird im Januar 2005 Anklage erhoben. Das Verfahren wird gegen Zahlung einer Buße von 1800 Euro eingestellt. 2008 soll er freiwillig eine Speichelprobe abgeben, erscheint aber nicht.

Vor der Polizei gestanden hat der 40-Jährige drei Morde: den an Dennis 2001, den am achtjährigen Dennis R., den er 1995 aus einem Zeltlager bei Schleswig verschleppte sowie am 13-jährigen Stefan, der 1992 aus einem Internat in Scheeßel verschwand. 40 Fälle sexuellen Missbrauchs gab er zu, von denen 20 als verjährt gelten.

Wann der Prozess am Landgericht in Stade eröffnet wird, ist offen. »Zunächst müssen die Akten geprüft, ein Gutachten abgewartet und über die Eröffnung des Hauptverfahrens entschieden werden«, so Gerichtssprecherin Petra Baars.

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