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Keine Angst vorm bösen Wolf

Bildung und Abenteuer: Junior-Ranger im Nationalpark Bayerischer Wald

Im Zeitalter der Urbanisierung verschwindet das Wissen über die Natur. Im Nationalpark Bayerischer Wald wird versucht, Naturschutz und Umweltbildung miteinander zu verbinden. Schüler können sich in Kursen zu Junior-Ranger ausbilden lassen.
Junior-Ranger im Sommer 2010
Junior-Ranger im Sommer 2010

Über 24 500 Hektar erstreckt sich der Nationalpark Bayerischer Wald mit seinen bis reichlich 1450 Meter aufragenden Bergen, den Hochmooren, Fichten- und Buchenwäldern, Edellaubbäumen und bis zu 500 Jahre alten Tannen. In den Hoch-, Hang- und Tallagen sind Pflanzenarten heimisch, die anderswo ausgestorben sind. Hier haben sich Luchs, Biber und Fischotter, Auerhahn, Schwarzstorch, Habichtskauz, Haselhuhn, Mopsfledermaus und anderes eher seltenes Getier angesiedelt. Hin und wieder schnüffelt auch ein Wolf durch die Landschaft.

»Ansinnen unseres Konzeptes ist es, Natur auch Natur sein zu lassen«, sagt Josef Erhard, der die Nationalpark-Wacht leitet. Auf über der Hälfte der Fläche darf beispielsweise der Borkenkäfer hausen und der Sturm wüten, so dass es zu Waldbildern kommt, die gewohnter Ästhetik entgegen steht, ohne dass der Mensch eingreift. Was den Wald über die Jahre wieder zum Urwald macht. Die Nationalparkidee sei etwas anderes als der klassische Naturschutz. Man bewahre nicht den Ist-Zustand, sondern lasse der Natur ihre Ruhe. Sie darf sich entwickeln, wie immer sie will. »Und das muss uns recht sein, das müssen wir aushalten.« Die Natur könne es besser. Man sei Zuschauer der Evolution und wolle natürlich auch etwas dabei lernen, so lautet die Nationalpark-Philosophie.

Erhards 29 Ranger geleiten Touristen durch das Gelände, sorgen dafür, dass Besucher keine Pflanzen mitnehmen und sich an das Wegegebot im Innern des Parks halten, sie sich sicher fühlen können, Hunde nicht frei herumlaufen. Und seit 1998 bilden sie auch Junior-Ranger heran. Jedes Jahr um Ostern herum besuchen deswegen Ranger die regionalen Haupt- und Realschulen sowie die Gymnasien, werben für das Projekt, verteilen Info-Broschüren unter den Fünftklässlern. Bei Neugier und Lust rücken die Kinder in den Pfingst- und den Sommerferien – meist etwas mehr Mädchen als Jungen – zum Abenteuer Natur in den Nationalpark, den sie in einem viertägigen Kurs zu vieren oder fünfen an der Seite eines Rangers erkunden. Man wandert, schaut sich die Info-Zentren an, beobachtet Wildtiere im Freigelände. Die Schüler erfahren, wie die höchsten Berge heißen, was man über die Gletscherseen und Moore wissen sollte. Am Ende eines Lehrgangs wird ein Zertifikat verliehen: Die Kinder dürfen sich nunmehr Junior-Ranger nennen.

Die Nationalpark-Wacht traut sich mit Kindern ins dichte Gehölz, wo man mit Wölfen rechnen muss? Der 63-jährige Erhard winkt ab. Seit 1812, als die Gebrüder Grimm ihre Hausmärchen und somit die Mär vom Rotkäppchen veröffentlichten, hätten die Deutschen ein gestörtes Verhältnis zum Wolf. Allerdings zu Unrecht. Man sehe ihn in der Region allzu selten, zuallermeist nur seine Spuren. Eine Gefahr gehe von ihm nicht aus, solange man ihn naturgegeben leben lasse. »Alles andere sind Legenden.«

1700 Schüler aus den umliegenden Nationalparkgemeinden sind in den zurückliegenden zwölf Jahren zu Junior-Ranger berufen worden – jährlich 160 bis 180. »Wir verfolgen mit dem Projekt keine irgendwie gearteten elitären Ansätze, wollen niemanden missionieren – Stress haben die Mädchen und Buben in der Schule genug«, findet Ehrhard. Deswegen gebe es bei dem Projekt keine Zeigefinger, keine Prüfungen, keine Hierarchien. Liebe zur Natur wachse nicht über Daten, Fakten oder Computer. Man müsse vielmehr erleben, wie die Sonne auf- und untergeht, hören, wenn das Wasser rauscht.

Naturschutz braucht eine gute Lobby. Die bundesweit 14 Nationalparks machen 0,56 Prozent der Landfläche aus – 194 200 Hektar. »Ein Mückenschiss auf der Landkarte«, findet Erhard. Deshalb gelte es, unberührte Natur als Teil heimatlichen Naturerbes zu bewahren. Künftige Generationen sollen »einigermaßen natürliche Landschaften zu sehen bekommen, nicht nur solche, in denen der Mensch alles nutzt und ausbeutet«. Bei alldem spielen Junior-Ranger einen wichtigen Part: »Wer bei uns war, braucht nicht kontrolliert werden, ob er den Weg verlässt, das hat er längst verinnerlicht.« Die Kinder wachsen im und am Projekt, werben anderswo für ihre Stunden in ursprünglicher Natur, teils in Englisch wie etwa bei einem Kongress 2009 in Schweden über 100 Jahre europäische Nationalparks. Gelegentlich gibt es Camps mit tschechischen Schülern. Das liegt nahe. Denn der dreimal so große Nationalpark Sumava schließt sich direkt an den des Bayerischen Waldes an. Und auch dort wird mit ähnlichem Anspruch ein Projekt Junior-Ranger gefördert.

Erhard und seine Wildhüter sehen es als Problem an, dass der Mensch sich heutzutage immer mehr von der Natur zu entfernen scheint. Wie sollen die Kinder sie kennen lernen, wenn die Eltern kaum noch wandern? Deshalb sieht man es im Nationalpark als wichtigen Nebeneffekt des Junior-Projektes, dass Eltern zum Mittun angeregt werden. Denn mittlerweile beteiligen sich an den Ausflügen mindestens so viele Mütter und Väter wie Kinder.

Das einwöchige Abenteuer schien aber letztlich nicht auszureichen, um dauerhafte Zuwendung zu erzielen. Deshalb gründete Erhard vor gut sechs Jahren den Verein »Junior-Ranger e.V.«, der sich in Ortsgruppen unterteilt, in denen die Kinder monatlich mit Rangern etwas unternehmen. Der Verein hat über 300 Mitglieder. Kinder zahlen 12 Euro im Jahr, jeden Monat einen. Der Familientarif beträgt 20 Euro, egal, wie groß die Familie ist. Ranger steuern das Fachliche bei, Eltern das Organisatorische in den Gemeinden, der Verein Geld, das er durch Beiträge und Spenden bekommt. »Das Miteinander macht das Erfolgsmodell aus«, sagt Josef Erhard.

Wer nicht aus der Region stammt, kann übrigens das Büchlein »Abenteuer Nationalpark – Kinder auf Entdeckertour« bestellen und nach dessen Studium einen Fragenkomplex beantworten. Nach richtigen Antworten bekommen Kinder den Titel eines Junior-Rangers verliehen.

www.junior-ranger.com; Entdeckerbuch@gmail.com

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