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Junge Israelis ohne Lobby

Protestzelten gegen unbezahlbare Wohnungen in den Großstädten

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 4 Min.
Arbeiten vor allem für den Vermieter: Viele junge Israelis leiden unter kaum bezahlbaren Mieten. Aus Protest dagegen sind einige Hundert von ihnen nun in Zeltlager mitten in Israels Städten gezogen.

Jonathan Hass ist frustriert. »Ich habe mir gestern Abend eine Wohnung angeschaut«, erzählt der 27-jährige Juraabsolvent: »Zwei Zimmer, Küche, Bad, nicht ganz so toll gelegen, aber es ging noch, für um die 3500 Schekel (715 Euro). Doch dann kam's: Der Vermieter wollte zwei Monatsmieten Kaution, plus, plus, plus – ich hätte für die Wohnung auf einen Schlag 15 000 Schekel (3060 Euro) auf den Tisch legen müssen. Wer hat so viel Geld herumliegen?«

Die jungen Israelis, die seit einigen Tagen gemeinsam mit Jonathan Hass auf einem Grünstreifen in der Mitte des Tel Aviver Rothschild-Boulevards zelten, haben solche Summen jedenfalls nicht zur Verfügung: Sie sind einem Aufruf bei Facebook gefolgt, hier, im Herzen des Bankenviertels der israelischen Finanzmetropole, für bezahlbare Wohnungen zu demonstrieren.

»Ich hatte mich gerade ganz furchtbar geärgert«, berichtet die 25-jährige Filmemacherin Daphni Leef, die den Aufruf in das soziale Netzwerk gesetzt hat: »Ich hatte mein Juli-Gehalt bekommen und musste sofort die Hälfte davon an meinen Vermieter überweisen. Ich habe mich gefragt, ob ich eigentlich die Einzige bin, die dieses Problem hat.«

Die Antwort kam sofort: Innerhalb von Minuten hatten die ersten den Aufruf unterstützt; innerhalb von Stunden waren ein paar Dutzend daraus geworden. Am nächsten Tag standen die ersten Zelte auf dem Rothschild-Boulevard; ein paar Tage später waren es ein paar Hundert. Inzwischen sind auch in so gut wie allen anderen israelischen Großstädten Zeltstädte entstanden. Das Motto: »Wir bleiben, bis die Mieten sinken«, sagt Leef.

Doch ob das so bald geschehen wird, ist fraglich. »Zu allererst gibt es nicht genug von den Wohnungen, die die jungen Leute suchen«, sagt der Stadtplaner Israel Goldberg von der Universität Tel Aviv, »und dann ist der Markt für diese Wohnungen weitgehend unreglementiert. Die Vermieter haben weitestgehend freie Hand bei der Festsetzung von Mieten und Kautionen. Sie haben diese Wohnungen irgendwann gekauft, um in Zukunft eine Einnahmequelle zu haben, nachdem sie selbst in eine größere Wohnung gezogen sind. Selbstverständlich fordern sie dann, was der Markt hergibt. Um das Problem zu lösen, müsste der Markt stärker reguliert werden – und es müssten mehr kleine Wohnungen gebaut werden.«

Nur: Es gibt niemanden, der dazu bereit wäre. Private Bauträger haben sich schon vor Jahren ausschließlich auf zahlungskräftige Neueinwanderer aus Westeuropa und Nordamerika konzentriert und ziehen an jeder Ecke Luxus-Appartements hoch. Die werden von den Kommunen gerne genehmigt, sie versprechen sich davon eine Aufwertung ihrer Schmuddelecken. Der öffentliche Wohnungsbau konzentriert sich derweil auf Großfamilien, die einen beträchtlichen Teil der israelischen Bevölkerung ausmachen und im Parlament eine starke Lobby haben.

Eine Lobby, auf die junge Israelis nicht zurückgreifen können. Zwar gaben sich die Politiker von links bis rechts die Klinke in die Hand, nachdem die ersten Medien über den Zeltprotest berichtet hatten. Aber wirkliche Lösungsvorschläge konnte keiner anbieten. »Es ist ein komplexes Problem«, sagt Nitzan Horowitz, Abgeordneter der linksliberalen Meretz-Partei, »wir werden versuchen, das Wohnungsbauministerium zu verpflichten, Wohngemeinschaften bei der Vergabe von Sozialwohnungen zu berücksichtigen. Gerne würde ich auch Bauinvestoren dazu verpflichten, dass sie 30 Prozent ihrer Wohnungen zu bezahlbaren Preisen anbieten, und private Vermieter dazu, Bankbürgschaften als Kaution zu akzeptieren – aber das kriegen wir nicht durchs Parlament.«

Denn Vermieter und Investoren haben vor allem im wirtschaftsliberalen Likud-Block von Premierminister Benjamin Netanjahu großen Einfluss, weshalb die Regierung auch immer wieder erklärt, man sehe keinen Handlungsbedarf: »Alle jungen Leute wollen in Tel Aviv leben«, sagt ein Sprecher Netanjahus. Dabei gebe es doch am Rande ausreichend Wohnungen zu anständigen Preisen. Eine Aussage, die Daphni Leef und Jonathan Hass wütend macht. »Was um Himmels Willen soll ich an der Peripherie?«, fragt Hass. »Ich bin Anwalt, habe gerade meinen ersten Job bekommen, und der ist nun mal hier. Soll ich meine Karriere für eine bezahlbare Wohnung aufs Spiel setzen?«

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