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Rekonstruktion einer Katastrophe

Im Januar kenterte auf dem Rhein der Säuretanker »Waldhof« – jetzt soll eine Computersimulation die Ursache klären

  • Von Anna Schürmann, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Vor einem halben Jahr verunglückte auf dem Rhein in der Nähe der Loreley der Säuretanker »Waldhof«. Seitdem forschen Karlsruher Experten nach den Gründen. Mit einer Computersimulation wollen sie nun endlich Licht ins Dunkel bringen.

Karlsruhe/St. Goarshausen. Langsam lässt Rolf Zentgraf die Motoren an. Erst macht das Schiff nur zwei Knoten, dann gewinnt die »Waldhof« an Fahrt. Schließlich pflügt der Säuretanker mit zwölf Knoten durch den Rhein. Mit seinem Schiffsführungssimulator kann der Mitarbeiter der Bundesanstalt für Wasserbau (BAW) in Karlsruhe die Fahrt des Unglückstankers genau rekonstruieren. An seinem Fahrpult hinter drei großen Monitoren hat Zentgraf Radar, Karte, Gas und Ruder zur Hand. »Wir gucken, wie kritisch es auf der Spur war, auf der er gefahren ist.«

Noch immer vermisst

Der Tanker »Waldhof« war am 13. Januar mit rund 2400 Tonnen Schwefelsäure an Bord im Rhein bei St. Goarshausen gekentert. Ein 63-Jähriger kam bei dem Unfall am Loreleyfelsen ums Leben, ein zweiter Bootsmann gilt seither als vermisst. Die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Südwest in Mainz richtete eine Expertenkommission zur Havarie ein – die vergab den Auftrag an die BAW, das Unglück mit Hilfe einer Computersimulation nachzustellen.

»Wir erhoffen uns, Anhalte für die Frage nach den Ursachen zu bekommen und daraus wiederum lernen zu können. Ist vielleicht in der Strecke was problematisch, haben wir genug Sicherungselemente, dass in Zukunft so etwas nicht mehr passiert oder müssen wir vielleicht handeln?«, erklärt der Leiter der Abteilung »Wasserbau im Binnenbereich«, Andreas Schmidt. Die Ergebnisse sollen gegen Ende des Jahres in den Bericht der Expertenkommission fließen. Die Frage, wer an dem Unglück die Schuld trägt, wollen die Karlsruher allerdings nicht beantworten.

Für die Simulation ist der Computer zunächst mit einigen Daten gefüttert worden. »Sie müssen letztendlich die Geometrie des Rheins im Kasten haben, bevor sie das Modell betreiben.« Strömung und Wassertiefe sind so abgebildet, wie sie zum Zeitpunkt des Unglücks waren.

Die »Waldhof« schlängelt sich auf den Monitoren des Simulators durch das hügelige Rheintal. Auf Knopfdruck wird es dunkel, dann bricht wie im Januar die Nacht herein. Um zu wissen, wie der Tanker in verschiedenen Situationen reagierte, haben die Experten die Daten eines ähnlichen Schiffstyps zur Simulation eingegeben und an die »Waldhof« angepasst.

Hohe Fließgeschwindigkeit

»Der Schiffsführer dieses Schiffes ist Drehkreise gefahren, Stoppmanöver. Das wurde mitgemessen mit vielen Parametern. Das haben wir dann eingebaut und geguckt, ob sich unser virtuelles Schiff genauso verhält«, erläutert Schmidt. Die »Waldhof« sei aber zum Beispiel vor ein paar Jahren verlängert worden, fügt Zentgraf hinzu. »Das sind alles Eigenschaften, die man nachbilden muss.«

Sicher sei, dass der Säuretanker mit schwierigen Bedingungen zu kämpfen gehabt habe. Es gab die flüssige Ladung, die sich hin und her bewegte. Die Fließgeschwindigkeit des Rheins sei hoch, der Schiffsverkehr in der Nacht stark gewesen. Denn der Fluss war vorher wegen Hochwassers gesperrt. Die Experten stellen sich Fragen wie zum Beispiel: »Warum ist er an der Stelle soweit an den Rand gefahren? Wäre er anders gefahren, wenn ihm keiner entgegengekommen wäre? Wurde er durch etwas behindert?«

Wer wann in der Unglücksnacht auf dem Rhein unterwegs war, das wissen die Karlsruher inzwischen schon recht gut. Radaraufzeichnungen und Aussagen der entgegenkommenden Kapitäne wurden ausgewertet. Außerdem habe man sich den Havaristen angesehen und den Sprechfunkverkehr der Nacht abgehört, »so dass wir jetzt relativ gut das gesamte Verkehrsgeschehen sekundengenau rekonstruieren können«. Als nächstes gehe es um die eigentliche Havarie und die Frage, wann das Schiff instabil geworden sei.

Der 300 000 Euro teure Schiffsführungssimulator steht erst seit Ende des Jahres 2009 in der Bundesanstalt, er ist eines von wenigen Exemplaren in Deutschland. Die Karlsruher wollen mit ihm vor allem herausfinden, wie die Binnengewässer auch bei stärkerem Verkehr und immer größeren Schiffen sicher bleiben können.

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