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Bayos Warnung wurde blutige Realität

Vor 75 Jahren putschen Spaniens Generale – Mallorca im Krieg (Teil 2)

  • Von Werner Abel und Peter Fisch
  • Lesedauer: 7 Min.

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Der republikanische Offizier mit seinen Soldaten
Der republikanische Offizier mit seinen Soldaten

»Perdimos Mallorca, perdimos la Guerra.« Verlieren wir Mallorca, verlieren wir den Krieg. Mit diesen eindringlichen Worten versuchte der Oberstleutnant der republikanischen Luftwaffe Alberto Bayo Giroud nach dem Putsch der reaktionären Generäle am 17./18. Juli 1936 sowohl die katalanischen als auch die zentralspanischen Behörden dazu zu bewegen, unter allen Umstände die Balearen mit ihrer Hauptinsel Mallorca für die Republik zu sichern.

Guerilla-Taktik aus Nordafrika

Bayo, als Sohn eines spanischen Militärs 1892 im heutigen Camagüey auf Kuba geboren, war in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Ursprünglich Infanterist, wandte er sich unter dem Einfluss seines Bruders Celestino der Luftwaffe zu, einer noch relativ jungen Waffengattung. Seine Erfahrungen im Kampf gegen Aufständische in Nordafrika bewirkten einen Wandel seiner politischen Anschauungen; Spanien war das erste Land in der Geschichte, das (1913 im Rif-Krieg) die Luftwaffe gegen Zivilisten einsetzte. Ebenso warfen spanische Flieger erstmals (1922) mit Giftgas gefüllte Bomben auf die Zivilbevölkerung. Mit den nordafrikanischen Guerilleros wiederum traf Bayo auf eine Kampfform, die ihn ein Leben lang beschäftigen und als deren Theoretiker er weltbekannt werden sollte. Letztlich war es nur konsequent, dass Bayo der Ende 1934/Anfang 1935 gegründeten Unión Militar de Republicanos Antifascistas (UMRA) beitrat und im Juli 1936 in Barcelona half, die Putschisten aus der Luft zu bekämpfen.

Als erfahrener Luftwaffenoffizier wusste er um die Bedrohung, die von den Balearen ausging, wenn die dort stationierten feindlichen Flugzeuge Angriffe gegen die Republik starten würden. Ebenso wusste er, dass Italien und Deutschland nicht zögern würden, ihre Luftstreitkräfte, die zu dieser Zeit zu den modernsten gehörten, gegen das republikanische Spanien einzusetzen. Seine leidenschaftliche Warnung, deshalb die Balearen nicht den Putschisten zu überlassen, wurde indes in Madrid nur halbherzig erhört.

Bayo beschloss also, auf eigene Faust zu handeln. Es erlangte von der katalanischen Regierung und dem mächtigen Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen die Genehmigung, für sein Vorhaben Angehörige der verschiedenen Milizen, die von den unterschiedlichen linken Organisationen gebildet worden waren, zu rekrutieren.

Mit dem Putsch waren neben Mallorca auch die Inseln Ibiza, Formentera und Cabrera für die Republik verloren gegangen, nur Menorca blieb republikanisch. Auf Bayos Drängen bombardierten schon am 23. Juli 1936 die Republikaner militärische Einrichtungen in Palma und auf Cabrera.

Differenzen im Lager der Republikaner

Die dem franquistischen Terror auf Mallorca ausgesetzten Republikaner gewannen durch diese Offensive die Gewissheit, dass sie nicht allein gelassen wurden. Der deutsche Emigrant Heinz Kraschutzki, der sich im Gefängnis von Palma befand, gab die Stimmung wieder, die sich der Inhaftierten bemächtigte, als die Bomben fielen: »Die Leute sprangen auf, schrien, jubelten, rannten umher, jeder rief den anderen zu: ›Hast Du schon gehört? Unsere Leute leben auch noch! Da, schon wieder eine Bombe! Großartig!‹. Sonderbare Menschen das, die sich freuen wenn Bomben auf sie fallen? Nein, es war eine ganz natürliche Reaktion von Menschen, die täglich beschimpft und gedemütigt werden und dann plötzlich erfahren, dass sie in der Welt noch Freunde haben.«

Nachdem die logistischen Vorbereitungen abgeschlossen waren, verlegte Bayo die operative Leitung seines Unternehmens nach Mahón, der Hauptstadt Menorcas. Von dort aus hatten republikanische Truppen am 1. August die Insel Cabrera nahe Mallorca besetzt. Und hier landete nun auch, was im Plan Bayos nicht vorgesehen war, eine von Manuel Uribarri geführte, 400 Mann starke Kolonne der Federación Anarquista Iberica (FAI), die aus Valencia kam. Sie folgten jedoch nicht dem Vorschlag Bayos, zur Ablenkung des Gegeners die westlich von Mallorca gelegene kleine Insel Dragonera einzunehmen, was zu ersten Spannungen führte. Immerhin gelang es mit Hilfe der anarchistischen Milizen, die Inseln Formentera und Ibiza für die Republik zurückzuerobern. Auf Ibiza konnten der antifaschistische Schriftsteller Rafael Alberti und seine Lebensgefährtin, die Schriftstellerin María Teresa León, aus den Händen der Franquisten befreit werden.

Am 16. Auust gelang es den Milizen Bayos, verstärkt durch den größten Teil der Garnison von Menorca, insgesamt also etwa 8000 Personen, nach intensiver Artillerievorbereitung und mit Hilfe der republikanischen Flotte, an der Ostküste Mallorcas in der Hafenstadt Puerto Cristo sowie am Kap von Punta de n'Amer zu landen. Ihnen gegenüber standen seitens der Franquisten ca. 1200 Mann reguläre Infanterie, 300 Angehörige der Guardia Civil und bis zu 2000 falangistische Freiwillige. Diese konnten ca. zwölf Kilometer zurückgedrängt werden, so dass ein Brückenkopf entstand. Bayo kommandierte die Aktion von Bord des Schlachtschiffes »Jaime I« aus. Als aber die Putschisten am 27. August Verstärkung aus dem faschistischen Italien bekamen, stagnierte der Angriff.

Bomben auf Madrid und Barcelona

Inzwischen waren aber auch – wiederum ohne Bayo zu informieren – anarchistische Milizen in der Cala Mandida und der Cala Anguila gelandet. Abstimmungsdefizite sowie die Weigerung der Anarchisten, sich Bayos Befehl zu unterstellen – wegen angeblich zu großer Nähe zur KP Spanien –, schwächten die Einheit und Kampfkraft der Republikaner.

Die Franquisten, die als Ergebnis des von ihnen ausgeübten Terrors keine Gefahr mehr aus dem Inneren der Insel erwarteten, verlegten ihr Hauptquartier jetzt nach Manacor. Zuvor hatten sie den hiesigen republikanischen Bürgermeister Antonio Amer umgebracht. Und auch hier trieb der berüchtigte »Conde Rossi«, der italienische Faschist Arconovaldi Bonacorsi, sein Unwesen (vgl. ND v. 16./17. Juli 2011). Er war verantwortlich für die Ermordung zahlreicher Gefangener sowie die Vergewaltigung und Hinrichtung von fünf Krankenschwestern, die seinen Leuten in die Hände gefallen waren.

Ende August/Anfang September 1936 war es klar, dass Bayos Unternehmen gescheitert war. In der Nacht vom 4. zum 5. September befahl die Regierung Largo Caballero den Rückzug von der Insel. Dieser selbst war wiederum außerordentlich verlustreich.

Bayos Warnung erfüllte sich blutig. Schon am 18. und 19. August wurden die ersten italienischen Fliegerstaffeln auf der Insel stationiert, andere folgten, und bald kamen auch die ersten zwei Staffeln der Legion Condor. Damit beherrschten die Putschisten die Mittelmeerküste. Auf Mallorca starteten die Flugzeuge, die Barcelona, Valencia, Alicante, Cartagena, Sagunto, die industriellen Zentren des Festlandes, die republikanische Marine und die Bodentruppen der Verteidiger der Republik bombardierten. Barcelona und Madrid sind die ersten großen Städte in der Geschichte, die massiv aus der Luft bombardiert wurden, über drei Jahre lang. Von Mallorca aus wurden ca. 2000 Luftangriffe auf Barcelona gestartet, die etwa 3000 Menschenleben kosteten.

Alberto Bayo hat, nachdem die Landung auf Mallorca missglückt war, nie wieder direkt ins Kriegsgeschehen eingegriffen. Dass die Republik auf den erfahrenen Militär verzichtete, ist eines der Rätsel dieses Krieges. Unglaublich auch, dass der SIM, der republikanische Geheimdienst, ausgerechnet ihn verdächtigte, desertieren zu wollen. Ironie der Geschichte: Bei einem Luftangriff auf Barcelona wurde er an einem Auge derart verletzt, dass er nach Paris zur Behandlung gebracht werden musste.

Nach Beendigung des Krieges ging Bayo nach Mexiko, wo er eine Militärakademie gründete und Guerilleros ausbildete, so die San-dinistas. Davon erfuhr auch ein junger kubanischer Anwalt, und so stand eines Tages Fidel Castro vor seiner Tür. Sein bester Schüler aber, schrieb Bayo später, sei ein junger argentinischer Arzt gewesen, den er auch als Schachspieler schätzte, und der später unter dem Namen Ernesto Che Guevara weltberühmt werden sollte.

Nach dem Sieg der kubanischen Revolution ging Bayo nach Kuba. Seine Erfahrungen waren beim Aufbau der jungen Volksarmee hochwillkommen. Geehrt als Héroe nacional cubano (Nationalheld) starb er am 4. August 1967 auf Kuba, zwei Monate, bevor Che Guevara in Bolivien ermordet wurde

Bayo hinterließ ein umfangreiches literarisches Werk: 22 Bände, vor allem Lyrik und Erzählungen, aber auch militärtheoretische Abhandlungen. Sein größter Erfolg blieb sein in viele Sprachen übersetztes und noch heute von Aufständischen genutztes Buch »150 Fragen an einen Guerillero«. In Spanien ist im vergangenen Oktober eine Neuauflage seiner 1944 erstmals in Mexiko gedruckten Erinnerungen »Mi desembarco en Mallorca« (»Meine Landung auf Mallorca«) erschienen, eine überaus spannende Schilderung des Versuchs, die Balearen für die Republik zu retten.

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