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Experiment Hühnerwasser

Auf einem ehemaligen Tagebaugelände in der Lausitz sehen Forscher zu, wie Natur entsteht

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In der Lausitz haben Wissenschaftler auf sechs Hektar ehemaligem Tagebau buchstäblich Neuland geschaffen, um natürliche Abläufe in jungfräulicher Landschaft besser zu verstehen – ein weltweit einzigartiges, ursprünglich auf zwölf Jahre angelegtes Experiment. Seit fast sechs Jahren sorgt die Natur schon für Überraschungen. Die Erkenntnisse können bei der Rekultivierung oder Renaturierung großer Eingriffe in die Landschaft helfen und womöglich Kosten sparen.

Sanfter Wind über der Lausitz und am Himmel eine Feldlerche. Sie zwitschert im Schwirrflug so aufgeregt in der Luft, als sei sie empört über die Eindringlinge in ihr Revier. Drei Männer, die sich Zugang durch ein kleines Tor im Maschendrahtzaun verschafft haben und nun damit beginnen, diverse Messinstrumente abzulesen, hier unglaublich interessiert den spärlich bewachsenen Boden abzusuchen, dort den Tümpel zu beobachten, an dessen Rand im Schilf ein Teichfrosch quakt. Sonst kaum ein Laut. Nicht einmal der Motor der riesigen Absetz-Maschine ist zu hören, die weiter westlich über ihr weit ausgreifendes Förderband einen ausgebeuteten Braunkohle-Tagebau wieder mit Abraum befüllt.

Einmaliges künstliches Ökosystem

Nach einem früher hier fließenden Bach trägt das sechs Hektar oder zehn Fußballplätze große Grundstück den sonderbaren Namen »Hühnerwasser« und ist Teil des früheren Tagebaus Welzow-Süd nahe Cottbus. Das klingt nicht aufregend, und doch gibt es nirgendwo etwas Gleichwertiges. Denn seit 2005 entwickelt sich hier nahezu ungestört das größte künstlich geschaffene Wassereinzugsgebiet der Welt – konstruiert aus einer von Baggern und Planierraupen geformten, nach unten wasserdichten Mulde aus ortsüblichem Ton sowie darauf aufgeschütteten eiszeitlichen Sanden.

Mit Hilfe des künstlichen Ökosystems wollen Bio- und Geowissenschaftler besser verstehen, wie eine frisch entstandene Landschaft sich entfaltet und mit Leben füllt. Zum Beispiel auf Lava- oder Aschedecken nach einem Vulkanausbruch, oder in Hochgebirgen dort, wo tauende Eiszungen zurückweichen wie der Dammagletscher in den Schweizer Alpen. Oder auch an den Küsten Skandinaviens, wo selbst 10 000 Jahre nach der jüngsten Kaltzeit das Festland sich noch immer hebt, weil kein mächtiger Eispanzer mehr auf ihm lastet.

Doch Neulandforschung ist selber Neuland. »So ziemlich alles, was wir über Ökosysteme wissen, stammt aus schon lange bestehenden, nicht aber aus ganz jungen«, sagt Wolfgang Schaaf vom Lehrstuhl für Bodenschutz und Rekultivierung der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus. Der Geoökologe erforscht im Hühnerwasser die Bodenentwicklung und ist obendrein für die Prozesskontrolle zuständig. »Wir wollen hier beobachten, wann genau in einem neuen Ökosystem welche Weichen für das weitere Geschehen so gestellt werden, dass sich die betreffende Landschaft in eine ganz bestimmte Richtung entwickelt.« Fast 60 Forscher sind beteiligt, etwa die Hälfte von der BTU, die anderen kommen von der Technischen Universität München sowie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich .

Das ist zunächst Grundlagenforschung, soll jedoch anwendbar sein: »Unsere Erkenntnisse könnten für Rekultivierungsprojekte anderswo brauchbar sein, damit sich die dortigen Flächen schneller und wahrscheinlicher in eine gewünschte Richtung entwickeln lassen«, fügt der 53-jährige Pfälzer aus Frankenthal hinzu.

Die mit Sanden als Rohboden überdeckte Tonmulde war im September 2005 fertig – seither waltet dort die Natur. »Natürlich ist das heutige Hühnerwasser ein künstliches System«, räumt Schaaf ein. Aber nur so lassen sich Stoffströme bilanzieren und Antworten auf viele Fragen finden: Wie viel Wasser trifft auf, wie viel verdunstet davon, wie viel fließt hoffentlich irgendwann durch den neuen Hühnerwasser-Bach wieder in die Spree?

Mikrobiologen halten Ausschau nach Bakterien, Algen, Pilzen und Flechten, die auf der Fläche wuchern. Meteorologen sammeln Niederschlags- und andere Wetterdaten. Botaniker halten das Sprießen von Pflanzen fest, deren Samen herbeigeweht oder durch Vögel, Mäuse und anderes Kleingetier eingetragen worden sind – oder die, sozusagen als natürliche Verunreinigung, aus den aufgeschütteten Sanden hervorsprießen.

Inzwischen dominiert unter den fast 150 Pflanzenarten der Testfläche der Hasen-Klee (Trifolium arvense), eine einjährige europäische Art mit Pfahlwurzel und bitter schmeckenden Stängeln, die von Nutztieren verschmäht wird. »Dieses Kraut war nicht im aufgeschütteten Boden, sondern hat sich erst mit wenigen Exemplaren im zweiten Jahr angesiedelt«, erklärt Anton Fischer von der Technischen Universität München. Vermutlich haben Mäuse und Kaninchen seine Samen eingetragen, denn der Kelch der alten Blüte, der die schon entwickelten Früchte umringt, ist »etwas stachelig und kann im Tierfell hängen bleiben«.

Während Hängebirken – eigentlich klassische Pioniergehölze – auf der Testfläche noch selten sind, macht sich ein schwachdorniger Vertreter der Sanddorn-Gewächse überraschend breit. Indem er sich unterirdisch weithin mit Wurzelausläufern verzweigt, wächst der genügsame Strauch zu immer ausladenderen Gebüschen heran, die Humus bilden und anspruchsvolleren Nachfolge-Pflanzen so den Boden bereiten. Ein Sanddorn-Busch hat sogar einen der aus Kunststoff-Trittsteinen bestehenden Wege blockiert. »Eine sehr konkurrenzstarke Art, die schnell wächst und andere Pflanzenarten unterdrückt«, sagt der BTU-Landschaftsökologe Michael Elmer. »Und eine, die sich nicht an unseren Wegeplan hält«, frotzelt sein Kollege Werner Gerwin, ein Geograph vom BTU-Forschungszentrum Landschaftsentwicklung und Bergbaufolgelandschaften. Die Natur hat eben eigene Pläne.

Bodenkundler beschäftigten sich mit Prozessen im obersten Erdreich: dem Bodenstoffwechsel, dem Wühlen, Graben und Bohren durch Würmer, Mäuse und Insekten sowie dem Wachstum der Pflanzenwurzeln. Außerdem erforschen sie die noch wenig untersuchten Bodenkrusten, deren ökologische Rolle »bisher sehr unterschätzt wird«, wie Gerwin sagt. Die Krusten bilden sich zum Beispiel durch Algen, Bakterien oder andere Kleinstlebewesen, aber auch durch Tonminerale, Eisenoxide sowie Salze, die aus der Bodenfeuchte ausfallen. Jedenfalls haften die Bodenteilchen irgendwann eng aneinander oder werden regelrecht verkittet. Das hat erhebliche Folgen für das jeweilige Ökosystem – zum Beispiel verstärken die Krusten den oberflächlichen Abfluss von Regen, weil weniger Niederschlagswasser in den Boden eindringen kann.

Wildschweine müssen draußen bleiben

Wirklich natürlich darf sich das Testgelände notgedrungen nicht entwickeln – schließlich ist es ein Landschaftslabor, das ohne ein paar definierte und kontrollierbare Eigenschaften nicht auskommt. Mehr Natur verhindert schon der Maschendrahtzaun ringsum. »Bei den Tieren, die hier Zugang haben, mussten wir einen Kompromiss machen«, sagt Schaaf. »Alles von Karnickelgröße an aufwärts wollen wir auf der Fläche nicht haben.« Vor allem die im Umland zahlreich vorkommenden Wildschweine könnten »auf einer so empfindlichen Fläche wie unserer derart große Schäden verursachen, dass sie uns zu viele Forschungsergebnisse kaputtmachen würden«. Und das wäre angesichts des immensen Aufwandes dann doch ein Jammer.

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