Ausnahmen bestätigen die Regel

Vor fünf Jahren trat die Rechtschreibreform in Kraft. Doch ist es mit einem Regelwerk allein nicht getan

Mit der 2006 eingeführten »Reform der Rechtschreibreform« kehrte man zu vielen alten Schreibweisen zurück.

Wissen Sie, was ein »Anredefürwort« ist? Anredefürwörter, also »du« oder »ihr«, dürfen seit der Einführung der Rechtschreibreform vor fünf Jahren klein oder groß geschrieben werden. Man denke daran, wenn man einen Brief oder eine E-Mail verfasst. Auf den ersten Blick könnte man diese seinerzeit eingeführte Regel für eine Vereinfachung halten: Zwei Schreibweisen sind nun statt einer einzigen erlaubt. Und beabsichtigt war auch vor fünf Jahren: eine Vereinfachung. Doch dann – wir bleiben beim oben genannten Beispiel – stößt man plötzlich darauf, dass die Vereinfachung gar keine ist: »Ihr« wird immer dann großgeschrieben, wenn es um eine oder mehrere Personen geht, die Sie siezen. Also nochmal: Erlaubt ist hier, was gefällt, was die Groß- und Kleinschreibung angeht. Außer Sie siezen jemanden, dann gilt ein Ausnahmefall, egal ob es sich um eine angesprochene Gruppe oder Person handelt. Hier muss »Sie« und »Ihr« großgeschrieben werden. Also: »Danke für Ihr Verständnis.« Beim Duzen aber ist es wurscht: »Schön, wenn ihr (bzw. Ihr) Verständnis habt.« Mag sein, dass Sie das auf Anhieb verstehen bzw. ihr/Ihr das auf Anhieb versteht. Aber erklären Sie diese Regelung und ihren Sinn mal einem Kind, das gerade schreiben lernt.

Ähnlich verhält es sich mit anderen sogenannten Vereinfachungen, die vor fünf Jahren eingeführt wurden. Die mit der Reform eingeführte Schreibweise »Leid tun« wurde inzwischen wieder abgeschafft. Seitdem gilt allein die Schreibweise »leidtun«. Die alte Schreibweise (»leid tun«) soll weiterhin als falsch gelten. Genannt sei aber nun als Beispiel etwa der Satz »Es tut mir leid«. Hier wird »leidtun« wieder zu »leid tun«. Sonst müsste es heißen: »Es leidtut mir.« Und dann schreien womöglich auch wieder alle auf. Früher war Groß- oder Kleinschreibung möglich. Heute muss »leid« kleingeschrieben werden. Wo sich hier die Vereinfachung verbirgt, bleibt unklar.

Kommasetzung? Setzt sich ein Satz aus zwei Hauptsätzen zusammen, können diese durch Komma abgetrennt werden oder auch nicht. Sehr hilfreich, das zu wissen. Das war aber vorher auch schon so geregelt. Auch das »ß« existiert entgegen kursierender Gerüchte noch. Man einigte sich darauf, dass der Buchstabe – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr nach kurzen, sondern nur noch nach langen Vokalen im Wort zu stehen hat. Die Schweizer kennen übrigens kein »ß«, sondern schreiben einfach alles mit Doppel-S: Massanzug, Fussgelenk, Bolzenschussgerät. Das hat dort, so viel man derzeit weiß, noch niemandem geschadet.

Derlei Hickhack um die Rechtschreibung ist wohl das Ergebnis einer Jahre währenden Prozedur, die sich von der »ersten Rechtschreibreform« 1996, als viele neue Regeln an Schulen bereits eingeführt wurden, über 2004, als der »Rat für deutsche Rechtschreibung« eingesetzt wurde, bis zum Jahr 2006 hinzog, als die von vielen später so genannte »Reform der Reform« in Kraft trat.

Auf die Frage, ob Lehrer und Behörden heute die neue Rechtschreibung beherrschen, sagt Dr. Kerstin Güthert, die Geschäftsführerin des Rates für deutsche Rechtschreibung: »Es gibt nach wie vor gewisse Umsetzungsschwierigkeiten.« Insbesondere jedoch sei es »das ständige Hin und Her« in den Jahren vor 2004 gewesen, das irgendwann »nur noch alle verunsichert« habe. Damals seien es zwölf Wissenschaftler gewesen, die die Reform erarbeitet hätten. »Das war wichtig, um Regeln formulieren zu können«, sagt Güthert. 2004 sei schließlich das Gremium eingesetzt worden, das sie leitet. Seither sei es »kein reines Wissenschaftlergremium mehr«. Auch »Leute aus dem Lehrerwesen und Journalisten« seien dabei. »Wir hatten eine sehr dichte Sitzungsfrequenz. Wir wollten, dass das nicht wieder nach drei Jahren umgestürzt wird.«

Danach gefragt, ob die fortwährenden Änderungen, Korrekturen und nachträglichen Klarstellungsversuche am Ende nicht zu Verunsicherung und Ratlosigkeit bei vielen geführt haben, meint Güthert: »Im Gegenteil.« Gerade deswegen sei man 2006 »weitgehend zurückgekehrt zu den alten Regeln«, sagt sie. »Seit 2006 ist relative Ruhe eingekehrt.«

Dennoch bleibt die Frage, wozu es überhaupt einer Reform bedurfte, wenn man sich heute weitgehend an den alten Regeln orientiert. Selbst Kerstin Güthert meint: »Wer hat vor 1996 über Rechtschreibung gesprochen? Das wollte kein Mensch.«

In Deutschland aber scheint man seit jeher der Zwangsvorstellung anzuhängen, die Kenntnis der deutschen Sprache und der Umgang mit ihr verbessere sich, wenn man sogenannte Expertenkommissionen einberuft, die jahrelang Sitzungen veranstalten und Ausschüsse bilden und rücksichtslos alles verregeln, ordnen und normen, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist.

Der korrekte – geschweige denn der liebevolle oder geistreiche – Umgang mit Sprache ist jedoch eine Sache, die man nicht erzwingen kann, sei es nun per Dekret, per Gesetzesbeschluss, »Reform« oder »Eckpunktepapier«. Denn Sprache entwickelt sich eigengesetzlich. Weshalb auch zahlreiche sprachpuristische und »Sprachpflege« betreibende Vereinigungen, die nicht selten die Sprache von vermeintlich fremden Einflüssen »reinhalten« wollen, häufig so reaktionär und lächerlich wirken. Die Enzyklopädie Wikipedia führt unter dem Stichwort »Sprachvereine« weit über 30 Gruppen und nichtstaatliche Organisationen (diverse Gegengründungen, Abspaltungen und Abspaltungen von Abspaltungen nicht mitgerechnet), in denen alles Mögliche betrieben wird, von der »Mundartpflege« über die »Förderung der gemäßigten Kleinschreibung« bis hin zur »Sprachrettung«. Oft geschieht das mit einer Hingabe und Obsession, die einen an gesellschaftliche Parallelwelten wie das deutsche Kleingärtnerwesen denken lässt: Menschen, die es vorziehen, in ihrem eigenen, streng abgegrenzten Kosmos zu leben.

Die Rechtschreibreformkommissionen (auch so ein schönes deutsches Wort) hätten – statt sich über Jahre hinweg der Erbsenzählerei und der Erstellung eines bis heute vielfach revidierten und verwirrenden Regelwerks zu widmen – besser daran getan, sich darum zu kümmern, wie man erfolgreich bestimmte Worte wieder los wird, die einst von Reklametreibenden oder Politbürokraten erfunden wurden und die kein Mensch braucht: ein Wort wie »Eckpunktepapier« zum Beispiel. Ein Wort, bei dessen Klang man das Bürokratengehirn, das es in Umlauf gebracht hat, geradezu arbeiten hört. Doch ein sprachkritisches Bewusstsein ist nicht vorhanden, weder bei Rechtschreibreformern noch bei Sprachverwaltern.

Heute werden in den Duden all jene Wörter aufgenommen, die sich in der deutschen Sprache etabliert haben, d.h. die im Sprachgebrauch über einen längeren Zeitraum Verwendung finden, oft unabhängig von ihrer Bedeutung oder ihrem ideologischen Gehalt. Zur Folge hat diese Regelung, dass künftig wohl von Werbeagenturen erfundene Wohlfühlbegriffe und die Realität vernebelnde Neologismen aus der Reklamesprache (»Doppelrahmstufe«, »Frühlingskredit«, »Rundum-Sorglos-Paket«) mit demselben Gleichmut in den Duden aufgenommen werden wie Begriffe aus dem neoliberalen Dummdeutsch, die dort schon verzeichnet sind (»Ansprechpartner«, »Schuldenbremse«, »Ich-AG«, »Anforderungsprofil«).

Auch die Tatsache, dass eine Imbissbude heute »Grill-Shop« und eine Mülltonne »Wertstoffbehälter« zu heißen hat, dürfte wohl nicht mehr rückgängig zu machen sein. Die Sprache regrediert zu einer Mischung aus Orwellschem Neusprech und albernem Stummel- und Stammeldeutsch.

Und den Unterschied zwischen »zeitgleich« und »gleichzeitig« kennt auch fast niemand. Das Wort »Eckpunktepapier« findet man übrigens im Duden. Zu lesen ist dort allen Ernstes der Eintrag: »Papier, in dem Eckpunkte festgehalten sind.« Schön, dass wenigstens das mal erklärt wurde. Der von Dr. Kerstin Güthert verwendete Begriff »Sitzungsfrequenz« findet sich hingegen nicht im Duden. Noch nicht.

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