Es wird kritisch in Wnukowo ...

Spaß-Generation blendet Piloten mit Lasern und setzt das Leben Hunderter aufs Spiel

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.

Gleich zweimal wurde es kürzlich in einer Nacht extrem kritisch auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo. Jugendliche hatte zunächst die Besatzung einer heimischen TU-204 in der entscheidenden Phase des Landeanflugs mit einem Laser geblendet. Minuten später raste gleißendes grünes Licht durch das Cockpit einer landenden Boeing 757. Die Tupolew-Besatzung sah sekundenlang gar nichts, die der Boeing hatte Spezialbrillen dabei und die bereits aufgesetzt, als das Fahrwerk ausgefahren wurde. Aus gutem Grund: Seit Jahresbeginn wurden allein auf dem Großflughafen Wnukowo über fünfzig Laser-Attacken registriert. Jeder davon hätte den Tod von bis zu 250 Menschen nach sich ziehen können.

Auch in der Provinz sind einschlägige Delikte auf dem besten Weg, sich zum Massensport zu entwickeln. Tatwerkzeug sind Laser-Zeigestöcke, neudeutsch: Pointer, wie sie gern von Universitätsprofessoren oder bei Firmenpräsentationen verwendet werden. Auch in Russland sind sie problemlos erhältlich.

Die Übeltäter sind erschreckend jung. In Tschetscheniens Hauptstadt Grosny nahm die Polizei zu Wochenbeginn einen Fünfzehnjährigen auf frischer Tat fest. Nach einer Belehrung im Revier wurde er den Eltern mit der Maßgabe überstellt, sich intensiver um die Erziehung des »Früchtchens« zu kümmern. Respekt vor Älteren, vor allem vor den eigenen Erzeugern, gehört im Nordkaukasus seit Urzeiten zu den Sekundärtugenden. Deren Maßnahmen dürften daher mehr Erfolg haben als Besserung durch polizeiliche Strafen. Gleichzeitig untersagte Republikchef Ramzan Kadyrow den Verkauf der Pointer per Erlass. Die Händler, so sein Pressechef, hätten darauf »mit Verständnis« reagiert.

Auch der Staatsduma in Moskau liegt inzwischen ein von der Polizei in Rostow am Don eingebrachter Gesetzentwurf vor, der den freien Verkauf von Laser-Pointern einschränken soll und drakonische Strafen für die Angreifer vorsieht. Den Abgeordneten schwebt Haft von bis zu zehn Jahren vor. Einigen geht auch das nicht weit genug. Einschlägige Vergehen fallen aus ihrer Sicht unter den Tatbestand Terrorismus und müssten entsprechend geahndet werden.

Vor der Sommerpause indes kam das Hohe Haus nicht zu Stuhle. Die Sanktionen sollen in einem neuen Gesetz verankert werden, mit dem strafrechtliche Konsequenzen bei böswilliger Gefährdung der Verkehrssicherheit generell verschärft werden. So lange will Premier Wladimir Putin nicht warten. Wie sein Pressechef Dmitri Peskow erklärte, genüge auch eine Verfügung der Regierung. Und die könne, sobald ein entsprechendes Gutachten des Obersten Gerichts vorliegt, operativ verabschiedet werden.

Strafen allein genügten nicht, mahnte dagegen Jelena Dosorzewa vom Moskauer Zentrum für gerichtsmedizinische Psychiatrie. Gebraucht würde vor allem Aufklärung. Die jugendlichen Übeltäter hätten häufig nicht einmal annähernde Vorstellungen von den Folgen ihre Tuns.

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