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Löcher in der Personaldecke wachsen

Private Anbieter sozialer Dienste suchen dringend Pflegefachkräfte

In der Pflege gibt es zu wenig Fachkräfte, sagt der Verband privater Anbieter sozialer Dienste. Am Dienstag stellte er aktuelle Zahlen vor.

»Sie brauchen schnell einen ambulanten Pflegedienst für Ihre Mutter? Da können wir Ihnen leider nicht helfen, wir haben nicht genug Mitarbeiterinnen.« Auskünfte dieser Art gibt es heute schon, besonders in den Ballungsgebieten der Republik. Dort bleibt in Pflegeheimen die eine oder andere Abteilung inklusive vollständiger Einrichtung leer stehen. Der Grund: Nicht genug Fachkräfte. Auf drei unbesetzte Stellen in der Altenpflege kommt nur eine Arbeit suchende Fachkraft aus der Branche. Aktuell fehlen 30 000 qualifizierte Pfleger und Pflegerinnen. Zahlen wie diese präsentierte der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) gestern in Berlin. Die Daten wurden von Dominik H. Enste vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln in einer Studie zur Pflege 2011 zusammengetragen.

Der akute Fachkräftemangel wird bereits heute aus 79 Prozent der Krankenhäuser, 77 Prozent der Sozialstationen und 64 Prozent der stationären Pflegeeinrichtungen berichtet. Zwar versorgen aktuell 970 000 Beschäftigte mehr als die Hälfte der rund 2,5 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland, aber die Zahl der letzteren wird sich bis 2050 auf vier Millionen erhöhen. Entsprechend steigt auch der Bedarf an gut ausgebildeten und motivierten Mitarbeitern. Nun fragen sich auch die Arbeitgeber im Bereich der privaten Anbieter, wo diese denn herkommen sollen. Bernd Meurer, bpa-Präsident und selbst Betreiber eines Pflegeheimes, weiß bei jedem Personalgespräch mit einer neuen Fachkraft, dass er diese nicht aus der Arbeitslosigkeit holt, sondern von einer anderen Einrichtung quasi abwirbt.

In den kommenden neun Jahren werden 220 000 qualifizierte Mitarbeiter fehlen. Die Politik habe bisher eindeutig zu wenig für die Stärkung der Ausbildung getan. Sogar die laut Konjunkturpaket II noch mögliche öffentliche Finanzierung der Umschulung in den Beruf wurde gestrichen, erklärt Meurer mit einem Kopfschütteln. Neues Unheil droht womöglich aus Brüssel. Denn dort arbeitet die Europäische Kommission an einer Neuauflage der Berufsanerkennungsrichtlinie 2005/36/EG, die vielleicht den Zugang zur Kranken- und Altenpflegeausbildung erst nach zwölf Schuljahren zulässt. Dann müssten 90 Prozent der jetzigen deutschen Azubis abgewiesen werden, so Meurer. Sein Verband fordert hingegen, die Pflegeausbildung in Zukunft durch die Pflegesätze refinanzierbar zu machen. Umschulungen müssten ebenso wieder finanziert, außerdem die Berufsanerkennung bei EU-Zuwanderern deutlich erleichtert werden. Auch eine »gesteuerte, qualifizierte Zuwanderung aus Nicht-EU-Staaten« hält er für wünschenswert.

Für einen erneuten Aufschub der Pflegereform durch die Bundesregierung zeigt der bpa wenig Verständnis. Denn die Pflege koste nicht nur, wie immer gerne vorgeschoben wird. 2011 sei der Bereich an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung mit über 27 Milliarden Euro beteiligt, das entspricht 1,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, erklärt der Kölner Wirtschaftswissenschaftler Enste. Zudem sorge professionelle Pflege direkt und indirekt für zusätzliche Staatseinnahmen von bis zu 22,68 Milliarden Euro pro Jahr.

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