Geschichten aus der Flasche

Der Kölner Künstler Joachim Römer hat ein aufregendes Hobby: Er fischt seit etlichen Jahren Post aus dem Rhein

  • Von Christoph Driessen, dpa
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein Kölner Künstler hat schon fast vierhundert Mal Flaschenpost an den Ufern des Rheins gefunden. Der Fluss erzählt ihm Geschichten – schöne und traurige.
Vierhundert Funde seit 1999: Joachim Römer bei der Flaschenpostsuche am Rhein Fotos: dpa/Oliver Berg
Vierhundert Funde seit 1999: Joachim Römer bei der Flaschenpostsuche am Rhein Fotos: dpa/Oliver Berg

Köln. Verkohlte Äste, Scherben, Plastiktüten – und dazwischen, »ja, das ist doch ...« Joachim Römer (54) bückt sich und hebt eine kleine verkorkte Flasche auf, in der ein zusammengerolltes Papier steckt. Er hat mal wieder eine Flaschenpost aus dem Rhein gefunden. Nummer 397.

Seit 1999 sammelt der Kölner Künstler Flaschen mit Post. Die erste fand er zufällig, als er Plastikmüll für ein Kunstwerk zusammensuchte. Inzwischen füllen die Funde mehrere Kartonreihen im Keller. Dunkelgrün schimmernde Weinflaschen sind darunter und helle flache Schnapsflaschen.

Heinrich Böll hat einmal gesagt, es gebe einen Weintrinker-Rhein, ungefähr vom Quell bis nach Bonn, und im Anschluss daran einen weniger bekannten Schnapstrinker-Rhein. Die meisten Botschaften allerdings spuckt der Strom in schäbigen Plastikflaschen aus.

Brief an ein totes Kind

»Hier geht's lang«, sagt Römer und schlägt sich in die Büsche. Es geht die Uferböschung hinunter. Überall im Gestrüpp liegt der Abfall, den der Fluss beim letzten Hochwasser angespült hat. Kinderwagen ohne Räder, Gummihäute gesunkener Schlauchboote, Sessel mit herausquellender Füllung. Feuerstellen zeugen davon, dass diese Halbwelt zwischen Wasser und Land am Abend und bei Nacht nicht immer so entvölkert ist wie jetzt. Man könnte glauben, man bewege sich durch die Hinterlassenschaften einer abgetakelten Zivilisation.

Das häufigste Treibgut sind Flaschen. »Inzwischen sehe ich auf zehn Meter, ob da was drin sein könnte«, sagt Römer. »Ich röntge sozusagen die Oberfläche.« Manchmal läuft er vier Stunden. Auf dem Rückweg findet er Flaschen, die er auf dem Hinweg übersehen hat – weil da die Sonne anders steht.

Der Rhein erzählt ihm Geschichten. Lustige und traurige, obszöne und berührende. Vereinzelt sogar in Versform. Er mag sie, die Poesie des Flusses. Manche Botschaften werden aus einer Feierlaune heraus geschrieben. Ein Heidelberger Medizinstudent warf nach bestandener Prüfung eine Flaschenpost in den Neckar, und obwohl er seinen Nachnamen nicht dazu schrieb, machte Römer ihn über die Hochschule ausfindig.

Eine Kalebasse aus einem kleinen Kürbis, umkleidet mit Spanholz, enthielt Rosenblätter und einen Brief an ein früh gestorbenes Kind; die Schrift war schon etwas verwischt, wohl durch Wassertropfen. Aber es hätten auch Tränen sein können. In einer Flasche lagen zwei Ringe – Zeugnisse einer gescheiterten Ehe. Wieder ein anderer schrieb an die Frau, die er liebte und die ihn verlassen hatte. Er war überzeugt, dass die Flasche den Weg zu ihr finden würde. Joachim Römer hat sich nicht bei ihm gemeldet. Er wollte sich nicht einmischen, sagt er. Flaschenpost ist ein Sehnsuchtsthema.

»Eine Botschaft an jemanden zu schreiben, den man nicht kennt, dahinter steckt die Sehnsucht nach jemandem, der einen versteht, der einem hilft«, sagt Römer. Oft hat der Kölner das Gefühl, dass er nicht der ist, den sich die Absender als Empfänger ausgemalt haben. All die Kinder, die sich Rettung aus der Gewalt von Piraten erhoffen: »Für die wäre ich eine Enttäuschung.«

Römer sammelt, um die Flaschen irgendwann zu einem Kunstwerk zu verarbeiten. Zumindest ist das die Erklärung, die er sich zurechtgelegt hat. Natürlich hätte er schon vor Jahren genug Flaschen gehabt. Die Wahrheit ist wohl, dass er sammelt, weil er nicht mehr anders kann. Er braucht die langen Wanderungen am Fluss, wenn das Bewusstsein auf unscharf gestellt ist. »Irgendwie kriegt man auch so einen Jagdinstinkt«, sagt er. Etwa jede dritte Flaschenpost enthält eine Adresse, Telefonnummer oder E-Mail-Adresse. »Bei einer E-Mail finde ich das Verrückte, dass die Flasche möglicherweise eine halbe Ewigkeit unterwegs war und die Übermittlung der Antwort dann nur Bruchteile von Sekunden dauert.«

Eine Nachricht in einer Flasche zu verschicken, ist ein Beitrag zur Entschleunigung, ein Bekenntnis zum denkbar gemächlichsten Mittel der Nachrichtenübermittlung. Die älteste Flaschenpost, die Joachim Römer je entdeckt hat, stammte von 1976. Zwei 13 oder 14 Jahre alte Freundinnen hatten sie abgeschickt.

Treffen nach vielen Jahren

Vielleicht war die Flasche bei Hochwasser aufs Land geworfen worden und hatte sich im Gestrüpp verhakt. Dann dauerte es bis zur nächsten Überschwemmung, ehe sie weitertransportiert werden konnte. Als Römer mit den Absenderinnen Kontakt aufnahm, hatten sich diese schon lange aus den Augen verloren. Eine von ihnen war nach Israel ausgewandert. Über die Flaschenpost fanden sie wieder zusammen.

Die Sonne bricht kurz durch die Wolken, und für einen Moment verliert der dunkle Fluss seine Schwermut. Das Wasser glitzert, so als würde aus seinen Tiefen das Rheingold aufleuchten. Römer hebt den Kopf und schaut für einen Moment nicht mehr nach unten, sondern blickt über den Fluss. Selbst hat er noch nie eine Flaschenpost verschickt. »Ich würd's nicht machen, ich bin abergläubisch«, sagt er. »Ich hätte Angst, dann keine mehr zu finden.«

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