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»Deutschland muss das Urteil reflektieren«

Ein Nachfahre von Opfern des Massakers im italienischen Cervarolo über den Prozess gegen Wehrmachtssoldaten

Wegen besonders grausamen Mordes wurden sieben Wehrmachtssoldaten Anfang Juli in Italien verurteilt. Die Kriegsverbrecher werden ihre Haftstrafe wohl nie antreten. Wie zufrieden die Überlebenden und Nachfahren der Massaker in den Apenninen mit dem Urteil sind, weiß Italo Rovali. Mit dem Anwalt und Sprecher der Opfer von Cervarolo sprach Katja Herzberg.
Italo Rovali
Italo Rovali

ND: Welche Bedeutung hat das Urteil vom 6. Juli für Sie?
Rovali: Dies ist ein historisches Urteil, weil es die Deutschen und die italienischen Faschisten zur Verantwortung zieht. Der Prozess hat die Wahrheit ans Licht gebracht und für Gerechtigkeit gesorgt. Es ist wahrscheinlich das letzte Urteil gegen NS-Kriegsverbrecher in Italien. Denn Täter und Zeugen sterben. Erst am 20. Juli ist einer der wenigen Überlebenden des Massakers in Cervarolo im Alter von 83 Jahren verstorben.

Was hatten er und viele andere am 20. März 1944 erlebt?
Cervarolo war ein kleines, armes Dorf. Es liegt auf 1000 Meter Höhe in den Apenninen. Dort wollten sich die Deutschen und die Faschisten verschanzen. Mit dem Massaker wollten sie ein Exempel statuieren, um die neu formierten antifaschistischen Bewegungen und Partisanenverbände zu zerstören. Sie töteten fast alle Männer, insgesamt 24. Die versteckten sich zunächst im Wald, kamen aber zurück ins Dorf, als ihre Frauen sie riefen. Wehrmachtssoldaten und die Faschisten zwangen sie dazu. Dann schickten sie die Frauen und Kinder weg und erschossen die Männer. Anschließend zündeten die Wehrmachtssoldaten die Häuser an. Zuvor wurde alles geplündert, die Frauen wurden vergewaltigt.

Was ist aus Cervarolo und den Hinterbliebenen geworden?
Cervarolo brannte die ganze Nacht. Am nächsten Morgen sind die Frauen und Kinder in das Dorf zurückgekehrt und haben es völlig zerstört vorgefunden. Die Überlebenden haben in vielen Jahren das Dorf wieder aufgebaut. Doch noch heute fehlen Generationen. Viele haben ihre Großväter nie kennengelernt. Auch mein Onkel, Großvater und Urgroßvater wurden ermordet. Das Dorf kämpft noch heute mit den Schäden, die die Soldaten der Hermann Göring Division angerichtet haben.

Von November 2009 bis Anfang Juli dieses Jahres verhandelte das Militärgericht in Verona über das Massaker in Cervarolo und weiteren Orten in den Apenninen. Was war für die Überlebenden während des langen Prozesses am schwierigsten?
Die Menschen mussten im Gerichtssaal all ihre Erinnerungen wieder aufkommen lassen, alle Gefühle. Das hat sie sehr aufgewühlt. Es schmerzt immer wieder, über die Geschehnisse zu sprechen. Doch auch wenn es schmerzhaft war, war es doch eine Art der Ehrung unserer Angehörigen, die getötet wurden.

Obwohl sie die Erlebnisse nicht vor ihren Peinigern erzählen mussten. Die Angeklagten waren nicht einmal im Gerichtssaal.
Richtig. Sie haben nicht nur versucht, vom Gericht fern zu bleiben, sondern vom gesamten Prozess. Aber die italienischen Behörden haben sehr gute Arbeit geleistet, vor allem der Präsident des Gerichts. Auch die deutsche Polizei hat viele Dokumente zur Verfügung gestellt und geholfen, die Täter zu überführen.

Dennoch müssen die sieben Verurteilten wohl nie in Haft.
Deutschland liefert die Verurteilten nicht aus. Das ist schlimm genug. Aber es gibt internationale Abkommen. Danach kann die Strafe auch im Heimatland verbüßt werden. Das wird der italienische Staat auch beantragen. Diese Anfragen lässt Deutschland aber unbeantwortet. Das ist kein angemessenes Verhalten für ein Land, das sich als demokratisch und europäisch versteht. Aber wir wissen, dass das Urteil, das gegen die damaligen Wehrmachtssoldaten verhängt worden ist, in ihren Familien wie ein Henkersbeil angekommen ist. Für jemanden im Alter von 80 oder 90 Jahren ist das allein schon eine hohe Strafe.

Das Urteil enthält auch Entschädigungszahlungen von 22 Millionen Euro.
Deutschland verweigert die Zahlung und beruft sich darauf, dass es gegen italienische Urteile immun ist. Es ist eine Schande, dass Deutschland – eines der reichsten Länder Europas – sich einem solchen Urteil nicht unterwirft. Und dass sich kein Minister, kein Botschafter bei den Menschen entschuldigt, denen die Existenz geraubt wurde.

Ist es für Sie ein Unterschied, ob die Täter Wehrmachts- oder SS-Angehörige waren?
Für uns sind die Taten, die die Soldaten verübt haben, genauso schlimm wie die Verbrechen der SS. Sie haben ja nicht nur in Cervarolo getötet, sondern im März und April 1944 insgesamt 340 Menschen umgebracht.

Sie sind Autor eines Buches, das im Untertitel »Ein vergessenes Massaker« heißt. Warum?
Auch in Italien wurde die Vergangenheit nicht aufgearbeitet. Die Amnestie von 1946 ermöglichte es, dass viele Faschisten weiter in Ämtern und Behörden arbeiten konnten. Die Beteiligung der Faschisten an Verbrechen wurde nicht gesühnt. Sie haben die Deutschen oft erst in die Dörfer geführt. Zudem blieben auch die Opfer lange Zeit vergessen. Ich finde es skandalös, dass die Hinterbliebenen nicht entschädigt wurden. Meiner Meinung nach muss der deutsche Staat das Urteil reflektieren. Der Nazismus ist nicht vorbei. Anwälte und Beamte der Gerichte wurden während des Prozesses von deutschen Neonazis bedroht. Das darf man nicht kommentarlos hinnehmen.

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