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Fluch des »heiligen Elternwillens«

Diskussionen um das G 8-Abitur reißen nicht ab / Föderaler Flickenteppich und Eltern als Hilfslehrer

Schulpolitik ist und bleibt ein bundesweiter Flickenteppich. So verhält es sich auch in der Frage nach dem Turbo-Abi nach acht Jahren (G 8) oder nach dem Abitur mit neun Jahren (G 9) an weiterführenden Schulen.

Acht Jahre Gymnasium werden immer mehr Standard. In Thüringen und Sachsen kannte man noch nie etwas anderes. Erstmals 2001 wurde in den G 9-Ländern der Hebel umgelegt, zuerst im Saarland. Lediglich in Rheinland-Pfalz gibt es weiterhin die neunjährige Gymnasialzeit. In manchen Bundesländern gibt es sogar beide Wege. So in Schleswig-Holstein. Landesbildungsminister Ekkehard Klug (FDP) bietet G 8 und G 9 an Gymnasien an, dazu noch den neunjährigen Weg über die Gemeinschaftsschule. Er sieht damit mehr Freiheiten des Elternwillens gewährleistet, nachdem es doch flächendeckend erhebliche Klagen von Gymnasial-Eltern gab.

Wie heilig der Elternwille inzwischen ist, weiß man spätestens nach dem Volksentscheid zur Primarschule in Hamburg, die trotz eines Allparteienkonsenses im Parlament gekippt wurde. Wohl auch deshalb lassen in Nordrhein-Westfalen Rot-Grün in ihrem Koalitionsvertrag in der Frage nach G 8 oder G 9 den Eltern die gymnasiale Wahlfreiheit. In der Praxis haben sich allerdings nur 13 von 630 Gymnasien für die neunjährige Gymnasialzeit erwärmen können. Der Landeselternbeirat in Hessen machte zuletzt mobil gegen G 8, doch in dem im Juni verabschiedeten neuen Schulgesetz wird der Elternwille ignoriert und das Turbo-Abi noch einmal zementiert. In Bayern hat Bildungsminister Ludwig Spaenle (CSU) die Abitur-Mindestanforderungen für die Abi-Schnellversion dagegen gelockert, indem er die Notenvorgabe für das Blitz-Abi aufgeweicht hat. Der dortige Lehrerverband fordert als Reaktion eine neue Grundsatzdebatte zum Turbo-Abi.

Dort, wo das Abitur an Gymnasien nur die achtjährige Möglichkeit bietet, wird – wenn möglich – auf die Gemeinschaftsschule (Hamburg: Stadtteilschule, Berlin: Sekundarschule) verwiesen, auf der der Abi-Schulabschluss nach neun Jahren möglich ist. In Niedersachsen soll jetzt auch für die Gesamtschulen der G 8-Zwang vorgeschrieben werden. Das ist in den Augen der Kritiker wohl auch ein Versuch, das Gymnasium zu stärken und die Gesamtschulen zu schwächen, denn bei nur noch einer Geschwindigkeit zum Abi dürfte das Gymnasium in der Gunst zulegen. Eine Regelschulzeit von 13 Jahren ist derweil eine von mehreren zentralen Forderungen eines Volksbegehrens für gute Schulen in Niedersachsen. Noch bis Mitte Januar 2012 können Unterschriften dafür gesammelt werden.

Der Unmut über das schnellere Abi scheint nach wie vor weit verbreitet zu sein. Der Bremerin Birgitta vom Lehn ist mit ihrem im Vorjahr erschienenen Buch »Generation G 8 – wie die Turbo-Schule Schüler und Familien ruiniert« ein Bestseller gelungen. Sie hat ihre Erfahrungen mit den eigenen Kindern niedergeschrieben, beruft sich aber auch auf unzählige Kommentare von Eltern aus ganz Deutschland, vorwiegend aus den alten Bundesländern. Der Tenor: Den Teenagern wird ein Stück Kindheit geraubt, indem eine Verdichtung des Lehrstoffes in die Unter- und Mittelstufe verfrachtet wird. Die Folgen sehen vielerorts so aus: Weniger Zeit für Hobbys und insgesamt mehr Stress, den Eltern daheim kommt zunehmend eine Rolle als Hilfslehrer zu oder alternativ wird ein Konjunkturprogramm für Nachhilfedienste angekurbelt – vom Lehn lässt kein gutes Haar am Turbo-Abi!

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