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Wer den Zucker hat, hat auch das Recht

Eine Gewerkschaft der Landlosen reagiert auf gewaltsame Räumungen im Norden Argentiniens

  • Von Benjamin Beutler
  • Lesedauer: 3 Min.
Lange war von Argentiniens Landlosen (Piqueteros) wenig zu hören. Die Räumung eines von 700 Piqueteros-Familien besetzten Grundstücks, die vier Tote zur Folge hatte, brachte die Bewegung mit einem Schlag auf die Titelseiten der Zeitungen des Landes.

»Blutbad«, »soziale Proteste«, »politische Krise« – die Nachrichten aus der abgelegenen Provinz Jujuy im Norden Argentiniens, an der Grenze zu Bolivien und Chile, reißen nicht ab. Seit Wochenbeginn ist Jujuy zum Mittelpunkt der Bewegung der Landlosen geworden. In den acht Ortschaften San Pedro, Perico, Pampa Blanca, Caimancito, La Mendieta, Los Lapachos, Puesto Viejo und Fraile Pintado sind Polizeiberichten zufolge mindestens 40 Grundstücke von Piqueteros besetzt worden. Auch Gelände des internationalen Flughafens nahe der Provinzhauptstadt San Salvador wurde in Beschlag genommen.

Das Ereignis, das die zahlreichen Besetzungen auslöste, war der gewaltsame Tod von drei Landbesetzern.

Mit Tränengas, Schlagstöcken und scharfen Schusswaffen sowie in Begleitung von privatem Sicherheitspersonal waren am vergangenen Freitag mehr als 350 Polizisten auf ein 15 Hektar großes Grundstück nahe der Zuckerfabrik »Ledesma« vorgedrungen. Seit Monaten hatten 700 Familien die Brache besetzt gehalten und dort ihre ärmlichen Zelte aufgeschlagen und Provisionsbehausungen aus Holz und Wellblech errichtet. Nach langen Verhandlungen ordnete ein Gericht überraschend die sofortige Räumung des Geländes an, das vom Zucker-Konsortium »Ledesma S.A.« beansprucht wird.

Das Unternehmen der Millionärsfamilie Blaquet, die den gesamten Landbesitz rund um das Zentrum der 50 000-Einwohner-Stadt San Martín kontrolliert, hatte auf Herausgabe geklagt.

Sofort nach dem Eindringen der Sicherheitskräfte auf dem Areal kam es Augenzeugen zufolge, die den Gewaltausbruch erlebten, zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Bewohnern. »Es war wie in einem Kriegsgebiet«, sagt der Krankenhaus-Direktor Roberto Maizel. Drei junge Landbesetzer starben. Sie hatten Schüsse in den Kopf und den Körper bekommen. Auch ein Polizist kam ums Leben.

»Das war ein Massaker«, meint Enrique Mosquera, Chef der Gewerkschaft »Strömung für Klasse und Kampf« (CCC). Auch der Provinzgouverneur Walter Barrionuevo von der sozialdemokratisch-peronistischen »Front für den Sieg« (FPV) verurteilte das gewaltsame Vorgehen. Die Räumung habe ihn »überrascht, machtlos und wütend« gemacht, so der Koalitionär der nationalen Kirchner-Regierung, dessen Partei den Unterschied zwischen Arm und Reich als »inakzeptabel« beklagt.

Die CCC vertritt Arbeiter, Rentner und Arbeitslose. In Jujuy führt sie die Landlosenbewegung an. Die 1994 aus Protest gegen die neoliberale Regierung Carlos Menems gegründete Gewerkschaft spielte seit den 70er Jahren als »Klassen-Vereinigung 1. Mai« eine wichtige Rolle in der Arbeiterbewegung. Heute sollen soziale Ungleichheit, Arbeit und Wohnungsnot ganz oben auf die politische Tagesordnung. »Was bisher unter den Teppich gekehrt wurde, kommt jetzt ans Tageslicht«, sagt der CCC-Funktionär Juan Carlos Alderete. Das Wachstum der letzten Jahre habe nicht zu Wohlstand unter den einfachen Leuten geführt.

Von Polizeigewalt, die im Dienst von »Recht und Privatbesitz« ausgeübt wird, wird sich die CCC kaum einschüchtern lassen. Während der Militärdiktaturen der 70er Jahre organisierte ihre Vorgängerorganisation die Streiks von Mechanikern bei Renault und Peugeot. 1983, nach Argentiniens Rückkehr zur Demokratie, machten die Gewerkschafter mit der 18-tägigen Besetzung einer Ford-Fabrik auf sich aufmerksam. Wie diesen Mittwoch bekannt wurde, erwägt die Provinzregierung Enteignungen und die Verteilung von Grund und Boden.

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