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Flipperkugeln im Aschenbecher

Vor dem Kunsthaus Bethanien steht bis Herbst eine berollbare Skateboard-Bodenskulptur

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Einweihung der Street-Art-Skulptur »Papa und Ich« von Dave The Chimp
Einweihung der Street-Art-Skulptur »Papa und Ich« von Dave The Chimp

Was unternehmen zwar geschichtsbeladene, heute aber doch eher periphere Kleinstädte wie etwa Pécs und Turku, um als Europas »Kulturhauptstadt« Modernität, Kreativität und einen gewissen kulturellen Sex-Appeal an den Tag zu legen? Richtig, sie hängen Skateboardfotos auf. Das Präsentieren von Praktiken wie »Skateboarding, Street Dance, Parkours oder Rock und Pop-Konzerten«, schrieb kürzlich die finnische Kultursoziologin Tuuli Lähdesmäki, sei offensichtlich eine probate Strategie, »einen Diskurs der Diversität« zu produzieren – spätestens seit der documenta 2002, die einen Skateboard-Pool der Gruppe »SIMPARCH« zeigte. Dieser Diskurs müsse sich nicht auf eine vermeintliche »Authentizität« kultureller Hervorbringungen berufen, sondern unterstreiche die Formbarkeit urbaner Kultur.

Berlin, ohnehin eine Art Disneyland des globalen »Cool«, hat solche Eigenwerbung offensichtlich nicht mehr nötig. Vielmehr scheint die Stadt mit Repräsentationen dieser jungen, globalistisch-urbanistischen »Street«-Art bereits dramatisch überdosiert zu sein. Nur so lässt es sich erklären, dass das Skateboarder-Streetart-Projekt »BISAR« (»Berlin International Skateboard Artists in Residence«), das mit Unterstützung der Stiftung »Oxylane« bereits seit einem halben Jahr im Kreuzberger Kunstraum Bethanien stattfindet, bisher so gut wie keine Öffentlichkeit findet. In Turku wäre sie vermutlich vom Kulturbürgermeister eröffnet worden.

Das ist schade. In einer langen Reihe von Video-Dokumentationen, Diavorträgen, Fotoausstellungen und Diskussionen wurde während »BISAR« nämlich interessant rekonstruiert, inwiefern das Skateboard eine Plattform zur Kartierung der städtischen (Bau-)Kultur darstellt. Kaum eine Branche, weiß jeder Skater, bringt mit ihrer quaderhaften Marmor- und Stahlästhetik so zuverlässig umkämpfte Skateboardparadiese wider Willen hervor wie die repräsentationsbewusste Bankenbranche. Skateboarder, deren Maßstäbe von »schöner« Architektur sich am Vorhandensein geeigneter Absprunghügel und Landeflächen orientieren, zeichnen sich alternative Stadtpläne.

Oft, erklärte der Skateboardfotograf Adam Sello, bergen diese auch ein Element der Demokratisierung: Neben den nur illegal zu befahrenden, aber materiell unwiderstehlichen Machtarchitekturen sind es gerade auch abgewertete und gebrandmarkte Stadtgebiete, die von den Skateboardern als »Mekka« ausgerufen und von ihren Fotografen mystifizierend »in Szene gesetzt« werden. Hier werden die hippen Rollbrettfahrer wenigstens nicht behelligt.

Gegen Ende dieser Veranstaltungsserie geht »BISAR« nun vor die Tür. »Papa und Ich« heißt aus unerfindlichen Gründen die begehbare Zementskulptur, die bis in den Herbst vor dem Kunsthaus Bethanien am Mariannenplatz steht. Sie ist rund, bis anderthalb Meter hoch und mit sechs oder sieben Schritten zu durchmessen. Seit Freitag findet dort, sobald es das Wetter zulässt, eine permanente »Session« statt – das also, was der britische Architekturhistoriker Iain Borden einmal eine »kollektive Kritik von Architektur« genannt hat.

Zeitgenössische Kulturkritiker sprechen gerne vom »Rhythmus«, von der Dynamik baulicher Formen, aber man braucht einen Halbwüchsigen auf einem Skateboard, um zu erleben, wie viel »Energie« tatsächlich in einem vierzig Zentimeter hohen Betonwulst stecken kann. Wie Kugeln in einer Flippermaschine können die Skateboarder, die den Rhythmus der Bodenskulptur einmal in den Beinen haben, einmal angeschoben, zeitlich fast unbegrenzt in dem aschenbecherartigen Gebilde umherschießen.

Das an einem Nachmittag von einer der schattigen Bänke am Mariannenplatz für ein Stündchen zu beobachten, ist meditativ und faszinierend zugleich – nicht nur für Passanten, die schon jetzt in Trauben stehen bleiben, sondern offenbar auch für die Kinder aus der stark migrantisch geprägten Nachbarschaft. Sie beginnen bereits ihre eigenen kinetischen Experimente mit Dreirädern und kleinen silbernen Rollern. Immerhin etwas, was man nicht so oft sagen kann über eine öffentliche Plastik.

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