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Rock gegen Rechts in Jamel

Festival für Toleranz soll Zeichen setzen

Das Dorf Jamel in Mecklenburg-Vormmmern wird seit Jahren von Rechtsextremen terrorisiert. Ein Künstlerpaar widersetzt sich und veranstaltet jährlich ein Festival für Toleranz und Weltoffenheit. Einige hundert Gäste feierten am Wochenende bei »Jamel rockt den Förster«.

Jamel. Wie so vieles in Jamel, ist auch die Kreuzung am Ortseingang eine Frage von links und rechts. In der rechten Dorfhälfte blicken glatzköpfige Gestalten über ihre Gartenzäune. »Dorfgemeinschaft Jamel – frei, sozial, national« haben sie auf eines ihrer Häuser gemalt. Der Forsthof auf der gegenüberliegenden Seite des kleinen Dorfes wirkt wie eine grüne Insel inmitten des braunen Sumpfs.

Der Großteil der Häuser von Jamel in der Nähe von Wismar wird von Rechtsextremen bewohnt – das Gehöft von Birgit und Horst Lohmeyer gehört nicht dazu. Am Wochenende fand dort zum fünften Mal das alternative Festival »Jamel rockt den Förster« statt, um für Toleranz und Weltoffenheit zu werben. Zwischenfälle gab es nach Polizeiangaben vom Sonntag nicht.

Großes Medieninteresse

Bands wie »Holly Would Surrender« aus Hamburg oder »Ragnaröek« aus Mecklenburg-Vorpommern spielten. Während die erste Band mit dem Soundcheck beginnt, sitzt Veranstalterin Birgit Lohmeyer auf der Terrasse ihres Forsthofs und beantwortet Fragen. Sie wird den ganzen Abend nicht viel Ruhe finden, denn seit das Künstlerpaar für seine Zivilcourage mit dem Paul-Spiegel-Preis des Zentralrats der Juden ausgezeichnet wurde, ist das Medieninteresse groß. Das war nicht immer so: »Am Anfang hat sich niemand wirklich für uns interessiert. Wir wurden mit den Rechten in einen Topf geworfen«, erinnert sich Birgit Lohmeyer.

Um mehr Öffentlichkeit ins Dorf zu holen, riefen die beiden das Rockfestival 2007 in ihrem Garten ins Leben. »Wir wollen zeigen, dass Rechtsextreme in Jamel ein ganzes Dorf eingenommen haben und terrorisieren«, sagt die Frau. An ein weltoffenes Jamel glaubt aber auch sie nicht mehr: »Wer hier lebt, den werden wir nicht mehr ändern. Wir können nur mit unserem Forsthof dagegenhalten.«

Auf der Festivalwiese stimmen die vier Jungs von »Holly Would Surrender« aus St. Pauli ihre Gitarren. »Wir haben uns viele Gedanken über diesen Ort gemacht und sind mit gemischten Gefühlen angereist«, erzählt Schlagzeuger Klaas Vogt.

Nachdem die Band die schockierenden Berichte über den rechtsextremen Ort in den Zeitungen gelesen hatte, hatte sie den Lohmeyers sofort ihre Unterstützung angeboten. »Es war für uns unvorstellbar, dass es so ein Dorf gibt«, sagt der 31-jährige Vogt. Mit dem Auftritt möchten sie erreichen, dass die Menschen ein besseres Bild von Jamel bekommen. Doch dem Musiker ist deutlich anzumerken, dass die Fahrt durch das Dorf auch bei ihm Spuren hinterlassen hat: »Wir sind froh, im Hellen wieder abzureisen.«

Sicherheitsdienst vor Ort

Wegen gewerbsmäßiger Hehlerei und unerlaubtem Waffenbesitz steht derzeit das Jameler NPD-Mitglied Sven Krüger vor dem Schweriner Landgericht. Der mehrfach vorbestrafte Abrissunternehmer und frühere NPD-Kreistagsabgeordnete gab zu, gewusst zu haben, dass die hochwertigen Werkzeuge und Baumaschinen, die er selbst nutzte oder auch weiterverkaufte, aus Straftaten stammten. Er habe zum Teil schon Schadenswiedergutmachung geleistet und Geld an Geschädigte überwiesen. Krüger räumte auch den Besitz von Waffen ein. Eine Maschinenpistole und eine Pistole, die bei ihm gefunden wurden, habe er zusammen mit Munition von seinem 2002 gestorbenen Vater geerbt. Er habe die Waffen dann versteckt, als Ende Januar Polizei erschien, um sein Anwesen zu durchsuchen.

Für das Festival »Jamel rockt den Förster« hatten die Veranstalter in diesem Jahr erstmals eine professionelle Sicherheitsfirma engagiert, nachdem im vergangenen Jahr ein Besucher krankenhausreif geschlagen worden war. Dennoch sind die Besucher Theresa und Ludwig Wabra völlig unbeschwert. Die Geschwister – beide tragen lange Haare und T-Shirts der Rockband »In Extremo« – haben es sich auf einer Bank vor der Bühne bequem gemacht.

Ihr Zelt haben die beiden schon aufgebaut, sie wollen über Nacht bleiben. »Natürlich wollen wir auch ein Zeichen gegen Rechts setzen«, sagt der 15-jährige Ludwig. »Aber am meisten freue ich mich auf die Musik.«

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