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Der Kohle so nah

Umweltaktivisten kampieren im Kohlerevier für eine umweltverträgliche Energienutzung

Schon beim Aufstehen blicken die Campteilnehmer auf das Kraftwerk Jänschwalde.
Schon beim Aufstehen blicken die Campteilnehmer auf das Kraftwerk Jänschwalde.

Weiße Wolken strömen aus den Häuser und Bäume überragenden Kühltürmen und verlieren sich in der grauen Decke am Himmel. Dieses Schauspiel des Industriezeitalters können die Teilnehmer des Klimacamps ganz in der Nähe des mit Braunkohle befeuerten Kraftwerks Jänschwalde beobachten. Mehr als 100 zumeist junge Menschen haben für eine Woche ihre Zelte auf einer saftig grünen Wiese in der Lausitz aufgeschlagen. Am frühen Nachmittag stärken sie sich mit einer Gemüsesuppe aus der Volxküche.

Zuvor haben einige Campbewohner am Presse-Workshop teilgenommen, einen Solarbackofen gebaut oder sich mit dem Fahrrad nach Lakoma aufgemacht. Nun genießen sie das Mittagessen, bevor weitere Veranstaltungen anstehen. Doch die Ruhe wird bald wieder von einem stürmischen Schauer gestört. Nicht zum ersten Mal fliegen die seit Sonntag aufgebauten weißen Pavillons durch die Luft. Regen, Sturmböen, aber auch Sonne prägen das Wetter im Camp, das von einem Bündnis aus Umweltschutzverbänden um Gegenstrom Berlin und Robin Wood organisiert wird. »Das ist auch der Grund, warum hier so wenige Transparente hängen. Sie sind zum Teil schon zerrissen«, erzählt Daniel Häfner, Aktivist von Robin Wood Cottbus und Sprecher des Klimacamps in der Lausitz. Das gelbrote Zirkuszelt blieb immerhin stehen. Dort hinein flüchteten ein paar Camper. Doch wenig später beruhigt sich die Wetterlage. Schnell sind die ausgehebelten Zelte wieder aufgebaut.

Die Nähe des Klimacamps zum zweitgrößten Braunkohlekraftwerk Deutschlands mit einer Leistung von 3200 Megawatt ist gewollt. Mit dem Fahrrad braucht man nur zehn Minuten bis vor die Tore der Kohleverstromungs- und Fernwärmeanlage der Vattenfall Europe AG. Etwas länger ist der Weg zum offenen Tagebau Jänschwalde, wo die Braunkohle aus bis zu 100 Metern Tiefe aus dem Lausitzer Boden geholt wird.

Bedeutender Standort

»Wir sind mit unserem Camp an diesen Ort gegangen, weil er so bedeutsam ist und symbolisch alle Facetten der Braunkohleverstromung zusammenhält«, sagt Häfner. Ein paar Kilometer weiter südlich erprobt Vattenfall am Standort Schwarze Pumpe das Carbon-Capture-and-Storage-Verfahren (CCS). Gemeint ist die unterirdische Verpressung von CO2, das bei der Kohleverbrennung entsteht. Allein das Kraftwerk Jänschwalde pustet jährlich 25 Millionen Tonnen CO2 in die Luft. Die Klimaaktivisten lehnen CCS ab, weil es die weitere Nutzung von Braunkohle legitimiere.

Unterstützung finden sie damit bei den drei brandenburgischen Bürgerinitiativen gegen die Speicherung von CO2. »Alle haben begriffen, dass wir dasselbe Problem haben«, sagt Stefan Schick von »CO2ntra Endlager« aus Neutrebbin. Er fordert von der Bundespolitik, CCS gesetzlich zu verbieten und kritisiert die monopolistische Struktur auf dem Energiesektor. Rekommunalisierung und dezentrale Energieversorgung würden den jungen Menschen in Brandenburg eine Perspektive bieten – neue Tagebaue dagegen nicht.

Von gewalttätigem Protest, der zu Beginn des Treffens der Umweltschützer von Vattenfall befürchtet wurde, ist bislang nichts zu erkennen. »Vom Camp sollen keine Aktionen ausgehen«, betont Häfner. Im Programmheft, das neben Vernetzung, alternativem Leben und Bildung auch »Aktionen« als eine Säule des Klimacamps nennt, ist aber nach wie vor eine »Massenaktion zivilen Ungehorsams« für das Ende des Camps am Wochenende angekündigt. Vattenfall hat die Aktivisten gewarnt, sich bei etwaigen Gleisblockaden »nicht selbst in Gefahr zu bringen«. Dafür hat Häfner kein Verständnis. »Sie haben versucht, uns als Chaoten dastehen zu lassen.« Dass ein Autohausbesitzer die Wiese als Campingplatz zur Verfügung stellt und eine Anwohnerversammlung aus dem Dorf ins Camp verlegt wurde, spreche für eine gute Nachbarschaft.

Die Radtour zu dem abgebaggerten Dorf Lakoma am nördlichen Rand des Tagebaus Cottbus-Nord blieb jedenfalls friedlich. Mehrere Polizeibusse fuhren den nicht ganz 20 Radlern hinterher, postierten sich an jeder Abbiegung Richtung Kraftwerk Jänschwalde. René Schuster von der Grünen Liga, der den Teilnehmern seine alte Heimat zeigte, nahm es gelassen. »Wenn ich nach Lakoma will, bleibt mir nichts anderes übrig, als in Richtung Kraftwerk zu fahren.« Auch an der touristisch erschlossenen Aussichtsplattform beobachtete eine Handvoll Bereitschaftspolizisten die jungen Leute.

Denen bot sich ein erschreckendes Bild. Dabei ist dieser Tagebau mit nur 50 Metern Tiefe noch harmlos, erklärte Schuster. Rechts davon ist die bereits wieder aufgefüllte Fläche zu sehen. Sie ist staubig, kaum von Gras bewachsen. Nichts ist mehr zu erkennen von der vielfältigen Teichlandschaft Lakomas, das seit 2005 abgebaggert wird. Dasselbe droht den Bäumen, die noch auf der linken Seite der Grube stehen. Dass sie gerade abgeholzt wurden, war wegen des Windes und des Ratterns der Bagger im Tagebau nicht zu hören.

Windräder am Horizont

Die Aktivisten reagierten mit Kopfschütteln – nicht nur wegen der Zerstörung der Landschaft. Denn hinter dem Tagebau drehen Windkraftanlagen ihre Rotorblätter. Sie gehören zum Windpark Jänschwalde, den ebenfalls Vattenfall betreibt. Obwohl sich die neue Technologie auch für den Großkonzern zu lohnen scheint, wird weiter nach der Kohle gegraben. Wald, Äcker, Wiesen – und Dörfer müssen verschwinden. Aber wofür eigentlich?, fragen sich die Klimaaktivisten.

»Das kann sich keiner vorstellen, der es nicht gesehen hat«, meint Steffen Krautz. Er lebt in Kerkwitz, einem von drei Dörfern, die durch den geplanten Tagebau Jänschwalde Nord zerstört werden sollen. Seit 1924 sind so schon 136 Dörfer in der Lausitz ganz oder teilweise verschwunden. Zu den Klimaaktivisten im Camp, die sich auch gegen neue Tagebaue aussprechen, hat er bislang keinen Kontakt. »Es waren schon so viele Leute hier«, sagt Krautz skeptisch.

Peter und Marie finden das Camp gelungen. Sie wollen hier ihr Projekt eines dauerhaften Klimacamps vorstellen. Ihre Gruppe will ein Haus in Gürzenich (Düren) im Rheinland kaufen. Ab September soll die »Werkstatt für Aktionen und Alternativen« für Seminare und als Ausgangspunkt für Aktionen gegen den Braunkohleabbau genutzt werden. Dabei sollen die lokalen Anti-Kohle-Initiativen einbezogen werden. »Wir wollen Aktionen gemeinsam aufbauen und nicht in Black-Block-Manier auftreten«, sagt Peter. Marie hofft auf die Beteiligung aus der Anti-AKW-Bewegung. »Man sollte sich als Energie-Kämpfe-Bewegung verstehen.«

Um die Ziele dieser Bewegung in die Öffentlichkeit zu tragen, findet zum Abschluss des Lausitzcamps am Samstagnachmittag eine Demonstration im Zentrum von Cottbus statt. Doch nach dem Camp ist in diesem Sommer auch vor dem Camp: Am 26. August bauen die Aktivisten ihre Zelte schon wieder in dem anderen großen deutschen Kohlerevier im Rheinland auf.

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