Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Anti-AKW-Bewegung wächst auch in Finnland

Aktivisten planen Blockade der Atomanlagen auf Insel Olkiluoto

Atomkraftgegner rufen zu Blockaden der größten finnischen Atomanlagen in Olkiluoto auf. Dort wird ein dritter Reaktorblock neu gebaut. Weitere Anlagen sind in Planung – auch unter Beteiligung deutscher Firmen.

Bis Mitte der 1970er war Olkiluoto nur eine von zigtausend Inseln an der zerklüfteten Schärenküste im Westen Finnlands. Bis zur Hauptstadt Helsinki sind es rund 300 Kilometer, und selbst die nächste nennenswerte Stadt Rauma ist noch 25 Kilometer entfernt. Mit seinen zwei Siedewasserreaktoren und dem unterirdischen Atommüllendlager ist Olkiluoto jedoch in den letzten 35 Jahren zum wichtigsten Standort der finnischen Atomindustrie herangewachsen. Die beiden anderen Reaktoren, die sich am Netz befinden, stehen im südfinnischen Loviisa. Sie liefern jedoch kaum halb so viel Strom wie die in Olkiluoto. Dort wiederum wird seit sechs Jahren an einem dritten Reaktorblock gebaut, der beinahe so viel Strom erzeugen soll wie die beiden älteren zusammen. Es handelt sich dabei um die weltweit erste Anlage des neuen Typs »Europäischer Druckwasserreaktor«. Weitere Kraftwerke gleichen Typs befinden sich derzeit in Frankreich und China im Bau.

Dem neuen Reaktorblock in Olkiluoto kommt jedoch durch seine Vorreiterrolle eine gesteigerte politische Bedeutung zu, auch weil er, falls er wie geplant 2013 ans Netz gehen sollte, der erste neu in Betrieb genommene Reaktorblock Westeuropas nach der Katastrophe von Fukushima wäre. Während in Deutschland und anderenorts fieberhaft der Ausstieg aus der Atomenergie diskutiert wird, scheinen die Uhren im hohen Norden etwas anders zu ticken.

Doch der Schein trügt. Auch in Finnland ist die Anti-AKW-Bewegung im Aufwind. Bereits im März 2010 – lange vor Fukushima – ergab eine Umfrage, dass rund die Hälfte der Finnen gegen die Errichtung neuer Kernkraftwerke ist, während sich nur etwa ein Drittel ausdrücklich dafür ausspricht. Dass eine ähnliche Umfrage heutzutage eine noch deutlichere Sprache sprechen würde, dürfte mit Blick auf den europaweit zu beobachtenden Vertrauensverlust gegenüber der Atomkraft mehr als wahrscheinlich sein.

Auf die Atompolitik der Regierung um Premierminister Jyrki Katainen von der liberal-konservativen Nationalen Sammlungspartei scheint die breite Ablehnung in der Bevölkerung bisher wenig Einfluss zu haben. Grund genug für die einheimische Anti-AKW-Bewegung, für den 20. August zu einer Blockade der Atomanlagen von Olkiluoto aufzurufen. An einer ähnlichen Aktion hatten sich 2010 rund 200 Menschen beteiligt. Die Organisatoren rechnen für dieses Jahr mit mindestens ebenso vielen Teilnehmern. »Wir werden den Verkehr zu den Atomanlagen durch friedliche Blockaden einen Tag lang unterbrechen«, so Tuuli Kaunisto, Sprecherin der Blockade. »Da die Politik offenbar nicht gewillt ist, aus der Atomkraft auszusteigen, müssen die Bürger und Bürgerinnen den Atomausstieg halt selbst in Gang bringen.«

So wie die Folgen von atomaren Störfällen keine Grenzen kennen, so ist auch der Protest gegen die Atomindustrie international. Neben Aktivisten aus den Nachbarländern werden in Olkiluoto auch einige Unterstützer aus Deutschland erwartet. Aus hiesiger Sicht besonders relevant dürfte dabei sein, dass an zwei weiteren AKW, zu deren Bau das finnische Parlament im vergangenen Jahr grundsätzlich seine Zustimmung gegeben hat, durch ihre Anteile an der Firma Fennovoima auch die deutsche E.on beteiligt ist. Der Düsseldorfer Energieriese war schon in der bundesdeutschen Atomdebatte nicht eben positiv aufgefallen. E.ons atomares Engagement in Finnland spricht eine mindestens ebenso deutliche Sprache.

Auch am Bau des dritten Reaktorblocks in Olkiluoto war ursprünglich eine deutsche Firma beteiligt. Mit dem Verkauf seiner Anteile an Areva NP, einem französischen Kerntechnikunternehmen, an dessen Mutterkonzern Areva hat die Siemens AG sich jedoch aus dem Projekt und gleichzeitig aus einem Gutteil seiner Atomgeschäfte zurückgezogen. Ob es ein Zufall ist, dass dieser Verkauf am 18. März dieses Jahres stattfand und damit genau eine Woche nach dem verheerenden Beben vor der Küste Japans, das die nukleare Katastrophe von Fukushima in Gang setzte, ist Spekulation. Fakt ist jedoch, dass Siemens dabei ein gutes Geschäft gemacht hat, denn Areva NP dürfte in der Zwischenzeit und analog zum Vertrauensverlust in die Kernenergie erheblich an Wert verloren haben. Ohnehin hat sich der Bau von Olkiluoto-3 aus wirtschaftlicher Sicht als Fass ohne Boden entpuppt. Ursprünglich waren dafür etwa drei Milliarden Euro veranschlagt. Mittlerweile wird mit rund dem Doppelten gerechnet.

Den Organisatoren der Blockade ist es wichtig, endlich ein deutliches Zeichen dafür zu setzen, dass die Finnen nicht so atomkraftfreundlich sind wie sie von AKW-Befürwortern gerne dargestellt werden. »Die Menschen hierzulande sind vielleicht etwas schüchtern, wenn es darum geht, selbst politisch aktiv zu werden, und sie verlassen sich meist zu sehr auf die Entscheidungen der Politiker«, so Tuuli Kaunisto, »aber das heißt noch lange nicht, dass sie für die Atomkraft sind.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln