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Spiel nicht mit dem Kassenbon, mein Kind!

Eine Greenpeace-Studie stellt fest: An vielen Papieren haftet eine hochgiftige Chemikalie

Viele Kassenbons enthalten nach einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Studie des Berliner PiCA-Instituts gesundheitsgefährdende Chemikalien. In sieben von acht Kassenzetteln seien die giftigen Substanzen Bisphenol A oder S gefunden worden, so die Umweltorganisation. Über die Ergebnisse und mögliche Konsequenzen sprach Thomas Blum mit Svenja Beller vom Greenpeace-Magazin.
Spiel nicht mit dem Kassenbon, mein Kind!

ND: Das Berliner PiCA-Institut hat festgestellt, dass sich auf Supermarkt-Kassenbons die hochgiftige Chemikalie Bisphenol findet. Wo genau findet sich der Stoff?
Beller: Die Kassenbons bestehen aus Thermodruckpapier und sind an der Oberfläche mit der Chemikalie beschichtet. Unter Hitzeeinwirkung reagiert diese dann zu einem Farbstoff, so entsteht die Schrift. Das passiert in dem Bondrucker an der Supermarktkasse.

Diese Chemikalien, Bisphenol A (BPA) und Bisphenol S (BPS), gibt es seit Jahrzehnten. Die Stoffe und deren Gefährlichkeit wurden offenbar erst jetzt untersucht.
Von Bisphenol A ist schon seit Längerem bekannt, dass es gesundheitsschädlich ist. Es wurde aber in der Vergangenheit vor allem in Verbindung mit Plastik untersucht, weil es da vielseitig eingesetzt wird. Als Bestandteil von Babyflaschen wurde es kürzlich europaweit verboten. Dass die Chemikalie auch in Kassenbons vorkommt, war zwar bekannt, wurde aber noch nicht so häufig beobachtet. Es gab im letzten Jahr schon eine Studie des WDR dazu. Wir haben jetzt eine neue Studie gemacht, um zu sehen, ob die Unternehmen reagiert haben.

Kann sich der hochgiftige Stoff auch auf anderen Papieren oder Unterlagen befinden?
Er taucht in allen Thermodruckpapieren auf, zum Beispiel in Faxpapier. Es gibt auch Studien, die nachweisen, dass die Chemikalien auch auf Geldscheinen zu finden sind, etwa bei Leuten, die ihre Kassenbons immer ins Portemonnaie stecken.

Wie wird es auf den menschlichen Körper übertragen?
Durch Hautkontakt. Wenn man einen Kassenbon anfasst, dann kann es durch die Haut in den Körper gelangen. Es kann aber auch oral aufgenommen werden, zum Beispiel wenn man einen Kassenbon angefasst hat und danach den Mund berührt oder Essen zubereitet.

Der Stoff ist hoch konzentriert und sehr flüchtig. In welcher Dosis verursacht er Schäden beim Menschen?
Zahlen kann ich ihnen nicht nennen. Aber neueste Studien gehen davon aus, dass schon kleinste Mengen genügen, um Schaden anzurichten.

Die Chemikalien, die ja nach wie vor erlaubt sind, finden sich auch in zahlreichen Produkten, mit denen Kinder täglich in Kontakt kommen wie etwa Kinderspielzeug. Auch in Kindertagesstätten wurde der Stoff gefunden. Wieso ist er bisher nur als Substanz in Babyflaschen verboten?
Ich nehme an, weil es noch nicht genügend kritische Stimmen gab. Das Thema gerät jetzt mehr in den Mittelpunkt und die Stimmen werden lauter. Die Hersteller berufen sich gern darauf, dass man noch nicht genug über Bisphenol S wisse. Die Chemikalien werden jedoch vielfach verarbeitet, besonders in Plastikprodukten. Das ist aber der Unterschied: Auf Papier liegt das Bisphenol an der Oberfläche, in Plastik ist es fest eingeschlossen. Da braucht es Hitze oder aggressivere Einwirkungen, um den Stoff freizusetzen. Beim Kassenbon allerdings kann er sehr schnell freigesetzt werden.

Welche Wirkung haben die Chemikalien?
Bisphenol A beeinflusst die Fortpflanzung und Gehirnentwicklung wie ein Östrogen und kann bei Männern zu Fruchtbarkeitsproblemen führen, es kann die Reifung des Gehirns von Ungeborenen und Kleinkindern schädigen, es kann Herzerkrankungen, Brust- und Prostatakrebs hervorrufen.

Und wer sind die Hersteller? Mit der Chemikalie wird ja Profit gemacht.
Wer das herstellt, kann ich Ihnen nicht sagen, aber es ist ein breit eingesetzter industrieller Stoff. In der Plastikindustrie wird er massenhaft eingesetzt.

Gibt es Initiativen, die Herstellerfirmen unter Druck zu setzen, was die Herstellung und den Vertrieb der Stoffe angeht?
Nein, das ist mir nicht bekannt.

Was unternimmt das Bundesumweltamt?
Es rät, Bisphenol A vorsorglich zu ersetzen, und es sagt auch, dass Bisphenol S kein guter Ersatzstoff ist. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung rät, Kindern Kassenbons nicht zum Spielen zu geben. Aber das sind nur Empfehlungen, keine Forderungen.

Das heißt, es wird vorerst nichts passieren?
Wir hoffen, dass sich die Unternehmen mehr und mehr in der Pflicht fühlen. Einige Unternehmen sind von Bisphenol A auf Bisphenol S umgestiegen. Wir hoffen, dass sie sich jetzt noch mal aufgefordert fühlen, da etwas zu ändern.

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