Werbung

Papierboot am Rand Europas

An den Ostgrenzen der EU ist die Initiative »Welcome to Europe« oft der einzige Lichtblick für Flüchtlinge

  • Von Christian Jakob
  • Lesedauer: 7 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Mit Sack und Pack auf der Schiene – Flüchtlinge, die aus
der Abschiebehaft in der Evros-Region im Nordosten Griechenlands
entlassen wurden.
Mit Sack und Pack auf der Schiene – Flüchtlinge, die aus der Abschiebehaft in der Evros-Region im Nordosten Griechenlands entlassen wurden.

Nächste Woche werden sie wieder ein Denkmal aufstellen. Ein kleiner Brunnen soll es diesmal sein, keine Metallplatte wie im letzten Jahr, doch wieder werden sie alle Namen der Ertrunkenen eingravieren, die sie zusammentragen konnten. Schon vor zwei Jahren haben die Aktivisten von »Welcome to Europe« (W2EU) das Massengrab im Norden Griechenlands entdeckt – auf der Suche nach einem vermissten Flüchtling aus Afghanistan, dessen Familie auseinander gerissen wurde, als sie den Evros-Fluss durchquerte, um aus der Türkei in die EU zu gelangen. Nun wollen sie dafür sorgen, dass die Erinnerung an sie wach bleibt.

Papierlose Migranten campieren unter einer Eisenbahnbrücke im griechischen Patras.
Papierlose Migranten campieren unter einer Eisenbahnbrücke im griechischen Patras.

»Hartino Karavi«, griechisch für »Papierboot«, so hat das W2EU-Netzwerk sein Infomobil getauft, einen alten Kleinbus, ausgerüstet mit einer Solaranlage, abwechselnd besetzt mit einer Handvoll Aktivisten aus Deutschland, Griechenland und der Schweiz. Sie reisen umher mit mehrsprachigen Flugblättern, die über die Tücken und die Lücken des europäischen Asylrechts informieren und die Adressen von antirassistischen Anlaufstellen in ganz Europa enthalten. Der Name des Mobils soll an das Schicksal der Flüchtlinge erinnern: vom Untergang bedroht, aber beladen mit Hoffnungen und Träumen.

Erst ein Graben, dann eine Mauer

Das von Rassisten beschossene Schild am »Friedhof der Illegalen« in Soufli
Das von Rassisten beschossene Schild am »Friedhof der Illegalen« in Soufli

Seit 2010 ist das Infomobil vor allem in Griechenland unterwegs, einem Land, das letzten Monat begonnen hat, einen 120 Kilometer langen Graben auszuheben. Der soll die Flüchtlinge aus der Türkei abwehren, bis das Geld wieder reicht, um für denselben Zweck eine Mauer zu bauen. Schätzungen zufolge kamen im letzten Jahr 60 000 Papierlose über Griechenland in das Schengen-Gebiet – zwei Drittel aller illegalen Grenzübertritte nach Europa. Das ist nicht viel für die EU, doch eine große Zahl für das kleine Griechenland, das den Flüchtlingen keinerlei Unterstützung bietet.

Hunderte sind auf dem Weg dorthin in der Ägäis oder im Grenzfluss Evros ertrunken und wurden in anonymen Gräbern verscharrt. Die es schaffen, landen in inhumanen Lagern, errichtet, um Nachfolger abzuschrecken. Gerichte und Menschenrechtsorganisationen aus ganz Europa klagen Griechenland deshalb seit langem an. W2EU geht weiter. Zwar dokumentiert die Graswurzelinitiative mit ihrem Infomobil auch das Sterben und die Menschenrechtsverletzungen an Papierlosen. Vor allem aber übt sie praktische Solidarität mit jenen, die die »Festung Europa« nicht hereinlassen will.

Die W2EU-Aktivistin Marion Bayer aus Hanau vergleicht ihr Projekt mit der Underground-Railroad, dem historischen Fluchthilfe-Netzwerk der Abolitionisten, mit denen die Gegner der Sklaverei einst fast 100 000 Afroamerikaner aus den Südstaaten in den Norden schleusten. »Es war mehr ein informelles militantes Netzwerk als eine Organisation im engeren Sinne«, sagt Bayer. So ähnlich sieht sich auch W2EU. »Wir glauben, dass Migration kein Verbrechen sein kann. Und das deswegen kein Mensch illegal ist«, sagt Bayer. Wie viele der beim Infomobil Aktiven hat auch sie sich lange Zeit beim Netzwerk »Kein Mensch ist illegal« engagiert.

Das Infomobil geht zurück auf das erste No-Border-Camp auf der griechischen Insel Lesvos im August 2009. Damals erreichten manchmal hunderte Flüchtlinge pro Nacht die kleine Insel. Die No-Border-Aktivisten, viele aus Deutschland, errichteten ein Infozelt, um die Gestrandeten darüber aufzuklären, was sie in Europa erwartet: die Dublin-II-Richtlinie etwa, die die Zuständigkeit für ein Asylverfahren dem Land zuweist, das einen illegalen Grenzübertritt nicht verhindert hat. Im Fall von Griechenland bedeutet dies ein Leben in Not, denn ein Asylsystem existiert dort nicht. Gleichwohl gibt es Schlupflöcher: Rechtsmittel, humanitären Schutz für Minderjährige, manche Länder, die Flüchtlinge aus besonders instabilen Herkunftsstaaten wie Afghanistan oder Irak nicht abschieben.

»Uns wurde damals klar, dass Informationen das Wichtigste waren, was die Menschen brauchten«, sagt Bayer. Die Aktivisten planten, einen kleinen Raum in der Inselhauptstadt Mitilini anzumieten, als festen Infopunkt. »Doch bald wurde uns klar, dass das Unsinn ist: Die Fluchtrouten hatten sich schnell verschoben, kurze Zeit später verlagerte sich das Migrationsgeschehen nach Norden, an die türkisch-griechische Landgrenze.« Es war klar, dass eine mobile Infostation her musste.

Das Geld trieben die Aktivisten mit Solipartys und Spendenaufrufen auf. Ein knappes Jahr dauerte es, dann konnte das Infomobil starten. Seine erste Reise begann mit einer Suche. Ende Juni 2010 ertranken im Evros 16 Menschen bei dem Versuch, die Grenze zu überwinden. Eine afghanische Frau und ihre drei Kinder gehörten zu denen, die das Unglück überlebten. Ihr Mann und zwei seiner Freunde verschwanden im Wasser. Die Hamburger Fotografin Marily Stroux, auch sie ist bei W2EU aktiv, hörte bei einer Recherchereise in Athen von der verzweifelten Suche der Frau nach ihrem vermissten Mann.

Massengrab in den Bergen

Auf verschlungenen Wegen schaffte die Afghanin es bis in ein Asylbewerberwohnheim im schleswig-holsteinischen Neumünster. »Wir erfuhren von einer Beratungsstelle, dass die Frau mit ihren Kindern dort angekommen war«, sagt Stroux. Das war kurz vor der ersten Tour des Infomobils nach Griechenland. »Wir bekamen die Namen der Vermissten, Fotos und Beschreibungen ihrer Kleidung und der Ringe, die sie trugen. Die Frau setze große Hoffnung darauf, dass wir die Vermissten finden.«

Ihre Suche führte Stroux in die Gerichtsmedizin der griechischen Stadt Alexandopoulos. Die Pathologen nehmen DNA-Proben der ertrunkenen Flüchtlinge, um sie identifizieren zu können, wenn Verwandte sie suchen. »Die Leichen kommen ja nicht mit einem Pass zwischen den Zähnen zu uns«, sagte ein Gerichtsmediziner zu Stroux. Und er gab ihnen einen Hinweis, der sie schließlich in die Berge nahe des Ortes Soufli führte, wo der griechische Staat die toten Papierlosen seit Jahren in einem anonymen Massengrab verscharren ließ. Am Rand stand ein Schild:

»Friedhof der Illegalen«. »Wir standen da und trauten unseren Augen nicht«, sagt Stroux. »Wir wollten ein respektvolles Grab finden und dies der Familie zeigen können. Stattdessen kamen wir zu einem Massengrab, das noch nicht einmal ein Friedhof ist. Und dann haben auch noch irgendwelche Idioten das rassistische Schild beschossen. Wie oft kann man Menschen umbringen?« fragt Stroux. Über den Verbleib des Afghanen konnten sie nichts herausfinden.

Viele solcher Szenen sind den Aktiven des Infomobils seither begegnet. In Hafenstädten wie Patras oder Igoumenitsa, wo viele Migranten unter meist elenden Bedingungen auf der Straße leben und darauf hoffen, sich auf eine der Fähren nach Italien schmuggeln zu können, bieten sie Infos an und dokumentieren die Lebenssituation der Flüchtlinge. »Das Infomobil ist ein Werkzeug der lebendigen Kommunikation in immer mehr Sprachen und Sprachgemischen geworden«, sagt Bayer. Es sei ein »Knotenpunkt der Begegnung zwischen sozialen und politischen Kämpfen.«

Viele Flüchtlinge begegnen ihnen mehrfach. »Es kommt öfter vor, dass Flüchtlinge sich bei uns melden, wenn sie in Deutschland ankommen«, sagt Bayer. Bisweilen können sie helfen. Sie erinnert sich an einen Afghanen, der über Griechenland nach Deutschland gekommen war – und von der Polizei in den Abschiebeknast Ingelheim gesteckt wurde. »Der war schwer traumatisiert, er war in Patras in einem LKW fast erstickt, eine ganz schreckliche Geschichte«, erzählt Bayer. Sie besorgte einen Anwalt, und weil Deutschland derzeit nicht nach Griechenland abschiebt, kam der Mann frei. Bayer fand einen afghanischen Psychologen, »der hat ihn etwas stabilisiert«. Nun genieße er »subsidiären Schutz« – eine Art humanitäres Asyl. Die Begegnungen mit den Flüchtlingen würden »nicht immer reibungsfrei verlaufen«: »Manchmal begleiten die traumatischen Erlebnisse der Flüchtlinge uns noch länger.«

Erstes Mahnmal für die Opfer der Festung

Gleichwohl geht die Arbeit weiter. Gemeinsam mit – und finanziert von – Pro Asyl bietet das Infomobil Rechtsberatung für Flüchtlinge an, die aus den Internierungslagern am Evros entlassen werden. Als die griechische Polizei nach einer Welle rassistischer Pogrome in Athen im Frühjahr 2011 die informellen Siedlungen der Papierlosen in Igoumenitsa räumte und hunderte Flüchtlinge internierte, dokumentierte eine Aktivistin des Infomobils das Geschehen. Im letzten Sommer errichteten sie mit den überlebenden Flüchtlingen eines Schiffsunglücks vor Lesvos ein erstes Mahnmal für die Opfer der Festung Europa an einer Steilküste nahe des Unglücksorts.

Nächsten Donnerstag beginnt das nächste No-Border-Camp im bulgarischen Generalovo, nahe der türkisch-griechischen Grenze. Das Infomobil wird dabei sein. Ein Programmpunkt: die Gedenkveranstaltung für das anonyme Massengrab in Soufli. Die Region ist der nächste Hotspot des europäischen Grenzregimes: Deutschland und Frankreich haben ein Veto gegen den bulgarischen Schengen-Beitritt eingelegt, solange das Land seine Grenze zur Türkei nicht weiter aufrüstet. Das Infomobil wird auch dort unterwegs sein.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Die Serie aus dem studentischem Kosmos.

Leben trotz Studium?!

Jetzt 14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt lesen und keine Folge verpassen.

Kostenlos bestellen!