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Beamte schauten dem Morden auf der Insel Utøya tatenlos zu

Norwegen trauert um Opfer von Terroranschlägen / Polizeiführung schweigt trotz schwerer Vorwürfe zum Versagen der Sicherheitskräfte

  • Von André Anwar, Oslo
  • Lesedauer: 3 Min.
Vier Wochen nach den Terroranschlägen mit 77 Toten in Norwegen sind Überlebende auf die Fjordinsel Utøya zurückgekehrt. Insgesamt 750 Menschen gedachten am Samstag am Ort des Massakers der Toten – neben mehreren hundert Überlebenden auch engste Freunde und Familienmitglieder. Unterdessen mehren sich die Vorwürfe gegen die Polizei.

Die Trauernden waren mit Fähren und Militärbooten auf die Insel gebracht worden, auf der der rechtsradikale Attentäter Anders Behring Breivik am 22. Juli insgesamt 69 Menschen getötet hatte. Am Sonntag gedachte Norwegen dann in einer offiziellen Trauerfeier der insgesamt 77 Opfer der Terroranschläge vom 22. Juli in Oslo und auf Utøya.

Die Feier in der »Oslo Spektrum« Arena bildete den Abschluss der offiziellen Trauerperiode. Ministerpräsident Jens Stoltenberg bezeichnete die Zeremonie als einen wichtigen Schritt, um das Geschehene zu verarbeiten: »Es ist die einzige Gelegenheit, wo alle Trauernden aus dem ganzen Land zusammenkommen.« so der Politiker, der auch Vorsitzender der Arbeiterpartei ist. An der Trauerfeier nahmen auch Mitglieder der nordischen Königshäuser, Überlebende und Vertreter der Rettungskräfte teil.

Die norwegische Polizei allerdings muss sich erneut unbequemen Fragen stellen. So hatte der Mörder auf Utøya über eine Stunde Zeit für sein Verbrechen – weil eine schwer bewaffnete Polizeipatrouille nicht gewagt haben soll einzugreifen. Sie behinderte statt dessen die Rettungsarbeiten. Der Skandal um den Einsatz der norwegischen Polizei beim Doppelanschlag auf Oslo und Utøya spitzt sich damit weiter zu. Bekannt war bereits, dass die Polizeihubschrauber nicht einsatzfähig waren und die Polizei zum Übersetzen auf die Insel untaugliche Boote nutzte. Am Mittwoch hatten norwegische Medien anonyme Polizeibeamte zitiert. Demnach soll eine erste Polizeieinheit dem Morden auf der Insel am 22. Juli vom sicheren Festland aus tatenlos zugesehen haben. Trotz unzähliger Schüsse und Hunderten Menschen, die um ihr Leben schwammen, unterließen es die Beamten einzugreifen.

Laut dem Rundfunksender NRK waren die Beamten mit Maschinenpistolen und schusssicheren Westen ausgerüstet. Statt überzusetzen, warteten sie auf Verstärkung aus dem 40 Kilometer entfernten Oslo. Nach der Rekonstruktion des Handlungsablaufs, die bisher nur teilweise offiziell bestätigt wurde, soll die regionale Polizei um 17.27 Uhr von der Schießerei auf Utøya informiert worden sein. Die Beamten hätten laut NRK das Blutbad gegen 17.52 Uhr beenden können. Doch erst als die Verstärkung aus Oslo eingetroffen war, landeten die Polizisten um 18.25 Uhr auf der Insel. So hatte Breivik weit über eine Stunde Zeit, um zu morden.

Auch der Täter war von der Zögerlichkeit überrascht. Nachdem Breivik mit 50 »Hinrichtungen« sein »Minimalziel« erreicht hatte, rief er selbst um 17.59 Uhr die Notrufzentrale an, verwundert über das Fernbleiben der Polizei. Der Mörder bat dabei um seine Festnahme und versicherte, er würde sich widerstandslos ergeben. Doch niemand kam. Breivik schoss weiter.

Die regionale Polizeiführung bestätigte, dass ihre frühzeitig vor Ort eingetroffenen Truppe nicht eingegriffen hat. Die Beamten seien davon ausgegangen, dass sich auf der Insel bis zu sieben schwer bewaffnete Terroristen befänden. Dabei hatten zu jenem Zeitpunkt bereits zahlreiche Jugendliche, die ans Ufer geschwommen waren, von einem einzigen Schützen in Polizeiuniform berichtet.

Statt dessen behinderten die Beamten die Rettung der Opfer. Helfer vor Ort, wie der Deutsche Marcel Gleffe, die unter Einsatz ihres Lebens den teils schwer verletzten Jugendlichen vor der Insel zu Hilfe eilten, berichteten, dass die untätigen Beamten sie von einer Fortsetzung ihres spontanen Rettungseinsatzes abhalten wollten.

Die Polizeiführung äußerte sich kaum zu den neuen Anschuldigungen. Man könne sicher einiges dazu lernen, auch wenn der Einsatz grundsätzlich nicht viel besser hätte durchgeführt werden können, wiederholte ein Offizier. Koordinierungsschwierigkeiten zwischen Dienststellen und Notrufzentrale seien ein strukturelles Problem, das Einzelne nicht zu verantworten hätten, so ein Polizeisprecher. Stoltenberg hat eine Untersuchungskommission eingesetzt.

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