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Zerklüftete Bildungslandschaft

Was MV zum Land der Absolventen ohne Abschluss macht

Noch vor zehn Jahren lag MV weit hinten bei der Abi-Quote. Das hat sich seitdem sehr geändert – aber die Regionalschulen wurden vernachlässigt. Jetzt verlassen im Land etwa 14 Prozent der Schüler ihren Bildungsweg ohne einen berufsqualifizierenden Abschluss.
Gewöhnlich versuchen Politiker, ihre Verdienste in den Vordergrund zu schieben und Versäumnisse kleinzureden. Henry Tesch, CDU-Bildungsminister in Mecklenburg-Vorpommern, hat da im Winter eine Ausnahme gemacht. In den Klassenstufen 5 und 6, die die Schüler im Land seit einer rot-roten Reform gemeinsam absolvieren, gebe es zu wenig Lehrer für die Förderstunden, sagte Tesch der Landespresse. Außerdem brauche man doppelt so viele Lehrer für die Nachmittage, wenn die Ganztagsschulen nicht weiterhin nur auf dem Papier stehen sollten, attestierte der Minister Defizite bei der »Qualität« an weiterführenden Schulen – nach immerhin fast fünf Jahren im Amt.

Hätte das nicht früher auffallen können? Tesch selbst ist ein Mann aus der Praxis. Bevor er 2006 in die Politik einstieg, leitete er im Süden des Landes eines der Rennomiergymnasien mit elitärem Habitus und latinisiertem Namen. Vor dem Hintergrund, so eine oft gehörte Kritik bei Gewerkschaftern und Opposition, habe er sich zu sehr auf die Gymnasien konzentriert.

Noch vor zehn oder 15 Jahren lag Mecklenburg-Vorpommern mit einer Abiturientenquote um die 30 Prozent bundesweit am Schluss der Rangliste. Nun erreicht in etwa jeder zweite Schulabgänger im Land eine Hochschulzugangsberechtigung, der arme Nordosten liegt damit vor so manchem westdeutschen Flächenland. Zuletzt hat drängt sich allerdings eine andere Zahl in den Vordergrund: die Zahl derer, die ohne »Berufsreife«, das Pendant zum Hauptschulabschluss, aus dem Schulsystem scheiden, liegt im Nordosten bei etwa 14 Prozent. Eine Rekordmarke in der Bundesrepublik.

Das Schulsystem im Land ist »tief gespalten«, resümiert Simone Oldenburg, die auf dem zweiten Platz der LINKE-Landesliste kandidiert und für die Schweriner Linksfraktion künftig die Bildungspolitik bestimmen soll. Auch Oldenburg kennt die Probleme aus der Praxis – sie ist Leiterin der Regionalen Schule im norwestmecklenburgischen Klütz, einer Ganztagsschule. Als solche hat Oldenburg beobachtet, wie sehr die Eltern auf das Gymnasium fixiert sind – selbst bei Kindern, die »eine vier in Mathe, Deutsch und Englisch haben«. Die Eltern, sagt sie, glauben nicht an die Regionalen Schulen; auch die hohe Abiturquote rühre daher, »dass sich die anderen Schulformen nicht richtig etablieren können«.

Wie der Minister sieht auch Oldenburg im Fehlen von Personal für Förderstunden eins der größten Probleme im Schulwesen – und eine der Hauptursachen für die hohe Abbrecherquote. Sie selbst hat gerade einen Achtklässler aus Rumänien bekommen, der kaum Deutsch spricht. Um diesen Jungen an die Klasse heranzuführen, braucht es viel Förderung – doch nach den Zuteilungskriterien der Landesregierung bleibe nur eine halbe Stunde Förderzeit pro Woche, »das ist natürlich ein Witz«. Schulabbrecher gebe es bei ihr trotzdem kaum, sagt Oldenburg. Viel könne durch persönlichen Einsatz aufgefangen werden, aber eben nicht auf Dauer.

Im Nordosten gibt es ein zweigliedriges Schulsystem: Nach vier Jahren Grundschule gehen zunächst alle Kinder bis zur sechsten Klasse auf die Regionalschule, dann trennen sich die Wege. Nun sollen die Förderschulen, bisher quasi unterhalb des Schulsystems angesiedelt, im Sinne eines »inklusiven« Bildungsgedankens aufgelöst werden, die erste und zweite Klasse gibt es dort schon jetzt nicht mehr. Die dadurch frei werdenden Lehrer, so Oldenburg, müssten den Schulen zugeordnet werden. Generell aber komme man nicht umhin, mehr Lehrer einzustellen – auch um den inzwischen stark gealterten Lehrkörper zu schonen. Es war einst eine rot-rote Regierung, die den Wochenstundensatz für Lehrer von 26 auf 27 Lehrerstunden erhöht hat, um Geld zu sparen. Gegebenenfalls »müsste eine rot-rote Regierung auch den Mut haben, das wieder zurückzunehmen«, sagt die LINKE-Bildungspolitikerin.

250 neue Lehrer jährlich will die Linkspartei laut Wahlprogramm einstellen. »Etwas ändern zu wollen, ohne Kosten in Kauf zu nehmen, geht nicht«, sagt Simone Oldenburg. Wobei sich auch sie kostengünstige Verbesserungen vorstellen kann: Etwa die Bürokratie und die »dramatisch angewachsene Erlassdichte« abzubauen, die den Schulen im Zeichen der »selbstständigen Schule« seitens der Politik aufgebürdet worden sei.

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