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Der Null-Fehler-Mythos lebt

Kliniken, Arztpraxen und Pflegeheime arbeiten oft ohne modernes Risikomanagement

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (ABS) stellte am Montag in Berlin eine neue Broschüre für die verbesserte Kommunikation nach Zwischenfällen in Behandlung und Pflege vor.

In der Notaufnahme bekommt eine Patientin noch einmal das Mittel gespritzt, das schon zuvor nicht wirkte. Offenbar hatte die aufnehmende Ärztin bei der Kurzanam-nese nicht zugehört, sonst hätte sie das vorher wissen müssen. Der Blutdruck steigt weiter und bringt die Patientin in Lebensgefahr.

Fälle wie dieser und schlimmere sind in deutschen Kliniken an der Tagesordnung. Doch in den meisten Krankenhäusern gibt es noch immer kein klinisches Risikomanagement. 2010 wurden für eine Studie die 1800 größten Kliniken angeschrieben, 484 reagierten – und von diesen hatten nur 22 Prozent ein solches Prozedere eingeführt. Diese Tatsache veranlasste das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) zur Auflage der Broschüre »Reden ist Gold« für eine verbesserte Kommunikation nach Zwischenfällen.

Patientenvertreter wissen aus vielen Berichten ihrer Klientel, dass nach vermuteten oder offensichtlichen Fehlern seitens der Profis oft eher beklommenes Schweigen herrscht. Ärzte ziehen sich häufig auf die Angst vor dem Verlust ihrer Haftpflichtversicherung zurück, wenn es darum geht, das eigene berufliche Tun im Einzelfall kritisch zu hinterfragen. Hartmut Siebert, selbst Chirurg und somit »Betroffener« sowie stellvertretender APS-Vorsitzender, fordert Patienten auf, bei jeglichem Verdacht auf einen Fehler möglichst bald das Gespräch mit den Verantwortlichen zu suchen. Zum Beispiel könnten sie bei einer Visite einen Termin dafür verlangen. Alle weiteren Forderungen richten sich eher an die Akteure im Gesundheitswesen.

Mediziner sehen sich bisher in kritischen Situationen häufig allein gelassen und haben nicht nur Angst um ihre Versicherung. Sie wissen nicht, ob sie dem Gespräch mit dem Patienten gewachsen sind, befürchten Sanktionen ihrer Arbeitgeber, Status- und Ansehensverluste. Höchste Zeit also, dass insbesondere in Krankenhäusern eine neue Sicherheitskultur entwickelt wird. APS-Projektkoordinator Jörg Lauterberg versteht darunter vor allem, im Schadensfall als erstes nicht mehr nach den Schuldigen, sondern nach den Ursachen zu suchen. Außerdem sollte sich Risikoprävention auf abstellbare Systemfehler konzentrieren. Dazu könnten auch überlastete Ärzte gehören. Eine Studie aus den USA hatte nämlich nachgewiesen, dass eine reduzierte Arbeitszeit bei Assistenzärzten – weg von den 24-Stunden-Schichten – auch zu einer deutlichen Fehlerreduzierung führte. Für die Bundesrepublik liegen vergleichbare Untersuchungen nicht vor.

Offensichtlich hat das Gesundheitswesen Nachholbedarf, sich vom »Null-Fehler-Mythos« zu trennen. Aus APS-Sicht wurde bereits 2008 mit der Vorgängerbroschüre »Aus Fehlern lernen« der Stein ins Rollen gebracht. Während der Berufskodex US-amerikanischer Ärzte bereits seit Jahrzehnten zur Offenbarung fehlerbedingter Schäden gegenüber Patienten verpflichtet, gibt es vom Deutschen Ärztetag und anderen Standesvertretungen keine klaren Empfehlungen dazu. Patientensicherheit und die dazu gehörige Kommunikation fehlen in den Lehrplänen der Gesundheitsberufe, ebenso entsprechende Schulungsangebote. Kommentar Seite 4

www.aktionsbuendnis-patientensicherheit.de

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