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Zwangsarbeiter waren Teil unserer Gesellschaft

Wie Berliner die im Zweiten Weltkrieg Verschleppten aus Italien, Frankreich, Polen oder Russland nach der Befreiung erlebten

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Frühjahr 1945 – die letzten Kriegswochen, bevor Soldaten der Sowjetarmee gemeinsam mit den Alliierten am 8. Mai Deutschland vom Hitlerfaschismus befreien. Die letzten überlebenden KZ-Häftlinge kommen frei, ebenso die Zwangsarbeiter aus Ost- und Westeuropa.

Aber was passierte mit den Zwangsarbeitern, die auch in Berlin und Brandenburg zum Alltag der Bevölkerung gehörten? »Zwangsarbeiter waren Teil unserer Gesellschaft«, betont die Historikerin Dr. Silvija Kavcic. Sie ist Projektkoordinatorin beim Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Niederschöneweide.

Wie erlebten die äußerlich durch Kennzeichen wie »P« (Polen) oder »Ost« (Russland) stigmatisierten Zwangsarbeiter zum Beispiel bei Luftangriffen ihren Aufenthalt in Bunkern? »Vielfach wurden die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Luftschutzbunkern nicht gern gelitten«, sagt Silvija Kavcic. Oft seien die Zwangsarbeiter auch bei Räumungsarbeiten nach Luftangriffen eingesetzt worden.

Gemeinsam mit ND sucht das Dokumentationszentrum Niederschöneweide Zeitzeugen, die mehr über das Leben der Zwangsarbeiter kurz vor und nach Kriegsende wissen, vielleicht auch noch Kontakt zu ihnen hatten. Die Ergebnisse sollen ab 2013 in einer Dauerausstellung im Dokumentationszentrum gezeigt werden. Bis heute existiert keine wissenschaftliche Gesamtdarstellung der Zwangsarbeit in Berlin und Umgebung.

Ebenso wenig sei über die Lebensbedingungen im GBI-intern mit der Nummer 117 geführten, auch als »Italienerlager« bezeichneten Areal in Berlin-Niederschöneweide bekannt, bedauert Projektkoordinatorin Kavcic. »GBI steht für Generalbauinspektor«, erläutert sie. Der hieß Albert Speer. Das zentrale Amt des Generalbauinspektors übernahm 1943 das Gelände für die Organisation der Zwangsarbeit.

»Nach der Befreiung der Zwangsarbeiter kam es aus der Notsituation der Zwangsarbeiter auch zu Plünderungen«, berichtet Kavcic. »Manchmal bildeten sich auch regelrechte Banden. Wir wollen wissen, wer davon etwas mitbekommen hat. Ostarbeiter landeten nach ihrer Freilassung auch direkt in Lagern der Sowjetunion«, so die Projektkoordinatorin. »Die meisten Ostarbeiter wollten natürlich so schnell wie möglich zurück in ihre Heimat, trauten sich aber vielfach nicht. Schließlich hatte Stalin die Parole ausgegeben: Wer sich gefangen nehmen lässt, ist ein Verräter und Verräter werden erschossen.«

Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) habe den ehemaligen Zwangsarbeitern oft Jobs angeboten. »Wer weiß noch etwas darüber und kann mehr erzählen?« fragt Silvija Kavcic. Die Historikerin blättert in der Dokumentation »Die Genossen waren eben da und die anderen nicht« von Helmut Engel. Die Schrift befasst sich mit Kriegsende und Nachkriegszeit im Berliner Südwesten: Rahnsdorf, Wilhelmshagen, Hessenwinkel.

Darin heißt es: »Im Strandrestaurant Müggelsee auf Müggelwerder ist ein Fremdarbeiterlager eingerichtet, unter den Fremdarbeitern befinden sich 16 Holländer ... Als Köche und Kellner arbeiten sie bis in den April hinein beispielsweise im Strandrestaurant des Strandbades Müggelsee, das erst am 28. Juli 1945 nach dem Einmarsch der Roten Armee abbrennt. Vor der Eroberung am 21. April haben sie beim Bau der Verteidigungsanlagen mithelfen müssen und werden sogar mit Panzerfäusten ausgerüstet, die sie aber in die Gebüsche abfeuern.«

Auch die Dokumentation »1945«, herausgegeben von Reinhard Rürup im Verlag Willmuth Arenhövel befasst sich mit dem Nachkriegsschicksal der Zwangsarbeiter. Kavcic zitiert daraus: »Bei der Eroberung Berlins durch die Rote Armee befand sich in der Stadt eine große Zahl von Männern und Frauen, die man als Zwangs-Berliner bezeichnen kann, da sie gegen ihren Willen nach Berlin gekommen und dort festgehalten worden waren. ... Es waren die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter vor allem aus Polen und der Sowjetunion, die dazu beitragen sollten, die Rüstungs- und andere kriegswichtige Produktionen in Gang zu halten. Für Berlin sind die Adressen von 666 Zwangsarbeiterlagern konkret ermittelt worden.«

Auch Autor Rürup macht darauf aufmerksam: Für sie alle bedeutete der Sieg der sowjetischen Truppen, das Ende der Kämpfe am 2. Mai, zweifellos eine Befreiung. Das galt auch für die sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, »obwohl sie sich in der Sowjetunion schon bald dem sachlich unbegründeten Vorwurf der Kollaboration mit dem Dritten Reich ausgesetzt sahen.«

Deshalb ist es für das Dokumentationszentrum auch wichtig, aus der Nachkriegszeit von Menschen zu hören, die dazu etwas zu sagen haben. »Bitte melden Sie sich bei uns«, appelliert Silvija Kavcic. Jede Information ist für unsere Arbeit wichtig.«

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