Gefährlich denken!

Raddatz wird 80

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Da greift sich einer, auf dem Foto unten, gleich einer Selbstmassage an die Schläfen. Wenn Fritz J. Raddatz denkt, braucht er Platz, nimmt ihn sich – weswegen wir seinem Foto (Foto: dpa) »erlauben«, das Spaltenformat zu überschreiten. Wenigstens ein klein wenig extravagant soll's sein.

Soeben erschien »Die Tagebücher in Bildern«, Fotos zu Auszügen aus den vor einiger Zeit erschienenen Raddatz-Tagebüchern 1982 bis 2001. Diese Tagebücher sind eine schillernde, schreckliche Lektüre: Das Schillern kommt von der Vielfarbigkeit der salonliterarischen Szenerie, aber daher kommt auch das Schreckliche. Raddatz ist Beteiligter und Fremder zugleich, er beklagt die Fremdheit und hängt doch wie rauschbesessen selber drin. Im oberflächlichen Sumpf des Kollegenneids, der Bedeutungshybris bundesdeutscher Kultur.

Er ist der schönste papageienbunte Punkt, den Deutschland je erfand. Und er ist von sehr weit gestern – als drei Buchstaben noch ein Adelswort bildeten. Das Wort: »Ich«. Für den Dandy und mondänen Ästheten war »Ich« stets Credo wider die mittlere Aufmerksamkeit. Wo Raddatz sich aufhielt, wurde ein Mittelpunkt geboren, frei nach Thomas Mann: Wer sich nicht wichtig nimmt, wird verkommen. Vorkommen ist besser.

Raddatz kam immer vor, selbst sein Grab steht fest: auf Sylt, wo sonst. Fritz J. Raddatz, 1931 in Berlin geboren, Cheflektor des Kindler-Verlags, jahrelang Kulturchef der Hamburger »Zeit«, Romancier, Essayist – »ein Schriftsteller, der ein Leben lang in einer Zeitung arbeitete«. Sagte Thomas Brasch. So atmen seine Biografien über Benn, Heine, Tucholsky den Atem des expressiven Erzählers; seine »Zeit«-Dialoge mit Hermlin, Solschenizyn, Amado, anderen: internationale Gewissensforschung.

Er hasst »redliche Intellektualität«. Er schreibt gemäß der ersten Geistes-Regel des Aphoristikers Cioran: Nichts Gefährliches, Riskantes dürfe uns fremd bleiben. Hinweg mit dem Händchenhalten für Leser! Wie sonst soll zwischen Leuten, die am Denken interessiert sind, Intensitätserfahrung entstehen. Und kitzelnde Feindschaft! »Homosexualität und Kommunismus, rechtes und linkes Lager, jede mögliche Überschreitung – das war für schlichte Gemüter stets zu viel«, so Verleger Michael Krüger.

Aus der »Zeit« warf man ihn hinaus, weil er Goethe in eine Eisenbahn steigen ließ, die es noch nicht gab. Dumm. Ein Akt kleiner Rachegeister – bald trauerte man seinem Geist nach. Bis 1958 war er Vize-Cheflektor in Ostberlins Verlag Volk und Welt. Floh schließlich entnervt. Aber zur Begründung des Widerspruchs, es trotz geistiger Schmerzen in der Unfreiheit der DDR ausgehalten zu haben, flüchtete er sich nie in die Relativitäts-Formel: »Ich war jung und glaubte ...«. Kein Notstand, kein: Ach ja, die Hoffnung. 2007 schrieb er über sein »Versagen als Bürger der DDR« zwei Sätze: »Ich wurde nicht missbraucht. Ich habe mich selbst missbraucht.« Ich: Eitelkeit und Eingeständnis. Der Souverän.

Am Sonnabend wird er achtzig.

Fritz J. Raddatz: Die Tagebücher in Bildern. Rowohlt. 140 S. Mit einem Postscriptum aus dem fortgeführten Tagebuch. 19,95 Euro

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