Mit Courage

Bologna: »Kino vor einhundert Jahren«

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.

Beim Filmfest »Il Cinema Ritrovato« in Bologna, auf dem Stummfilm und Tonfilm, Cinemascope-Epen und frühes Kino parallel gezeigt werden, gehört die Programmschiene »Kino vor einhundert Jahren« zu den jährlichen Höhepunkten. Vor zwei Jahren gab es erstmals eine DVD dazu, eine Auswahl der vielen in Bologna gezeigten, in diesem frühen Stadium der Filmgeschichte noch recht kurzen Filme des Jahres 1909.

2010 hatte es derer sogar zwei geben sollen, der Krisenzeiten wegen reichte es dann doch nur zu einer. Und die war nicht vorrangig dem Jahr 1910 gewidmet, sondern dem frühen Kino von, mit und über Frauen – auch das seit drei Jahren ein Programmschwerpunkt. In diesem Jahr wurde wieder ähnlich verfahren. Man entschied sich für die thematische Vertiefung anstelle breiter Übersicht wie noch 2009. Der französische Regisseur Albert Capellani ist das Thema der DVD, mit Filmen aus seiner frühen Schaffensperiode, in Bologna selbst bereits letztes Jahr gezeigt. Sie reichen von 1905 bis in das Jahr, das in Bologna diesen Sommer im Vordergrund der Filmreihe stand: 1911, das Jahr des italienischen Einmarsches in Libyen.

Thematisch gliedert sich die DVD in zwei Hälften: zum einen sechs Filme in Kostümen des 19. Jahrhunderts, von der Aschenputtel-Verfilmung »Cinderella« (1907) mit ihrem Freiluftball und anderen schönen Effekten bis zur Nachinszenierung der 1804 von Napoleon befohlenen Entführung und Erschießung des letzten Herzogs von Enghien. (Der Herzog war ein Verwandter der Bourbonenkönige, an dem unter dem Vorwand der Teilnahme an einer anti-republikanischen Verschwörung ein Exempel gegen die royalistische Restauration statuiert wurde.) Da lässt Capellani den Hund des Herzogs die Loyalität über den Tod hinaus beweisen, die seinen Mördern nach dieser Lesart der Geschichte sträflich abgeht.

Die zweite Hälfte: sechs Filme mit Vorwürfen aus dem angehenden 20. Jahrhundert, darunter die erstaunliche Kriminalgeschichte »L'homme au gants blancs« (Der Mann mit den weißen Handschuhen) von 1908, in der ein Zylinderträger für den Mord an seiner Mätresse verhaftet wird, während der eigentliche Täter unerkannt danebensteht und den Polizisten hilfreich die Tür des Streifenwagens aufhält. Und als absoluter Höhepunkt ein Film von einem technischen Einfallsreichtum, der auch über Capellanis sonstiges Werk weit hinausgeht und allein schon den Preis der DVD wert ist: »L'epouvante« (hier gezeigt in einer deutsch getitelten, farbigen Version als »Der Schrecken«). In diesem Film spielt der französische Revue-Star Mistinguett eine couragierte Diva, die mit einem Einbrecher auf humane Art umzugehen weiß, den sie nachts unter ihrem Bett entdeckt.

Zweieinhalb Stunden dreisprachig untertiteltes Filmmaterial mit einer Musikbegleitung von und mit Pianist John Sweeney, herausgegeben von der Cineteca di Bologna und der Fondation Jérôme Seydoux-Pathé (weil Capellanis Frühwerk für die Firma Pathé entstand), dazu 56 Seiten erklärende Texte in drei Sprachen: Wer DVDs zum frühen Kino herausgibt, macht es damit meist erstmals für eine breitere Öffentlichkeit außerhalb der Archive zugänglich und richtet sich an ein internationales Publikum.

Mariann Lewinsky (Hg.), Il cinema ritrovato: Albert Capellani. Un cinéma de grandeur 1905-1911. Edizioni Cineteca di Bologna 11, 2011. DVD & Begleitbroschüre (ital./ franz./ engl.), 19 Euro.

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