Gagarins Leiden

»Baikonur« von Veit Helmer

Veit Helmer ist ein filmischer Geschichtenerzähler der etwas anderen Art. Wer »Tuvalu« oder »Absurdistan« gesehen hat, der ahnte bereits: Sein Blick auf die postsowjetische Raumfahrtszenerie ist kosmischer Natur. Damit auf surreale Weise auch komisch.

Helmers märchenhafte Erzählweise erschien mir jedoch in seinen bisherigen Filmen nie ganz überzeugend, weil das Groteske so offensichtlich gewollt ist, gleichsam immer im Kostüm und von Anfang an mit einer gewissen Behäbigkeit daher kommt. Er führt den ausführlich-umständlichen Beweis der unzweifelbaren Tatsache, dass die Welt ein einziges Panoptikum ist.

So auch im Film »Baikonur«, der vor allem wegen des ungewöhnlichen Schauplatzes interessant wird. Um das sichtlich heruntergekommene Sternenstädtchen herum, das immer noch schwer bewacht wird, wenn auch nun von privatem Wachschutz, haben sich Nomadenfamilien in der Steppe angesiedelt. Dort scheint alles so wie vor tausend Jahren: Jurten und Esel. Doch die Nomaden leben inzwischen von den Abfällen der Weltraumindustrie – sie sammeln Schrott, jene Metalle, die nach dem Start der Raketen zu Boden stürzen. Was man findet, wird getauscht – vor allem gegen Fleischbüchsen.

Iskander (Alexander Asochakow), der junge Funker, ist ein wichtiger Mann für die Schrottpiraten, denn er hört mit, was im Äther so gesprochen wird. So kennt er die Koordinaten und weiß, wo was zu Boden geht. Seine Jurte sieht aus wie eine Weltraummuseum. Iskander will selber einmal Kosmonaut werden, er fühlt sich als zweiter Gagarin und alle nennen ihn auch so.

Gagarin weiß, dass gerade eine französische Weltraumtouristin von Baikonur gestartet ist, er träumt von ihr. Und dann fällt sie ihm buchstäblich vor die Füße. Ihre Landekapsel war vom Kurs abgekommen und es ist natürlich Gagarin, der sie findet. Wie im Märchen versucht er sie wachzuküssen, aber das funktioniert erst nach mehreren Versuchen. Wundersamerweise erinnert sie sich an nichts – und Gagarin erblickt die Chance seines Lebens: Er erklärt ihr, dass sie seine Braut ist. Eine kurzen zauberhaften Moment lang gelingt dieses Außerkraftsetzen von Raum und Zeit zwischen zwei Menschen, die sich eben erst getroffen haben und doch schon immer zu kennen glauben. Doch dann meldet sich auch schon die real existierende Umwelt zurück. Die schöne Julie wird zum Objekt der Steppenbegierde. Gagarin könnte sie für viel Geld verkaufen, aber verkauft man denn seine Träume, hätte der echte Gagarin das getan?

»Baikonur«: Helmers Liebeserklärung an die Schwerelosigkeit und ein Exkurs in die Geschichte der russischen Raumfahrt von gestern und heute. So wie Helmer das dann erzählt, entfaltet »Baikonur« leider wenig Zauber, es wirkt eher wie eine gewaltsam ins Absurde geprügelte Geschichte. Helmer besetzte die Rolle der Weltraumtouristin Julie mit dem hübschen französischen Model Marie de Villepin, deren vorrangiges Interesse es gewesen zu sein scheint, immer perfekt geföhnt im Bild zu sein.

Aber während Gagarin sich in eine hoffnungslose Liebe hineinsteigert und Julie längst wieder auf den Laufstegen dieser Welt ihr Geld verdient und ausgibt, hat Gagarin sie nicht vergessen. Er zieht nun selber seinem Traum hinterher, was einen Notstand bei den nun orientierungslosen Schrottsammlern der Steppe auslöst. Auch Nazira, eine der Hirtinnen, kann offensichtlich ohne ihn nicht leben. Gagarin aber droht diese wahre Liebe seines Lebens zu übersehen.

Das ist dann die Aschenputtelfacette des Films. Allerdings hat Helmer diese Rolle mit einem usebekischen Popstar besetzt, die den Schmutz im Gesicht wie Schminke trägt. Helmers Bekenntnis zum Traum, der Menschen dazu bringt, über sich hinaus zu wachsen und sich in etwas ihnen Unbekanntes zu verwandeln, es wirkt am Ende leider so zur Originalität verurteilt, als sei diese auch nur eine Form der Zwangsarbeit.

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