IFA als Hoffnungsträger

Neuer Ausstellerrekord / Kritik an überdimensionierten Fernsehern

Die Internationale Funkausstellung öffnet heute ihre Türen für Besucher. Die Organisatoren feiern sie angesichts der Ausstellerzahlen bereits als »beste IFA ihrer Geschichte«. Nach einem schwachen Jahresbeginn für die Elektronikbranche soll jetzt wieder gekauft werden. Strom sparende Geräte spielen dabei für die Verbraucher eine zunehmende Rolle.
Internetfähige Fernseher und intelligente Haushaltsgeräte sollen Konsumfreude bringen. Fotos: dpa/ Wolfgang Kumm
Internetfähige Fernseher und intelligente Haushaltsgeräte sollen Konsumfreude bringen. Fotos: dpa/ Wolfgang Kumm

Betont lässig und optimistisch gaben sich die Macher der diesjährigen Internationalen Funkausstellung (IFA) zum Auftakt in Berlin. Zuletzt musste die Elektronikbranche Einbußen hinnehmen, jetzt soll es bergauf gehen.

»Schon jetzt ist es die beste IFA ihrer Geschichte«, verkündete Christian Göke, Geschäftsführer der Messe Berlin, bereits bevor die Ausstellung am Berliner Funkturm an diesem Freitag ihre Tore für Besucher öffnet. 1441 Aussteller präsentieren ihre Produkte, auch die Ausstellungsfläche ist größer denn je. Sie alle hoffen auf Kunden und höhere Marktanteile.

Denn nach guten Jahren erlebten die Elektronikhersteller zuletzt einen herben Dämpfer. Im ersten Halbjahr 2011 wurden in Deutschland weniger TV-Geräte verkauft, hier fiel der Absatz um 4,7 Prozent auf 4,4 Millionen Geräte. Der Umsatz sank angesichts der andauernden Preiskämpfe sogar um gut zehn Prozent. Fernseher sind aber nach wie vor das wichtigste Produkt der Industrie: Der gesamte Umsatz lag im ersten Halbjahr 2011 bei knapp 6,53 Milliarden Euro – ein Minus von 6,7 Prozent im Jahresvergleich.

Auch weltweit hat sich der Markt merklich abgekühlt: Die Marktforscher der DisplaySearch errechneten für das zweite Quartal nur ein Absatzplus von einem Prozent auf 55,52 Millionen TV-Geräte. Bei LCD-Fernsehern gab es immerhin einen Zuwachs von sechs Prozent auf 44,47 Millionen Stück. Global hoffen die Hersteller auf China, den weltgrößten Absatzmarkt für Fernsehgeräte knapp vor den USA. In China wird massives Wachstum erwartet, weil dort in den nächsten Jahren noch viele Röhrenfernseher ausgetauscht werden könnten.

In Westeuropa und Nordamerika sind die Märkte dagegen schon weitgehend gesättigt. Doch ausbaufähig scheint der Markt auch hier. Smart-TVs, die mit dem Internet verbunden sind, sollen die Kauflaune anregen. Sie werden in diesem Jahr mit 40 Millionen Stück bereits 53 Prozent der verkauften Geräte ausmachen, sagt Rainer Hecker, Aufsichtsratsvorsitzender der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik. Auch im 3D-Bereich seien die Wachstumsmöglichkeiten enorm, sagte Hecker. Hier liegt seine Prognose bei einem Zuwachs von 690 Prozent.

Neben der Hoffnung auf noch mehr verkaufte Fernseher werden Tablet-Computer und Smart-Phones präsentiert. Denn um das Geschäft anzukurbeln, hat die IFA ihr Themenspektrum kontinuierlich ausgebaut. Vor vier Jahren kam die sogenannte Weiße Ware wie Waschmaschinen, Kühlschränke und Geschirrspüler dazu. Auch diese Branche hat mit einem abgekühlten Geschäft zu kämpfen. Besonders die hohen Rohstoffpreise bei Stahl, Kupfer, Nickel und seltene Erden machen den Herstellern zu schaffen, sagte Reinhard Zinkann, Vorsitzender des ZVEI-Fachverbandes Elektrohausgeräte. Einige planten deshalb bereits Preiserhöhungen.

Energieeffizienz spielt bei allen Produkten eine zunehmende Rolle. Doch während Kühlschränke und Waschmaschinen von den Verbrauchern zunehmend nach ihrem Stromverbrauch ausgesucht werden, setzt die TV-Branche auf immer größere Bildschirme. Eine Studie des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat zwar ergeben, dass sich der durchschnittliche jährliche Stromverbrauch der TV-Geräte in den vergangenen zwei Jahren fast halbiert hat, »leider schmälert aber der Trend zu immer größeren Fernsehern und zum Zweit- und Drittgerät diesen Einspareffekt«, sagte die BUND-Energieexpertin Irmela Benz.

»Einerseits registrieren wir einen Wettbewerb um Strom sparende Geräte. Andererseits werben die Hersteller für den Kauf riesiger Flachbildfernseher, die in den meisten Wohnungen überdimensioniert sind. Das läuft dem durchaus vorhandenen Willen zum Stromsparen zuwider«, sagte Benz. Der Marktanteil von Geräten mit einer Bilddiagonale von über einem Meter liege bereits bei etwa der Hälfte. Der BUND forderte die Fernsehgerätehersteller auf, den Trend zu immer größeren Geräten zu stoppen. Der Stromverbrauch privater Haushalte steige kontinuierlich. »Das macht sich nicht nur bei der Stromrechnung schmerzlich bemerkbar, der Trend zu immer mehr und immer größeren Fernsehgeräten gefährdet auch die Klimaschutzziele«, kritisiert Benz.

Auch der Trend zu mehr Geräten in den Haushalten bewertet die Umweltschützerin kritisch. Das freilich wird Rainer Hecker anders sehen. Die Aussteller machen auf der Messe nach seinen Angaben inzwischen Geschäfte von mehr als 3,5 Milliarden Euro. Aus der einstigen Radio- und Fernsehmesse sei heute die bedeutendste Handelsmesse für die Industrie geworden, sagte Hecker. Konsumkritik ist hier sicher nicht erwünscht.


Besucherinformationen

Auf dem Berliner Messegelände öffnet sich an diesem Freitag wieder die Welt der flachen Fernseher und vernetzten Wohnzimmer. Die 51. Internationale Funkausstellung (IFA) hat vom 2. bis 7. September täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Im Konzertprogramm lädt am Freitag Schlagerstar Roland Kaiser zu einem Comeback, das Festival »Die Neuen DeutschPoeten« vereint am Samstag Clueso, Philipp Poisel, Max Prosa, Kraftklub und Wir sind Helden. Am Sonntag geht auf dem Messegelände der letzte Auftritt des Duos Ich+Ich auf seiner aktuellen Tour über die Bühne. Am Montag tritt die britische Pop-Band OMD auf.

Auf den Bühnen der Aussteller geben Fernsehgesichter wie die Moderatoren Anne Will und Waldemar Hartmann Autogramme. Auch FC Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat sich angekündigt, ebenso diverse Sterneköche, die an den Ständen zu Kochshows mit Gästen wie Ex-Fußballstar Paul Breitner und Schauspieler Elmar Wepper laden.

Die Tageskarte für die IFA kostet 15 Euro, ermäßigt 11 Euro. Schüler besuchen die Messe für 6 Euro, Kinder bis sechs Jahre haben freien Eintritt. Ab 14 Uhr gibt es eine »Happy-Hour-Tageskarte« für 9 Euro. Die S-Bahn will ihr Angebot verstärken. dpa/ND

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