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Wilders leistet Schützenhilfe

Niederländischer Rechtspopulist wirbt in geschlossener Gesellschaft für »Die Freiheit«

Proteste wurden weit entfernt geduldet.
Proteste wurden weit entfernt geduldet.

Sie sind vereint in radikaler Gegnerschaft zum Islam – 600 brav-biedere Bürger aus der Mitte der Gesellschaft. Sie waren am Sonnabend auf geheimen Pfaden zum Hotel Maritim gepilgert, um ihrem Idol Geert Wilders zu huldigen. Sie taten es voller Inbrunst. Bis zuletzt war der Termin geheim gehalten worden, erst um 7 Uhr früh erfuhren die antiislamischen Damen und Herren aus allen Teilen der Bundesrepublik, wo sie sich zur Nachmittagszeit einzufinden haben.

Drei Stunden lang malten der weiß gelockte charismatische Holländer Wilders, sein altbacken wirkender Berliner Ableger René Stadtkewitz und der Schweizer Poltergeist-Populist Oskar Freysinger unter tosendem Applaus das Ende des christlichen Abendlandes an die Wand, sollte die »islamische Flut«, die über uns hereingebrochen ist, nicht durch »wahre Demokraten« aufgehalten werden. Und »wahre Demokraten«, das sind die Anhänger der etwa 300 Mitglieder starken Splitterpartei »Die Freiheit« des CDU-Abtrünnigen Stadtkewitz.

Die mussten erst einmal tief in die Tasche greifen, um eine der 750 Karten zu ergattern. Immerhin 100 Euro sollte man für einen Platz in der ersten Reihe hinblättern. 80 für die zweite Reihe. Später gingen die Preise in den Keller, um den Saal voll zu kriegen. Schließlich will man 14 Tage vor der Berliner Wahl dem konservativen und extrem rechten Lager von CDU, FDP, Pro Deutschland bis NPD noch ein paar Stimmen abluchsen.

Wilders ist ihr Zugpferd. Er soll die Punkte bringen und die Saalmiete einspielen. Kein Geiferer, kein grobschlächtiger Sprücheklopfer. Im Land der Tulpen ist er eine Macht, ohne die keine Politik gemacht werden kann, in Berlin ein Exot. Seine Botschaft: Europa muss zurück zur Staatengesellschaft. »Europa braucht eine Seele, die Seele braucht einen Körper und der ist der Nationalstaat. Patriotismus ist kein Faschismus. Wir wollen Herren im eigenen Haus sein. Deutschland braucht eine rechte Partei, die nicht belastet ist. Unsere westliche Kultur ist anderen Kulturen weit überlegen. Seid stolz auf euer Land!« So etwas kommt an beim willigen Publikum. Auch Stadtkewitz und sein Loblied auf Sarrazin machen sich gut in dieser Runde. »Islam bedeutet Intoleranz und Unfreiheit. Islam bedeutet Dominanz einer einzigen Ideologie. Das darf nicht zu Deutschland gehören. Wir kritisieren das System Islam.« Warum man mit den Islamgegnern von Pro Deutschland nicht in einem Boot sitzen will, dazu Stadtkewitz später: »Pro Deutschland ist eine Neuauflage der NPD. Pro Deutschland ist keine Islamgegnerschaft, sondern Rassismus.«

Zufrieden trabt das Wahlvolk oder die Leute, die dafür gehalten wurden, unter den süßlichen Klängen von Marius Müller-Westernhagens Freiheits-Hymne von hinnen. »Weil er (Wilders) so ehrlich ist und die Wahrheit sagt, deshalb sind wir gekommen«, sagen die meisten nach Abschluss. Was sie für eine Karte bezahlt haben und woher sie kommen, wollen sie nicht sagen.

Von Freiheit allerdings ist weit und breit nichts zu spüren. Ein Massenaufgebot der bewaffneten Staatsmacht sorgte dafür, dass kein unbequemer Bürger auch nur in die Nähe der Wilders-Show kam. Auf der Straße zwei Polizeisperren, im und vor dem Saal Sicherheitsleute, Platzbeobachter, Ordnungsdienstler, Personenschützer, die jeden und alles kontrollierten, die Taschen – obwohl durchleuchtet – immer wieder misstrauisch beäugten, jede Bewegung registrierten. Die Kampagne »Zusammen Handeln« hatte zum Protest aufgerufen, rund 100 Menschen fanden sich trotz des lange geheim gehaltenen Ortes zu zwei Kundgebungen in der Nähe des Hotels ein. Aktionen in Sicht- und Hörweite wurde jedoch untersagt. Als es zwei Protestierer dennoch geschafft hatten, in den Saal zu kommen, wurden sie in Sekunden von einer Ordner-Kompanie mit geballter Kraft niedergerungen. Da herrschten deutsche Zucht und deutsche Ordnung. Und schließlich war da ein parteieigener Fotograf, der jeden Frage stellenden Journalisten auf einer anschließenden Pressekonferenz mit der Kamera festhielt. Das war dem Parteichef Stadtkewitz, als das bekannt wurde, sichtlich peinlich.

Bei den Wahlen am 18. September ist »Die Freiheit« chancenlos. Ungefährlich ist sie deshalb nicht.

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