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Ein Berg wird zubetoniert

Streit um ein großes Pumpspeicherkraftwerk im Südschwarzwald

  • Von Mira Kaizl, Atdorf
  • Lesedauer: 3 Min.

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Führende Energiekonzerne treiben im Südschwarzwald den Bau eines Pumpspeicherkraftwerks voran. Dass sie mit dem Milliardenprojekt klimapolitische Absichten verfolgen, nehmen ihnen viele Anwohner nicht ab.
Das geplante untere Becken im Haselbachtal Fotomontage: Thomas Klopp
Das geplante untere Becken im Haselbachtal Fotomontage: Thomas Klopp

Noch nicht einmal genehmigt ist das Bauwerk, und doch beschäftigt es Planer und Ingenieure bereits seit 2008. »Für sie ist das Projekt eine Lebensaufgabe«, sagt Julia Liebich, Sprecherin der Schluchseewerk AG. »Wohl kaum einer von ihnen wird in seinem Leben zwei Pumpspeicherkraftwerke errichten.«

1,2 Milliarden Euro Kosten hat Liebichs Arbeitgeber veranschlagt. Dieser plant, 2013 die ersten Bagger anrollen zu lassen und spätestens 2019 die Maschinen in Betrieb zu nehmen. In der Zwischenzeit müssen 130 Hektar Wald gerodet, eine Staumauer aufgeschüttet und bepflanzt, unter Tage Stollen und eine Kaverne für die Maschinen angelegt, eine neue Trinkwasserversorgung für zwei Gemeinden erschlossen und über die umliegenden Straßen riesige Maschinenteile transportiert werden. Dass die Aussicht auf fünf Jahre Baustellenbetrieb viele Südschwarzwälder nicht begeistert, kann Liebich verstehen. Doch sie ist sich sicher, dass die Anwohner sich mit der Zeit überzeugen lassen: Schließlich gehe es hier um die Energiewende.

Die Debatte ist kompliziert. Heute weiß jedes Schulkind, dass Sonne und Wind unbegrenzt vorhandene, aber unbeständige Energiequellen sind. Man braucht Speicher, wenn der Großteil des Stroms regenerativ erzeugt werden soll. Pumpspeicherwerke zählen zu den wenigen technisch ausgereiften Lösungen für dieses Problem. Durch das Hochpumpen von Wasser wird elektrische Energie in potenzielle Energie umgewandelt – ist der Strombedarf hoch, macht man sich die Fallhöhe für die neuerliche Erzeugung elektrischer Energie zunutze.

Bei Atdorf im Hotzenwald, wo der Schwarzwald steil in die Rheinebene abfällt, würde der Höhenunterschied zwischen den beiden Speicherbecken 600 Meter betragen. »Wir könnten mit relativ kleinen Becken eine relativ hohe Leistung von 1,4 Gigawatt erzielen«, sagt Schluchseewerk-Sprecherin Liebich. Die Gegner bringen ökologische Bedenken vor. »Dieser Berg ist ein Wasserspeicher, dort gluckert und sprudelt es überall«, empört sich Jürgen Pritzel von der Bürgerinitiative Atdorf. Durch den Bau des oberen, 60 Hektar großen Beckens würde der Berg zubetoniert und versiegelt, so dass auch das an seiner Ostseite befindliche Moor höchstwahrscheinlich austrocknen würde. Hinzu kommt, dass das geplante Unterbecken neben den Heilquellen des Kurgebietes Bad Säckingen liegt. Was passiert mit ihnen, wenn bei Betrieb des Pumpspeicherwerks ständig Millionen Tonnen Gewicht den Berg hinauf- und wieder hinunterbewegt würden? Viele Hotzenwälder stellen sich eine weitere Frage: Warum sollte es E.on und RWE, die jeweils 50 Prozent an der Schluchseewerk AG halten, ausgerechnet bei diesem Projekt um regenerative Energien gehen?

Pumpspeicherwerke werden heute dazu verwendet, die Tagesschwankungen beim Strombedarf auszugleichen – sprich, bei einem Überangebot den billigen Strom abzunehmen und zu speichern, um ihn zu Spitzenlastzeiten wieder teuer zu verkaufen. Dies war jahrzehntelang das Geschäft der Schluchseewerke und wird es nach Einschätzung der Bürgerinitiative auch bleiben – gerade wenn in Zukunft mehr Strom aus regenerativen Energien ins Netz eingespeist wird. »Anstatt Kohle- und Atomkraftwerke herunterzufahren, sollen sie auch bei großem Windenergieangebot voll weiterlaufen«, empört sich Pritzel.

Die baden-württembergische Landesregierung tut sich schwer, dieser Argumentation zu folgen. So macht der grüne Umweltminister Franz Untersteller aus seiner Aufgeschlossenheit gegenüber der Pumpspeichertechnologie keinen Hehl. Bereits während des Landtagswahlkampfs im Januar hat er im Südschwarzwald einen Runden Tisch initiiert – in der Hoffnung, dass sich Gegner und Befürworter annähern. Bei der nächsten Sitzung am 20. September wird der Minister persönlich zugegen sein. Er gibt sich zuversichtlich: »Die Schluchseewerk AG hat sich bereit erklärt, noch einmal von Anfang an nachzudenken.«

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