Marcus Meier 16.09.2011 / Kolumnen
Linke und Technik

Klima-Paranoiker im Bundestag

Szene-Kenner Peter Hartmann über vernunftfeindliche Klima-»Skeptiker«, deren gelbe, schwarze und braune Freunde sowie andere Verschwörungstheoretiker

Peter Hartmann, von Hause aus Naturwissenschaftler mit EDV-orientiertem Brotberuf, nebenher Publizist, recherchiert seit Jahren in den Netzwerken derjenigen, die den Klimawandel bestreiten oder verharmlosen. Im streckenweise disputartigen Gespräch mit Marcus Meier erläutert der Rheinländer Klimaverschwörungstheorien – und die Vernetzung der Klimawandelleugner mit (Neo-)Liberalen, Konservativen und Extrem-Rechten. In den USA, sagt Hartmann, seien die Republikaner »beinahe komplett auf den Klimaleugner-Zug aufgesprungen«. Doch auch im Deutschen Bundestag fanden schon Veranstaltungen mit prominenten Leugnern statt.

Marcus Meier: »Menschliche Aktivitäten«, so hat es die Staatengemeinschaft bereits 1992 in der UN-Klima-Rahmen-Konvention anerkannt, führen »zu einer wesentlichen Erhöhung der Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre«. Bei allen Unsicherheiten im Detail komme es zu »einer zusätzlichen Erwärmung der Erdoberfläche und der Atmosphäre«. Die Staaten der Welt hätten eine »gemeinsame, aber unterschiedliche Verantwortung« – die Industrieländer stehen stärker in der Pflicht! – für die »Bekämpfung der Klimaerwärmung«. Soweit das knapp 20 Jahre alte völkerrechtliche Dokument, ratifiziert von 194 Staaten inklusive der USA. Danach kamen unter anderem der Stern-Report, eine enorm populäre PowerPoint-Präsentation des ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore, wir erlebten unzählige Medien- und wissenschaftliche Berichte, Weltklimakonferenzen im Jahrestakt, die Umbenennung Angela Merkels in »die Klimakanzlerin« sowie Kindheit, Aufstieg, Fall und Tod eines Klimabären namens Knut. Könnte, müsste nicht jeder die Botschaft verstanden haben?Peter Hartmann: Ich denke, da ist auf der Seite derjenigen, die vom Stand der Wissenschaft überzeugt sind, viel schief gelaufen. Zum einen handelt es sich um ein recht komplexes Thema, wo eine globale Erwärmung sogar durch Verschiebung von klimatischen Systemen zu einer lokalen Abkühlung führen kann, und wo sowohl feuchteres als auch trockeneres Wetter lokal auftreten kann. Diese ausschließliche Betonung von »es wird wärmer« können viele nicht nachvollziehen, wenn der Schnee sich vor der Tür häuft. Dabei ist der Schnee entstanden, weil wegen der Erwärmung der Ozeane mehr Verdampfung entsteht. Zum anderen wurde die menschliche Neigung unterschätzt, im Status quo verharren zu wollen, gerade wenn Veränderung nicht eindeutig zu persönlich kurzfristig erfahrbaren Vorteilen führt. Es ist sehr menschlich, dass man, wenn man hört, der Kohlendioxid-Anstieg führe zu einer globalen Katastrophe, die Hoffnung hat, das könne gar nicht stimmen.Das sind stark psychologisierende Erklärungen. Motto: »Darum mag Otto Normalverschmutzer nicht an den Klimawandel glauben«. Aber auch der RWE-Konzern hypte einen Klimawandelleugner. Natürlich gibt es auch mächtige Gruppen, die an einer Abwendung der notwendigen globalen Energiereform aus finanziellen und ideologischen Gründen interessiert sind, zum Beispiel fossile Energiekonzerne, oder Neoliberale, die befürchten der Staat könnte die »unsichtbare Hand« des freien Marktes gängeln. Wenn man sich mal anschaut, wie »unmöglich« laut Aussagen der betroffenen Konzerne der Umstieg auf weniger schädliche Kühlstoffe anlässlich der Ozonloch-Problematik angeblich war, und wie leicht es dann ging, als plötzlich Gesetze in Kraft traten, kann man sich vorstellen, wie mächtig der Widerstand heute ist.Damals mussten lediglich ein paar Chemikalien ersetzt werden, und die USA preschten voran, weil der Chemiekonzern DuPont bei den Substituten, die übrigens meist klimaschädlich sind, vorne lag. Dennoch wurde erst um eine Minute vor zwölf abgebremst. Das Ganze gilt Politologen als der mit Abstand größte Erfolg der internationalen Umwelt-Diplomatie. Und, absurderweise, bis ins Detail als moralisches, politisches und rechtliches Vorbild für den Klimaschutz.Genau. Aber beim Klimaschutz müssen nicht recht periphere Stoffe wie die FCKW aus dem Verkehr gezogen werden. Es geht darum, den zentralen Abfallstoff der traditionellen Energiegewinnung, nämlich Kohlendioxid, zu vermeiden. Es wird, gerade in den englischsprachigen Ländern, sehr massiv Stimmung und Angst gegen die Energiereform gemacht. Und Angst trübt nunmal den rationalen Geist.Der rationale Geist hat es gerade in Deutschland nicht immer einfach. Das liegt aber nicht immer an der Angst, sondern oft genug am Interesse, das der Vernunft zu wider läuft. Der Klimaforscher James Hansen schrieb 2007 einen offenen Brief an Angela Merkel: Die Kanzlerin, so Hansens Bitte, möge existierende Pläne zum Bau neuer Kohlekraftwerke überdenken. Den einfachen Zusammenhang von Kohleverbrennung und Klimawandel werde sie verstehen. Schließlich sei Merkel Physikerin. Hansen hoffte vergeblich: Zwar wurde manches Kohlekraftwerk von unten verhindert, doch der Neubau der Klimakiller geht im Grundsatz weiter. Merkel ist kein wirklich gutes Öko-Vorbild. Oder?Wenn »die Klimakanzlerin« beim Einzug ins Kanzleramt erstmal den Ökostrom abbestellt, und mit ihrem Energiezukunfts-Paket unter anderem Kohlekraftwerke fördert, denkt sich auch so mancher Bürger, offenbar kann es so ernst ja nicht sein. Und wenn er dann Belege dafür finden will, dass die Klimakatastrophe eine Erfindung geld- und machtgieriger Verschwörer ist, wird er fündig werden, vor allem im Netz. Aber wenn er sich erst einmal auf diese Sichtweise eingeschossen hat, kommt er da normalerweise nicht mehr raus. Das Netz gibt einem enorme Möglichkeiten der Wissensfindung, aber man kann auch sehr gut »unter sich« bleiben und sich immer tiefer in mit der Realität nicht vereinbare Phantasien reinsteigern. Das heißt?Wenn tausend Menschen auf der Welt glauben, dass smarte Stromzähler nicht dem komfortablen Energiesparen, sondern der telepathischen Überwachung dienen, und diese tausend Menschen 20 Webseiten zum Thema bauen, kann sich ein Neuling darin verlieren und denken, es handele sich um eine legitime Sicht der Dinge. Bei der Klimathematik ist das völlig aus dem Ruder gelaufen, schauen Sie sich nur mal die ersten paar Seiten bei einer Google-Suche nach »Klimaschwindel« an.Lieber nicht! Natürlich kann der Klimawandel aus Sicht von dessen Leugnern und Skeptikern nicht »bloß« ein Irrtum fast der kompletten wissenschaftlichen Gemeinschaft sein. Nein, dahinter müssen, drunter machen sie's nicht, veritable »Verschwörungen« stehen. Aber: Wer hat all diese »Verschwörungen« angezettelt, wer ist Teil von ihnen und wer profitiert davon?Wie Sie schon andeuten, gibt es nicht den monolithischen Block »der« Klimaleugner, das ist ein weites, buntes Spektrum. Es reicht von recht vernünftigen Leuten, die vermuten, dass Fortschritte der Technik die aufkommenden Probleme leicht bewältigen können, bis zu Extremen wie Alan Siddons, der mathematische Formeln leugnet.

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