Bilder aus dem Naturharem

In Saxdorf lebt der Künstler Hanspeter Bethke in einem Zaubergarten, die Quelle von vielen Motiven

In Saxdorf im Süden Brandenburgs hat der Künstler Hanspeter Bethke zusammen mit Pfarrer Karl-Heinz Zahn einen verwilderten Obstgarten zu einem wundersamen »Künstlergarten« entwickelt, der heute Besucher von nah und fern anzieht. Er liefert dem Künstler Bethke unerschöpfliche Motive für seine Bilder.
Hanspeter Bethke: Ab- und Zuwendung, 1999
Hanspeter Bethke: Ab- und Zuwendung, 1999

Vor 40 Jahren ist der gebürtige Magdeburger Hanspeter Bethke, der an der Burg Giebichenstein in Halle studiert hat und dann als Maler und Baurestaurator tätig war, in der Pfarre von Saxdorf im Süden Brandenburgs (Landkreis Elbe-Elster) mit ihrer um 1230 erbauten romanischen Kirche ansässig geworden. Er hat damals das Stallgebäude als Atelier umgebaut und zusammen mit Pfarrer Karl-Heinz Zahn den verwilderten Obstgarten zu einem wundersamen »Künstlergarten« entwickelt, der heute die Besucher von nah und fern anzieht.

Mit mehr als 200 einheimischen und exotischen Gehölzen, 25 Bambussorten, einer Vielzahl alter Strauchrosen, Stauden, Kakteen und anderen botanischen Raritäten ist hier ein »Kunstwerk« entstanden. Der Garten wurde für Bethke zum virtuellen künstlerischen »Labor«, dessen Sinneseindrücke ihm neue Sichtweisen eröffnet, seinen Blick für Farbwerte und die Beziehungen zwischen den Farben geschärft hat.

Als Zeugen versunkener Bauernkultur fungieren Sandsteine aus der Elblandschaft, Künstlerfreunde haben Gartenplastiken zu diesem »Naturharem« – so ist der Garten von Claude Monet in Giverny unweit von Paris einmal bezeichnet worden – beigesteuert.

Im Vertrauten kann hier das Fremde entdeckt werden. Im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten, von Wetter und Lichtverhältnissen liefert der Garten Hanspeter Bethke die unerschöpflichen Motive für seine Bilder: »In der Qualität unterscheide ich nicht zwischen meinen gemalten Bildern und den mit Pflanzen gestalteten Räumen des Gartenkunstwerkes Saxdorf. Beide sind sowohl Bilder nach innen wie nach außen. Yin und Yang im besten taoistischen Sinn. Lebendige Beispiele des Buches der Wandlungen!«

In der Tat, Bethkes Blumen- und Gartenbilder können als »Simulationen« mit einer Fülle von Sinnenreizen, die ein Garten ausstrahlt, gedeutet werden. Schatten werden nicht mehr als Grauflächen gezeigt, sondern als Blau-, Grün- oder Violett-Töne, um so das von ihnen reflektierte Licht zu berücksichtigen. Es ist, als wolle Bethke das Visuelle auch ertastbar machen, indem er die Grenzen der Simulation erweitert. Sein Zeichnen und Malen kann als synästhetisches Zusammenspiel auf psychischer Ebene betrachtet werden. Baudelaire hat es so formuliert, dass »Düfte, Farben und Töne einander entsprechen«.

Die leichten Pinseltupfer der Dalienblüten suggerieren gleichzeitig den Duft, die Textur und die Farbe der Blumen. So erweist sich der Garten als emotionale Kraft, die den seelischen Zustand und das Wohlbefinden des Betrachters – und des Gärtners – zu beeinflussen vermag. Gärten sollen zur Genesung der Seele dienen. Faszinierend, wie sich der Künstler vom Spiel der Formen und Farben tragen lässt, um in deren Verlauf durch raffinierte Technik lenkend einzugreifen – mit Öl, Tempera, Wasserfarben, Wachsstift und Wachskreide, als Wachsaquarell auf Papier, auch Packpapier, gewaschen, das heißt auf dem Papier zerfließend, dann wieder in Liniengespinste eingehüllt, als Linolschnitt, kombiniert mit Aquarell und Silber auf Papier.

Bethke erfindet Strukturen im Ungeformten, und das Ungeformte selbst richtet sich in bestimmten Strukturen ein. Die menschliche Figur, das Porträt ist selbst eine Struktur und Strukturen unterworfen, die er immer wieder neu erfindet. Das imaginäre Bildnis führt ein grafisches Eigenleben. Von einem zarten Liniengespinst durchzogen, wird der kaum begonnene Rhythmus immer wieder geändert und durch eine Gegenbewegung aufgehoben. Das Ergebnis ist eine seltsam irisierende, flimmernde Zuständlichkeit. Hier wird mit Freudscher Tiefgründigkeit eine Vivisektion betrieben, um das Innerste der Figur, dessen inneren Seelenzustand zu erkunden.

Der Künstler beherrscht die Formensprache eines doppelbödigen Humors, der leise Ironie, skurrilen Spott, betroffen verstummendes Lachen und intensiv mitleidendes Gefühl zu vereinen vermag. Er greift zumeist ein banales Sujet aus der Alltagswirklichkeit auf, und indem er den Begriff des Sujets in der Wörtlichkeit seiner eigenen Sprach- und Formgebung darstellt, transformiert er ihn in eine ironische Distanz der Verfremdung, die ebenso die Phantasie anregt als auch das kritische Sehen ermöglicht. Die gewöhnlichen Dinge – so die allgegenwärtige Tragetasche – können durch die Reizung unseres Vorstellungsvermögens seltsame, der Logik widersprechende Bilderketten heraufführen.

Ein merkwürdiges Eigenleben besitzen »Fingertasche« (1999), »Fußtasche« (1999), »Messertasche« (1999), »Pinseltasche« (2000), »Rosentasche« (2000). Eine blaue »Kreuztasche« (2000) mit rotem Kreuz auf gelbem Grund kann ebenso Hilfsbereitschaft, Zuwendung gegenüber dem anderen signalisieren, aber auch das sprichwörtliche Kreuz bedeuten, das jeder für sich zu tragen hat. Die Dinge können auch bei voller Bewahrung ihrer materiellen Realität durch Vertauschung, Verknüpfung oder Isolierung einen ganz unerwarteten Beziehungsreichtum gewinnen.

Bethkes Werk wird in seiner Gänze erst noch richtig zu entdecken und in unsere Kunstlandschaft einzuordnen sein.

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