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Der Mensch als Monster

Das Lichtblick-Kino präsentiert essayistische und experimentelle Dokumentarfilme

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.

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Symbol menschlicher Selbstzerstörung: explodiertes Kernkraftwerk
Symbol menschlicher Selbstzerstörung: explodiertes Kernkraftwerk

Nach der Sommerpause stellen sich die Mitglieder des Berufsverbandes AG Dok wieder jeden vierten Dienstag im Monat mit ihren Dokumentarfilmen vor.

Es beginnt essayistisch, mit einem Film aus der Produktion des Filmemachers und Filmlehrers Harun Farocki. »Madman’s Dictionary«, das Wörterbuch eines Verrückten, nennt Benno Trautmann (Buch, Regie und Kamera) seinen Einstünder von 2010, und das ist er denn auch: ein Wörterbuch in Text, Bild und Ton. Nur ist es eigentlich nicht »ein« Verrückter, um den es hier geht, sondern gleich die ganze Menschheit. Nicht Homo Sapiens, sondern Homo Gaga müsste man den Menschen nennen, ist Trautmanns These, weil er seine Umwelt nur nach Kriterien der Wirtschaftlichkeit und Gewinnmaximierung betrachtet.

Wertneutral ist es also nicht, dieses Wörterbuch, dafür entfaltet es eine hochgradig hypnotische Wirkung. Eine unsichtbare Hand tippt Begriffsdefinitionen auf die Leinwand, dann wandert die Kamera durch aufgelassene Gebäude, nähert sich gekippten Seen, wild ausschlagenden Geigerzählern und dem Ort, an dem einst das Dorf Horno in der Niederlausitz stand, 1350 gegründet, 2005 dem raumverschlingenden Braunkohletagebau zum Opfer gefallen, heute ununterscheidbarer Teil einer endlosen Mondlandschaft. Waldrodung und Zubetonierung, Schadstoffverklappung und Kampfeinsätze, Atombombe und Tretminen – die Bilder zur These finden sich reichlich. In den zugehörigen Begriffsdefinitionen bekommt man es Gelb auf Schwarz zu lesen: der Mensch ist ein Exterminator. Und zur Illustration der unbeantworteten Frage, wo im Kopf des Menschen der ganze Wahnsinn zu verorten sei, liegt am Ende einer auf dem Seziertisch, dessen Gehirn – in feine Scheibchen geschnitten – den kommenden Studenten der Anatomie vielleicht endlich Aufschluss geben wird.

Im Oktober geht es experimentell weiter, mit einem Programm aus Kurzfilmen und Langfilmausschnitten der Cutterin und Filmemacherin Friederike Anders von ihrer Filmhochschulzeit bis heute. Wem der Begriff »experimenteller Dokumentarfilm« erstmal als Oxymoron erscheint, kann sich hier selbst überzeugen, wie sich in vorgefundenem Material, das nachbearbeitet, neu vertont, eingefärbt und mit selbst inszenierten Szenen unterschnitten wurde, Gesellschaftsbeobachtung und –kritik eben doch transportieren lassen. Friederike Anders betreibt ein investigatives Spiel mit weiblichen Rollenmustern. Mal geschieht dies in ausdrücklich politischer Absicht wie in der Datenbankkompilation »Das Gedächtnis der Frau in Weiß«, das klassische filmische Frauenfiguren mit offenen Fragen zum Mord an Uwe Barschel vernetzt. Mal nutzt Anders vordergründig rein sexualgeschichtliche Zusammenhänge wie in der arte-Aufttragsproduktion »Die Erscheinung der Jungfrau: 12 Wege zur Verzückung« über den Abgrund zwischen Unschuldskult und Sexualisierung des öffentlichen Lebens, von der im Lichtblick Ausschnitte zu sehen sein werden.

Auch der Dokumentarfilm des Monats November beschäftigt sich mit Medien und Vermarktung, aber er ist eher traditioneller Machart. In »Super Art Market« gibt Zoran Solomun der Spekulationsblase nicht auf dem Hypothekensektor, sondern auf dem internationalen Kunstmarkt Namen, Zahlen und Gesichter. Was im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends an Geld für zeitgenössische, also noch durch keine Patina oder den Filter der Jahrhunderte in ihrem Ewigkeitswert gesicherte »Kunst«-Werke ausgegeben wurde, damit hätte man die heutigen Schuldenstaaten Europas gleich mehrfach entschulden können. Mit der Weltwirtschaftskrise hatte auch diese Spekulationsblase ein (vorläufiges) Ende. Wie sie zu ihren Hoch-Zeiten aussah, schildert Solomun aus der Sicht der Galeristen, die die hyperinflationierten Kunstmarktpreise machten – oft genug, indem sie einfach ein paar Nullen an die erste Zahl hängten, die ihnen in den Sinn schoss. Und dann noch ein paar Nullen mehr.

Wie man mit Talent, einem guten Netzwerk und viel Dreistigkeit aus einem unbekannten Bastler in einer Hinterhofgarage einen Star der internationalen Kunstszene macht, dessen Werke für Millionen gehandelt werden, unterliegt dann wohl tatsächlich der Maxime von Andy Warhol, die Solomun als Motto an den Anfang stellt: »Geld zu machen, ist Kunst, und Arbeit ist Kunst, und gute Geschäfte, das ist die beste Kunst von allen«. Und spannt damit (fast) wieder den Bogen zu Trautmanns These des Monats September, vom Menschen als geldgierigem Zerstörer alles Guten und Schönen.

27.9., 25.10, 22.11., 18 Uhr, in Anwesenheit des Regisseurs, Lichtblick-Kino, (030) 44 05 81 79

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