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Knallhart, doch mit Spaß dabei

Das Theater Eukitea spielt deutschlandweit gewaltpräventive Stücke an Schulen

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Die Schauspieler treten mit ihren Stücken unter anderem an Schulen auf, thematisieren alltägliche Probleme und vermitteln den Kindern und Jugendlichen die Geschichte ihres Landes.
Die Schauspieler treten mit ihren Stücken unter anderem an Schulen auf, thematisieren alltägliche Probleme und vermitteln den Kindern und Jugendlichen die Geschichte ihres Landes.

Klatsch! Die Ohrfeige hat gesessen. Die Kinder ziehen überrascht die Luft ein, während sie auf die Szene starren. Gerade erst haben sie sich in der kalten Turnhalle lautstark johlend auf ihre Plätze gesetzt, schon sind sie mitten im Geschehen. Und beobachten, wie die Sechstklässlerin Sabrina ihrer Mitschülerin Daniela eine runter haut, aus lauter Verzweiflung.

Die Darsteller des Theaters Eukitea in Berlin spielen die Geschichte
von Sabrina, die von ihrer Klasse gemobbt wird (oben). Trotz des schwierigen Themas haben die Kinder der Berliner Scharmützelsee-Grundschule Freude beim Zuschauen.
Die Darsteller des Theaters Eukitea in Berlin spielen die Geschichte von Sabrina, die von ihrer Klasse gemobbt wird (oben). Trotz des schwierigen Themas haben die Kinder der Berliner Scharmützelsee-Grundschule Freude beim Zuschauen.

Die Darsteller des Theaterprojekts Eukitea in Berlin haben die Szene zuvor genau geprobt. Es muss echt aussehen, die Kinder sollen Anteil nehmen, wenn sie die Geschichte von Sabrina vorgespielt bekommen. Sabrina, die von ihrer Klasse gemobbt wird. Die sich nicht traut, darüber zu sprechen und unter Albträumen leidet. Gerade als Beklemmung mit unsichtbarer Hand die kleinen Zuschauer ergreifen will, tauchen die Erzähler des Stücks auf. Drei Clowns, mit roten Nasen und der Erlaubnis, sich ein wenig von der Situation zu distanzieren und in befreiendes Kichern auszubrechen.

Es war der Berliner Senat, der Eukitea an die Scharmützelsee-Grundschule im Bezirk Schöneberg geschickt hat. Vorbeugend. Denn Theater und Prävention gehören bei Eukitea zusammen und sind seit langem Programm. Trotzdem ist es das erste Mal, dass Eukitea in der Hauptstadt von öffentlicher Hand unterstützt wird. 21 Auftritte des Stücks »Raus bist du!« gegen Mobbing fördert die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Wahrscheinlich ist die Stadt aus lauter Not auf diese künstlerische Form der Präventionsarbeit aufmerksam geworden.

Im März war ein 17-jähriger Berliner bewusstlos geschlagen worden, als er die Internethetzjagd gegen seine Freundin beenden wollte, die auf dem Portal isharegossip veranstaltet wurde. Danach begann eine aufgeregte Debatte über sogenanntes Cybermobbing, Mobbing an Schulen und Aufklärungsarbeit. »Raus bist du!« ist in diesem Jahr das meist gespielte Eukitea-Stück in Berlin, die Nachfrage ist riesig.

»Das Wichtigste ist Empathie zu schaffen«, sagt Olaf Dröge, künstlerischer Projektleiter von Eukitea in Berlin. »Kinder erreicht man nicht über Intellekt, sondern über Gefühl.« Der 31-Jährige hat das Stück gemeinsam mit den Schauspielern erarbeitet. »Mobbing ist ein knallhartes Thema. Doch im Theater wird es so aufbereitet, dass die Kinder trotzdem Spaß haben und mit einem guten Gefühl nach Hause gehen.«

Im Präventionstheater führend in Deutschland

Die drei Schauspieler von »Raus bist du!« sorgen für viele Lacher, als sie nach der Ohrfeige zu zeigen beginnen, wie überhaupt alles so weit kommen konnte. Denn sie vollbringen das Kunststück, zu dritt eine ganze Klasse lebendig vor die weißen Laken treten zu lassen, die als Bühnenmarkierung dienen. Mit jedem neuen Accessoire schlüpfen sie überzeugend in eine andere Rolle.

Daniela, die Mobberin, trägt ein dunkles Basecap, fläzt in der hintersten Reihe der Schulbank und geht gerne skaten. Mathe mag sie nicht so. Die Kinder stimmen freudig zu. Ihre Hausaufgaben schreibt sie darum bei Sabrina ab, die man an ihrer regenbogenbunten Umhängetasche und der zurückhaltenden Art erkennt.

Doch dann lässt Sabrina ihre Freundin nicht abgucken, ein einziges Mal. Die wird prompt ohne Hausaufgaben ertappt und bekommt richtig Ärger mit dem Lehrer und ihren Eltern. Schuld hat natürlich Sabrina - und das soll sie ab sofort büßen. Der Beginn einer Dynamik, die der fiktiven Klasse irgendwann selbst über den Kopf wächst.

Seit Jahren entwickelt Eukitea Theaterstücke zu Themen wie Gewalt, Integration, sexuellem Missbrauch oder Umweltschutz. Das Klimastück »Goodbye Nordpol« wurde sogar als offizielles UN-Dekadeprojekt für »Bildung und nachhaltige Entwicklung« 2010 und 2011 ausgezeichnet.

»Das Besondere an Eukitea ist der professionelle Umgang mit schwierigen Themen«, erklärt Stephan Eckl, der das Theaterprojekt 1984 mitgegründet hat, damals noch unter dem Namen Spielwerk. Die Stücke werden mit fachlicher Begleitung erarbeitet. Bei »Goodbye Nordpol« hat das bayerische Landesumweltamt beratend zur Seite gestanden. Für »Raus bist du!« gab es Kooperationen mit der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg und der Aktion Kinder- und Jugendschutz Brandenburg, die Stückentwicklung wurde vom brandenburgischen Innenministerium gefördert. Außerdem kann zu jeder Aufführung eine Nachbereitungseinheit gebucht werden, kostenloses Unterrichtsmaterial gibt es auch.

»Die Stücke sollen künstlerisch wertvoll, aber auch fachlich fundiert sein«, so Eckl. Gerade bei heiklen Themen wie Sucht oder Missbrauch wolle man keine pädagogischen Fehler machen und nehme darum Expertenhilfe in Anspruch. Selbstbewusst kann Eckl sagen: »Im Präventionstheater sind wir deutschlandweit führend.«

Mut machen, mit Problemen umzugehen

Der 51-Jährige ist heute Geschäftsführer und Leiter von Eukitea, das seinen Hauptsitz in Diedorf hat, einem kleinen Ort im ländlichen Bayern, ganz in der Nähe von Augsburg. Denn die Ursprungsidee vor 27 Jahren war es, mit Theater nach draußen zu gehen, in die ländlichen Regionen, in denen es kein gutes Kindertheater gab. Das Projektbüro in Berlin kam erst 2004 dazu, ein Ableger, um die mobilen Stücke und Workshopangebote auch im Norden und Osten Deutschlands verstärkt anbieten zu können.

Doch das Herz des Theaters mit seinen insgesamt 20 freien Mitarbeitern schlägt in Diedorf. Dort steht seit 2007 das Öko-Theaterhaus in leuchtendem Rot und Orange, das Eukitea sich nach acht Jahren mühseliger Geldbeschaffung für 1,8 Millionen Euro gebaut hat. Als Laboratorium und Treffpunkt, auch für die internationale Theaterarbeit, die Eukitea neben der Prävention als Bestandteil seiner Aufgabe versteht - nicht umsonst nennt es sich »Europäisches Kinder- und Jugendtheater«. Trotz des festen Ortes finden 350 von 400 Aufführungen im Jahr noch immer außerhalb statt. Alle mit dem Ziel, Kindern »die Augen für Lebensthemen zu öffnen«, wie Eckl es nennt und ihnen Mut zu machen, mit scheinbar aussichtslosen Problemen umzugehen.

Die eigene Geschichte wird vor Augen geführt

In der fiktiven Klasse, die sich in Berlin vor den weißen Laken mit Mobbing herumschlägt, wird am Ende alles gut. In der Theaterwelt kann die verworrene Realität in handhabbare Brocken übersetzt werden. Die gepeinigte Sabrina bricht irgendwann ihr Schweigen, der Lehrer tritt vor die Klasse und sucht mit allen nach einer Lösung. Fragend wendet er sich auch an das Publikum. Eifrig schnellen Zeigefinger in die Höhe, als die Kinder versuchen, ihre Vorschläge einzubringen.

Sie haben Erfahrung mit Mobbing. Nach der Vorstellung stellen einige aufgeregt fest: »Die haben ja unser Stück gespielt!« Erst vor Kurzem wurde in einer der sechsten Klassen ein Mädchen immer weiter ins Abseits gedrängt. Weil ihr oft der Schnodder aus der Nase lief und sie sich ab und zu seltsam verhielt. Die Klasse hatte über alles gesprochen, das Problem war geklärt. Und doch hat das Theater sie noch mal auf ganz andere Art Anteil nehmen lassen und ihnen die Folgen ihres Handelns vorgeführt. »So etwas wollen wir auf keinen Fall«, sind sich mit Blick auf Sabrinas Geschichte alle einig.

Unterdessen wird bei Eukitea in Süddeutschland daran gearbeitet, die Biografie von Sophie Scholl für die Oberstufen auf die Bühne zu bringen. Künftig soll Geschichtsaufarbeitung das Themenspektrum erweitern. Eine Herausforderung, die gut zu Eukiteas generellem Anspruch passt: Eine Haltung des Hinschauens zu entwickeln.

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