Wut auf die Wall Street

Der Publizist VICTOR GROSSMAN über seine beiden Heimatstädte New York und Berlin und eine neue Hoffnung

Victor Grossman, geboren 1928 in New York als Sohn einer jüdischen Familie, hieß eigentlich Steve Wechsler. Anfang der 50er Jahre, in der Zeit McCarthy-Ära, desertierte der junge Kommunist wegen drohender Repressalien von seinem Wehrdienst in der US-Armee in Bayern und setzte sich unter abenteuerlichen Umständen in die DDR ab. Seitdem hieß er - aus Gründen der persönlichen Sicherheit - Victor Grossman und arbeitete als Journalist und Publizist.
Victor Grossman, geboren 1928 in New York als Sohn einer jüdischen Familie, hieß eigentlich Steve Wechsler. Anfang der 50er Jahre, in der Zeit McCarthy-Ära, desertierte der junge Kommunist wegen drohender Repressalien von seinem Wehrdienst in der US-Armee in Bayern und setzte sich unter abenteuerlichen Umständen in die DDR ab. Seitdem hieß er - aus Gründen der persönlichen Sicherheit - Victor Grossman und arbeitete als Journalist und Publizist.

Ist da nicht eine Chance? Erkennt man dabei nicht neue Hoffnung?

Nach etwa zwei Jahren war ich wieder in meiner Heimatstadt New York, genauer gesagt Manhattan. Für mich, der seit Jahrzehnten in Berlin, in der Nähe des Alexanderplatzes wohnt, waren die Menschenmassen auf den Straßen New Yorks, die tausenden gelben Taxis, die bedrängende Kommerzialisierung, die Lautstärke fast überwältigend. Beeindruckend die Buntheit der Menschen - fast zur Hälfte Afro-Amerikaner, viele, viele Lateinamerikaner, zahlreiche mit Wurzeln in Korea, China, Japan, Vietnam und viele aus Südasien, häufig mit bunten Saris, Turbanen - und oft dazu Jeans. Ich merkte, auch wenn ich mich kaum zurückverpflanzen könnte: Ich liebe meine Geburtsstadt.

Und doch fehlte mir dabei ein Gefühl der Bewegung, der Veränderung, obwohl doch die Notwendigkeit von Veränderungen unübersehbar war. Touristen die Menge, Arbeitende, die die U-Bahn füllten; aber auch viele, zu viele durch das soziale Netz Gefallene. Und dieses Netz, wie ich überall zu hören bekam, ist weitaus schwächer und zerrissener als das, was in Deutschland trotz aller Kürzungen und Einschnitte noch geblieben ist.

Einmal, mitten im großen Central Park, hörte ich lautes Trommeln und Rufen und eilte dorthin. Da streikte eine kämpferische Gruppe, auch hier alle Farben und Nationalitäten, gegen einen Gauner, der ein Parkrestaurant führte und das Personal schikanierte. Doch für diese Stadt, einst das linke Zentrum des ganzen Landes, war mir, einem der Politik Verschworenen, das zu wenig.

Dann flog ich zurück nach Berlin - gerade rechtzeitig, um die traurigen Resultate einer schwachen Wahlkampagne zu erleben. Doch siehe da - ich war zehn Tage zu früh zurückgekehrt. Denn seit Mitte September geschieht etwas in New York, das, egal wie es weitergeht, die Entwicklung in meiner großen, noch so starken Heimat unübersehbar beeinflusst.

Im Juli hatte die kleine kanadische Organisation »Adhunters«, die sich gegen Korruption und Kommerzialisierung wendet, per Internet zu einer Demonstration auf der Wall Street aufgerufen, also im Finanzzentrum der USA und - immer noch - der Welt. Diese Demonstration sollte ein Protest gegen die riesige Macht der großen Banken und anderer Konzerne sein, gegen ihre weitgehende Kontrolle der Regierung in Washington und damit der Entwicklung überall auf der Welt, gegen diejenigen, die für die fürchterliche Krise verantwortlich sind.

Anfangs waren es etwa 200 Menschen, die einen kleinen Park am Broadway besetzten, unweit der Wall Street. Dort übernachteten sie auch, mit Zelten oder ohne. Die Medien ignorierten sie. Was sollen das für Hippie-Typen sein, was hätten sie denn überhaupt zu sagen? Nur die wichtige »New York Times« schickte eine Journalistin hin, die sich dann hämisch über die Gruppe ausließ - diese komischen Figuren hätten keine feste Forderungen, jeder wolle etwas anderes, eine Teilnehmerin tanzte sogar in ihrer Unterwäsche ... und so weiter. Von den größeren Medien antwortete darauf lediglich der britische »Guardian« mit einer ernsteren Schilderung und Analyse, die bei manchem doch Interesse erweckte.

Dann wurde die Gruppe größer, die Demonstrationen gingen unerwartet in die zweite, schließlich in die dritte Woche. Die Leute blieben auch bei Regen auf den Schlafmatratzen, mit oder ohne Zelt. Sie organisierten die Verteilung von Lebensmitteln und anderen Dingen für den täglichen Bedarf - und sie blieben.

Die Polizei, zunehmend besorgt (erst recht, nachdem sie eine riesige »Spende« von der Morgan-Bank erhalten hatte), verbot es der Gruppe, bei ihren Versammlungen Lautsprecher zu gebrauchen, obwohl das keine Wohngegend ist. Man fand einen Ausweg: Ein Chor der Zuhörer wiederholt die Worte der Redner, damit die Entfernteren sie mitbekommen. Auch der Regisseur Michael Moore, der eine begeisterte Rede hielt, gewöhnte sich schnell daran, drei Worte zu sagen und dann zu warten, bis sie laut wiederholt wurden.

Die Teilnehmer bleiben nicht im Park. Mit Fahnen und selbstgebastelten Schildern mit scharfen, oft witzigen Losungen ziehen sie durch die Straßen. In die Wall Street dürfen sie nicht. Nach New Yorker Gesetz dürfen sie auch nicht auf dem Fahrdamm laufen, sondern nur auf dem engen Bürgersteig. Die Polizei begann, Zuwiderhandelnde zu verhaften; und wenn keiner zuwiderhandelte, wurde mal einer von Polizisten über die schnell errichteten Barrieren gezogen, um ihn dann zu verhaften.

Dann versuchte die Polizei, die friedlichen Menschen mit orangefarbenen Plastikzäunen zu trennen. Um das zu beschreiben, übersetzte man wohl das deutsche Polizistenwort »Einkesseln«: daraus wurde »Kettling«. Als einige Dutzend so »eingekettelt« waren, kam plötzlich ein höherer Polizeioffizier und sprühte Pfefferspray in die Augen von drei jungen Frauen. Trotz aller Verschleierungsversuche wurde diese Szene auf Youtube ins Internet gestellt und schockierte viele Menschen. Bald erfuhr man, dass dieser Offizier in New York für solche Praktiken bekannt ist.

Doch anstatt die Menschen abzuschrecken, was neben reinem Sadismus sicherlich als Absicht dahinter steckte, kamen viele neue Demonstranten hinzu. Am Wochenende zogen sie zur Brooklyn Bridge (jener schönen Brücke, die von John August Röbling aus Mühlhausen entworfen und 1883 eingeweiht wurde).

Was verlangen die Menschen bei der mutigen »Occupy Wall Street«-Aktion? Viele meist junge Leute protestieren dagegen, dass sie, oft mit Diplomen in der Tasche, keine Arbeit finden. Manche klagen die USA an, tausende Menschen in anderen Ländern zu töten, und das mit Geld, das zu Hause so dringend gebraucht wird. Manche fordern die Entkriminalisierung von Marihuana, denn die Bestrafung wegen des Besitzes schon kleiner Mengen hat zur Folge, dass mehr als zwei Millionen - vor allem Schwarze, Latinos, Arme - im Gefängnis wie Sklaven schuften, für den Profit von Privatfirmen. Was alle eint, ist die Forderung, endlich die Regierung vom überwältigenden Einfluss der Superreichen zu befreien, die Banken für ihre wirtschaftlichen Verbrechen, die so viel Elend verursacht haben, zu bestrafen, ihre Macht einzuschränken und sie endlich ernsthaft zu besteuern. Einige fordern sogar ihre Verstaatlichung. Überall sieht man die Losung »99 % gegen 1 %« - wir sind die 99 Prozent, meinen alle, wir wollen nicht zulassen, dass ein Prozent der Bevölkerung unser Land beherrscht und unser Leben beeinträchtigt.

Noch eins lässt aufhorchen: dass viele Menschen sich nicht mehr durch die Medien von der restlichen Welt isolieren lassen. Sie reden vom Tahrir-Platz in Kairo, von Tunis, man denkt an Madrid und andere Städte in Spanien, wo im Frühjahr die Jugend protestierte. Viele wissen, dass es die Menschen in Athen, Santiago de Chile und anderswo ebenfalls satt haben und handeln. Manche nennen Ramallah oder Gaza. Es ist, als ob ein Schwelbrand sich ausbreitet, hier und da aufflammt und den Menschen den Mut gibt, dem Gefühl der Apathie, der Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit zu trotzen.

Nun dauert »Occupy-Wall-Street« immer noch an; die Bewegung breitet sich auf immer mehr Städte in den USA aus. Manchmal marschieren weniger als 100 Menschen zu einer Bankfiliale, in größeren Städten sind es schon Tausende, manche für einen Tag, manche wie in New York für Wochen. Los Angeles, Chicago, San Diego, Boston, Atlanta: die Punkte auf der Karte häufen sich. Auch in kleineren Städten, in denen kaum einmal politische Aktionen stattfanden - es sei denn für die reaktionäre Tea Party - fragen Leute per Internet: »Wie können wir so etwas organisieren?« Die Antwort: Nicht abwarten! Findet Gleichgesinnte und protestiert gegen die Großbanken, die Börsen, die Konzerne und Unternehmerverbände, die ihre Lobbyisten nach Washington schicken, um dort Republikaner und Demokraten aufzukaufen.

Ganz klar, die neue Protestbewegung ist ein Alarmruf für Barack Obama. Er hat die Betroffenen der Krise und des Sozialabbaus bisher kaum gehört. Jetzt muss er sie hören - sonst ist für ihn 2012 Schluss! Ein paar schüchterne Halbschritte wagte er neulich. Es ist nicht klar, ob das Rascheln der großen Geldscheine weiterhin die Stimmen von der Straße übertönen wird. Jedes Kleintreffen der Tea Party wurde bisher von den Medien aufgebauscht; für die Politiker wird es zunehmend schwierig, das nun entstehende Gegengewicht außer Acht zu lassen.

Ich bin stolz auf meine alte Heimatstadt New York. Wäre ich nur zehn Tage länger geblieben - ich hätte einen Aufbruch erlebt. Doch wie ist es mit meiner jetzigen Heimatsstadt Berlin? Und mit Deutschland insgesamt?

Wie schön wäre es gewesen, hätten wir vor den letzten Wahlen eine nur annähernd so kämpferische Stimmung gehabt. »In Deutschland unmöglich!« meint mancher bedauernd. Stimmt das? Stuttgart bewies das Gegenteil, ebenso die Aktionen gegen Atommülltransporte. Und erlebten wir nicht eine ähnliche Atmosphäre in Dresden bei den Februarprotesten gegen die Nazis, auch in Berlin und in vielen anderen Städten, wo die Rechtsextremisten marschieren wollen?

Gewiss, die von der Krise Betroffenen hungern hier nicht - anders als in den USA; sie werden seltener aus ihren Wohnungen verdrängt, haben öfter medizinische Behandlung. Auch ein noch so mieser Billigjob hält Menschen von lauten, offenen Protesten ab. Doch werden Mieten hier nicht oft drastisch erhöht? Und gibt es keine bitteren Sozialkürzungen?

Schaut man aber auf die Entwicklung der Piratenpartei, dann spürt man, dass sich auch unter jungen Deutschen Unzufriedenheit verbreitet. Und es ist zu fürchten, dass das Leben in Deutschland und in Europa kaum besser wird - so, wie die Versuche zur Krisenbewältigung laufen. In Manhatten hat es mit 200 Empörten angefangen. Gibt es nicht auch hier eine Chance? Kann nicht auch hier neue Hoffnung wachsen?

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