Heinz Niemann 08.10.2011 / Geschichte

Ein unabgegoltenes Erbe

Vor 120 Jahren: Sieg Marx'schen Denkens

Bei Brot und Wein versammelt – Köpfe der deutschen Sozialdemokratie 1893 in Zürich: Clara Zetkin (3.v.l.), daneben Friedrich Engels, August Bebel (4.v. r.) und Eduard Bernstein (r.)
Der Erfurter Parteitag der SPD vom 14. bis 20. Oktober 1891 fand in einem sich rasch verändernden Umfeld statt. Die Zeit war von zunehmenden Klassenkämpfen in Deutschland und anderen europäischen Ländern geprägt. Zwei internationale Arbeiterkongresse 1889 in Paris hatten gewachsenes Selbstbewusstsein signalisiert. »Und selbst in die dumpfe Luft dieses Reichstags drang ein Hauch der mächtigen Bewegung, die durch das europäische Proletariat wogte«, schrieb Franz Mehring. Mächtige FraktionAm 25. Januar 1890 hatte der Reichstag die Verlängerung des Sozialistengesetzes mit 169 gegen 98 Stimmen abgelehnt. Bereits bei den Wahlen im Februar 1890 wurde die in einem zwölfjährigen Kampf gegen den »Eisernen Kanzler«, Otto von Bismarck, gereifte deutsche Sozialdemokratie mit 19,7 Prozent Stimmen die stärkste Partei und errang 35 Mandate. Die neue Situation warf aber auch neue Probleme auf. Es zeigte sich, dass das Zusammenwachsen von Eisenachern und Lassalleaner, die sich 1875 in Gotha vereinigt hatten, durch das Sozialistengesetz behindert worden ist. Wesentlichstes Bindeglied war die Gegnerschaft zum preußischen Polizeistaat gewesen. Zudem hatte die Illegalität die Rolle der Reichstagsfraktion außerordentlich gestärkt, was bei einigen zur Überschätzung der parlamentarischen Arbeit führte. Dies sollte in einem neuen Organisationsstatut festgeschrieben werden. Dies gelang nicht, aber die Zusammensetzung des in Erfurt gewählten Vorstandes beließ de facto die Parteiführung bei der Fraktion. Georg von Vollmar wurde zum Sprecher einer Politik, die »zur Versumpfung der Partei führen müsste«, so August Bebel. Im Vorfeld des Parteitages in Erfurt vermischten sich programmatische, strategische, organisationspolitische und personelle Auseinandersetzungen. Dies widerspiegelte sich sowohl in der intensiven internen Debatte des Parteivorstandes von vier Entwürfen, ehe einer an die Spitzen der Partei sowie an Friedrich Engels und Karl Kautsky verschickt wurde. Erst nachdem dies durch kritische Hinweise von Engels verbessert worden war, erfolgte die Veröffentlichung des Vorstandsentwurfs.Gleichzeitig erarbeitete Kautsky einen zweiten, gestraffteren Entwurf für die »Neue Zeit«. Dank Engels war dessen Hang zu dogmatischen Verkürzungen gemildert worden, so sein Hinweis, dass es nicht um »absolute Verelendung« gehe, was proletarischer Widerstand verhindern könne und werde, wohl aber um die »wachsende Zunahme der Unsicherheit der sozialen Existenz« aller Arbeitenden infolge weiterer Konzentration von Kapital, unvermeidlicher Krisen und zunehmender Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen. In über 400 Volks- und Parteiversammlungen zur Programmdebatte widerspiegelte sich die rege Anteilnahme der rasch wachsenden Mitgliedschaft.Engels hatte seine größte Aufmerksamkeit der Machtfrage gewidmet, entnahm er doch aus einem »großen Teil der sozialdemokratischen Presse« einen »einreißenden Opportunismus«. Dessen Vertreter meinten, »die heutige Gesellschaft wachse in den Sozialismus hinein«. Es sei zwar vorstellbar, so Engels, dass die alte Gesellschaft »friedlich in die neue hineinwachsen« könne, aber nur dann und dort, »wo die Volksvertretung alle Macht in sich konzentriert, wo man verfassungsmäßig tun kann, was man will, sobald man die Majorität des Volkes hinter sich hat: in demokratischen Republiken«. Feststehe, so Engels weiter, »daß unsere Partei und die Arbeiterklasse nur zur Herrschaft kommen kann unter der Form der demokratischen Republik«. Für ihn war die Eigentumsfrage untrennbar mit der Machtfrage verknüpft. Er machte es von den jeweils konkreten Bedingungen und vom Verhalten der herrschenden Klasse abhängig, auf welchem Weg – friedlich-parlamentarisch oder revolutionär – die Macht erobert werden kann.

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