Ein Leben mit Opiaten

Mit fortschreitendem Alter leiden Contergan-Opfer an immer mehr Langzeitschäden

  • Von Barbara Driessen, epd
  • Lesedauer: 3 Min.
In einer Studie des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums werden seit Anfang September die Langzeitprobleme contergangeschädigter Menschen erforscht. Ziel ist, individuelle Maßnahmenpläne für die 2700 Betroffenen zu entwickeln, die mittlerweile zwischen 49 und 54 Jahre alt sind.

Rösrath. Claudia Herterich kann nur mit starken Schmerzmitteln leben. »Ich nehme Morphin und Opiate, die greifen die Organe nicht so an«, sagt die dynamische Frau mit den verkümmerten Armen ohne jegliches Selbstmitleid. »Mir geht es gut, weil das Seelische in Ordnung ist«, sagt die 1962 geborene Diplom-Psychologin. Und fügt nach einem kurzen Zögern hinzu: »Aber das nimmt schon viel Lebensqualität.« Claudia Herterich gehört zu den 2700 contergangeschädigten Menschen in Deutschland.

Ihre Mutter hatte in der Frühphase der Schwangerschaft von ihrem Arzt das Schlafmittel Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid verschrieben bekommen. Als Folge dessen wurde Claudia Herterich 1962 mit schweren körperlichen Behinderungen geboren. Ursprünglich hatten die Ärzte den Betroffenen nur eine Lebensdauer von etwa 18 oder 19 Jahren prognostiziert. Mittlerweile sind die Contergangeschädigten zwischen 49 und 54 Jahre alt.

Doch die ursprünglichen Behinderungen haben zu Langzeitschäden geführt, die den Betroffenen immer mehr zusetzen. »Vor fünf Jahren konnte ich noch problemlos laufen«, sagt Claudia Herterich. Jetzt setzt sie sich immer wieder mal in ihren Rollstuhl, um ihre Hüften zu entlasten. Die eine Hüfte ist beinah zerstört, aber operieren lassen geht nicht, »weil die Nachsorge so schwierig wäre«. Krücken oder einen Rollator kann sie aufgrund ihrer kurzen Arme nicht benutzen.

Studie in NRW

In einer Studie des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums werden seit Anfang September die Langzeitprobleme contergangeschädigter Menschen erforscht. Ziel ist, individuelle Maßnahmenpläne zu entwickeln. Herterich zum Beispiel musste ihre Festanstellung im vergangenen Jahr aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Aber sie schaffte es, sich selbstständig zu machen, und arbeitet weiter. »Sprache ist mein Handwerkszeug«, sagt sie. Nun betreut sie Menschen mit Behinderungen, arbeitet weiterhin als Therapeutin und ist für Firmen im »betrieblichen Eingliederungs-Management« tätig: Sie versucht Arbeitnehmern nach Krankheit oder Burn-out die Rückkehr in den Beruf zu ermöglichen.

Wie ist das möglich für jemanden, der selbst schwerbehindert ist? »Ich kaufe mir Hände und Füße ein«, sagt Claudia Herterich. Sie stellt Menschen ein, die ihr »Arbeitsassistenz« leisten, sie bei ihren Vorträgen begleiten, ihre Tasche tragen oder ihre aufs Diktiergerät gesprochenen Texte abtippen. Dass sie sie selbst einstellt und bezahlt, sei wichtig für ihr Selbstwertgefühl. Etwa 50 Prozent ihrer Einkünfte gehen für die Arbeitsassistenz oder für Hilfsmittel drauf, die sie dringend für den Alltag braucht.

Deswegen fordern Claudia Herterich und ihr Mann Udo, der Vorsitzender des Interessenverbandes Contergangeschädigter in Nordrhein-Westfalen ist, mehr finanzielle Entschädigung. »In Deutschland liegt der monatliche Höchstsatz bei rund 1100 Euro«, sagt Udo Herterich, der selbst ein Contergan-Opfer ist und im Rollstuhl sitzt. »In Italien liegt er dagegen bei 4000 Euro und in Großbritannien bei 4500 Euro.« Sein Traum wäre eine ähnlich hohe Rente für alle Betroffenen in Deutschland.

Geld für Assistenz

»Wir sind ein Produkt der Firma Grünenthal und der Bundesregierung«, sagt Udo Herterich. Beide seien verantwortlich. Das Pharmaunternehmen Grünenthal habe 1961 noch eine große Werbekampagne für Contergan gestartet, obwohl ihm bereits 3000 Fälle von Behinderungen gemeldet worden seien. »Und die Bundesregierung ist auch schuld, weil es damals noch keine bundeseinheitliche Gesundheitsbehörde gab, die schnell auf gemeldete Gesundheitsrisiken reagieren konnte.«

Claudia Herterich geht es nicht darum, einfach mehr Geld zu haben. »Aber ich weiß, dass ich in zehn Jahren viel weniger arbeiten kann und gleichzeitig mehr Assistenz nötig habe.« Sie wolle nicht in einem Pflegeheim landen, sondern selbstständig bleiben.

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