Befreiung durch den Beat

Maren Kroymann mit ihrem Songprogramm »In My Sixties« in der Bar jeder Vernunft

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Von Dusty Springfield flüstert sie aus dem Off, taucht dann zwischen den Vorhängen auf: im blauen Taftkleid von ärmellosem Chic. Und geht gleich zur Sache. Bei »I only want to be with you« rafft sie den Rock, wird zwischendrin zur Dancing Queen, bei all dem bescheiden hinter dem Song zurücktretend. So nähert sich Maren Kroymann einer Heroine des Showbiz. Für sie, die arrivierte Schauspielerin und Kabarettistin, ist die große britische Sängerin etwas Besonderes. Dusty, so erzählt sie, war mein Anker, der Beweis, man etwas durchstehen kann. Wie das gemeint ist, füllt Kroymanns Soloprogramm in der Bar jeder Vernunft. »In My Sixties« heißt es doppelbödig und spielt auf ihr gerade erreichtes Alter ebenso an wie auf jene Zeit, in der Kroymann klein, Springfield groß war.

Aus Tübingen stammt die Entertainerin, hatte vier Brüder und zeitgemäß ziemlich prüde Eltern. Und worum geht es in so jungen Jahren? Um Pubertät, erwachende Liebe, Gefühlsunwägbarkeiten. »My guy« singt sie, Mary Wells? swingenden Evergreen, beleiht wiederum Springfield, um auszudrücken, was sie damals fühlte: »Wishin? and hopin?«. So gerät die musikalische Zeitreise durch die 60er Jahre auch zur genüsslichen Plauderei durch Marens Jugend in jener spießigen Universitätsstadt. Das amüsiert prächtig und erinnert viele im ausverkauften Haus an die eigene Geschichte. Schnell entsteht so eine positiv verschworene Komplizenschaft zwischen Bühne und Saal. Kroymann bedient die Erwartungen mit einer verblüffend klangvollen, dunkel timbrierten Stimme, der man gern zu- und den Spaß an den autobiografisch passgerechten Songs jener Ära anhört, exquisit begleitet von der Jo-Roloff-Band.

Von der türkischen Imbissbude berichtet sie, an der es so mutig wie verwegen war zu essen, von den entdeckten Nachtclubs, zieht sich in sattes Rot um, kommt auf die ersten Girltrios der USA zu sprechen, die unbefangen drauflossangen, auch Maren befreien halfen. Dorthin wollte sie, wo Mädchen Ängste besiegen, ging zu einer Gastfamilie nach Amerika, aufs College, erfuhr, dass frau sich rasiert.

Dann kommt die Schauspielerin zum Zug. Eine Freundin, die eben die große Liebe entdeckt hatte, natürlich verheiratet, bietet Anlass zu einem Ausflug ins Chanson und zur Hoffnung auf einen »Romantischen Mann«. Beim Thema Lesben und Kurzsichtigkeit wird es satirisch: Makel müssen kompensiert werden, etwa durch die Turmfrisuren und den Lidstrich der Springfield. Wie ernst Maren indes ihre Balladen nimmt, zeigt »I close my eyes and count to ten«, ein Text voller Sehnsucht, mit gesanglich großer Geste. Einzig der Schlenker zu den Kinks und ihrem »Sunny afternoon«, der als das Finale des ersten Teils die Stimmung ins Lässige zurückdrehen soll, trifft weniger Kroymanns Kernfähigkeiten. Mit dem hymnischen »The sun ain?t gonna shine anymore« erweist sie den Walker Brothers ihren Tribut, singt mit männlich eingedunkelter Stimme, findet zu ganz eigener Interpretation.

Weniger Text, dafür mehr Musik bietet der Teil nach der Pause. Weniger auch erfährt man da über Maren, mehr jedoch über ihre musikalischen Vorlieben. Wie Mutter ihr von Lust abriet und die Tochter damit nur neugieriger machte, greift nochmals private Erinnerung auf. Auch vor Perlen deutscher Schlagerlyrik scheut sich Maren nicht. Der Schluss gehört freilich Dusty Springfield.

Bis 9.10., Bar jeder Vernunft

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