Palikot, der Politschreck

Ein polnischer »Pirat« zieht in den Sejm ein

Als der 46-jährige erfolgreiche Geschäftsmann mit philosophischer Ausbildung vor einem Jahr die regierende Bürgerplattform (PO) verließ, für die er zweimal in den Sejm gewählt worden war, räumte man ihm nicht die geringsten Chancen in der realen Politik ein. Doch am Donnerstag dieser Woche waren die Umfragewerte seiner »Bewegung zur Unterstützung Palikots« (Ruch Palikota - RP) auf mehr als 10 Prozent der Stimmen gestiegen. Die RP würde demnach die drittstärkste Fraktion im Sejm stellen, noch vor dem Bund der Demokratischen Linken (SLD), dem die letzte Prognose der »Gazeta Wyborcza« 9,2 Prozent zubilligte. Die Bauernpartei PSL, bisher Juniorpartner der regierenden PO, käme demnach auf 8,7 Prozent. Für den Senat kandidiert Palikots Partei nicht, denn sie fordert die Auflösung der zweiten Parlamentskammer.

Seit Monaten zieht Palikot unermüdlich durchs Land und propagiert seine Forderungen: Trennung von Staat und Kirche, Erleichterung des Schwangerschaftsabbruchs, kassengetragene In-vitro-Befruchtung, Straffreiheit für »weiche Drogen«, kostenloses Internet, reale Chancen für gebildete junge Leute, rechtliche Gleichstellung »anders Liebender«, transparente Steuerregelungen, Abzug aus Afghanistan und vieles mehr. Forderungen, die ihm große Popularität einbrachten. Palikot gewann sie vor allem bei jungen Wählern, die - wie er selbst - die »betonierte, unbewegliche politische Szene« in Schwung bringen wollen. Aber auch etliche bisherige Wähler des SLD werden ihr Kreuz diesmal vermutlich bei der RP machen, die Janusz Palikot als »Beginn einer modernen Linken« anpreist.

An den verschiedensten »Events« Palikots, die er noch als PO-Abgeordneter im Sejm organisierte, fanden junge Wähler jedenfalls ihren Spaß. Sein Wiedereinzug ins Parlament gilt als sicher. Zwar will er »zur Verfügung« stehen, falls PO und PSL nur ein paar Mandate für die Weiterführung ihrer Koalition fehlen, doch wahrscheinlich wird er im Parlament als »Schreck« für alle anderen Fraktionen fungieren. Lustiger wird es damit in der polnischen Politik schon. Ob sich seine durchaus berechtigten Forderungen durchsetzten lassen, steht auf einem anderen Blatt.
J.B.

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