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Ausgebrannte Helfer

Zur Lage von Sozialpädagogen in Sachsen-Anhalt

  • Von Uwe Kraus, Magdeburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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Experten schlagen Alarm: Viele Sozialpädagogen zeigen gefährliche Belastungssymptome. Das belegt eine Studie, für die 350 Jugendarbeiter in Sachsen-Anhalt befragt wurden. In für die Fachkräfte kritischen und belastenden beruflichen Situationen gebe es keine ausreichenden Stützungs- und Beratungssysteme, stellen die Autoren fest.

»Ausgebrannt?« steht über einem Projekt, das die Arbeitssituation und Arbeitsbelastung von Fachkräften der Kinder- und Jugendarbeit im Land Sachsen-Anhalt untersucht hat. Jeder Fünfte der 700 Jugendbildungsreferenten, die über die Jugendpauschale beziehungsweise landesweit gefördert werden, zeigt gefährliche Belastungssymptome.

»Die Situation ist alarmierend«, konstatiert Nicole Stelzer, die Geschäftsführerin des Kinder- und Jugendrings Sachsen-Anhalt (KJR LSA). Eine Studie von Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt (Hochschule Magdeburg-Stendal), für die 350 Jugendarbeiter befragt wurden, belegt das und spiegelt bundesweite Trends wider.

Ohne Rückhalt

»Unsre Projekt-Idee wuchs aus den Forderungen unserer Basis nach wissenschaftlichen Zahlen für etwas, was immer nur gefühlt existierte«, erklärt Stelzer. »Die Resonanz aus den anderen Kinder- und Jugendringen auf die erstmals erhobenen Forschungsergebnisse ist voller Bewunderung: Endlich wird wissenschaftlich unterlegt, was hinter vorgehaltener Hand überall gesagt wird.« Der Kinder- und Jugendring Sachsen-Anhalt ist der Zusammenschluss von 23 landesweit tätigen Jugendverbänden, drei Dachverbänden sowie der Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jugendverbände der kreisfreien Städte und Landkreise.

Wendt bescheinigt den Fachkräften hohe Professionalität ihrer pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Jugendzentren oder -verbänden. Jedoch zeigt die tägliche Praxis, dass unterdessen weniger als die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit pädagogischem Handeln gefüllt sind. KJR-Vorstand Rolf Hanselmann bezieht das nicht nur auf das Klo-Putzen oder das Einschrauben von Glühbirnen. Der Verwaltungsaufwand zwischen Anträgen und Abrechnungen steige immer mehr.

Für Nicole Stelzer ist eine »super pädagogische Ausbildung an den Hochschulen das eine. Aber in welchem pädagogischen Studiengang lernt man was über Verwaltungs- und Zuwendungsrecht? Oder wie man was abrechnet?« Sie beklagt eine geringe gesellschaftliche Wertschätzung für jene, die sich mit den jungen Menschen befassen, die doch die Zukunft gestalten sollen. »Wir sind nicht die Sozial-Fuzzis, die mit Händchenhalten-Pädagogik etwas bewirken wollen. Mich ärgert auch, dass Fachfremden in der Kinder- und Jugendarbeit per se Kompetenz zugesprochen wird, nur weil sie selbst drei Kinder zu versorgen haben.«

Ein Grundübel sei, sagt Stelzer, dass oftmals dem einzigen Sozialpädagogen in einer Einrichtung alles in seinem Haus obliege. »Mancher von ihnen betreut fünf bis sieben Jugendfreizeiteinrichtungen, fährt dafür kilometerlang übers flache Land und muss noch Bürgerarbeiter und Ein-Euro-Jobber vor Ort anleiten.« Noch schlimmer sei, dass die Fachkräfte bloß selten bei den Trägern der Einrichtungen oder gar bei den Jugendämtern Rückenhalt fänden.

»In für die Fachkräfte kritischen und belastenden beruflichen Situationen gibt es keine ausreichenden Stützungs- und Beratungssysteme«, stellte Wendt fest, der nun auch in anderen Bundesländern seine Studie fortführen möchte. »Supervision« am Küchentisch sei keine Seltenheit, berichtet KJR-Vorstand Rolf Hanselmann. Die eigene Familie oder Freunde seien »Rettungsanker« und ein Rückzugsort für Pädagogen, die oft existenzielle Entscheidungen treffen müssen, was sie psychisch stark unter Druck setze.

Ziel gefährdet

Kritik übt die Studie zudem daran, dass Finanziers, Träger und Vorgesetzte ihrer fördernden Rolle oft nur unzureichend gerecht werden. Wendt sieht Jugendämter in den Landkreisen, kreisfreien Städten und im Land bis hin zum Ministerium für Arbeit und Soziales in der Pflicht.

»Dem Land Sachsen-Anhalt drohen hier beachtliche Einbrüche in Bezug auf den Umfang und die Stärke des Engagements seiner Fachkräfte. Zwanzig Prozent der Fachkräfte sind bereits jetzt an ihrer persönlichen Grenze angekommen«, erläutert Wendt. Immer mehr Teilzeitstellen - jeder zweite Jugendsozialarbeiter Sachsen-Anhalts ist laut Nicole Stelzer davon betroffen -, Arbeitsverdichtung und unregelmäßige Arbeitszeiten gefährden das Ziel, engagiert mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Hinzu kommen oftmals fehlende ideelle und materielle Anerkennung sowie unklare persönliche und einrichtungsbezogene Zukunftsperspektiven.

Mehr Informationen im Internet unter: www.fokusjugend.de

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